Forschung für den Krieg

Deutschland exportiert Waffen und Militärtechniken, das ist kein Geheimnis. Doch zuvor müssen die erst einmal entwickelt werden. Das passiert in Unternehmen und Forschungsinstituten – doch auch Universitäten können an Rüstungsforschung beteiligt sein. Jürgen Altmann, Professor für experimentelle Physik, erklärt im Interview mit der Pflichtlektüre, was Rüstungsforschung ist, welche Grauzonen es gibt und warum er zivile Forschung gerade an Universitäten für so wichtig hält.

Ein Interview von Lara Schwenner

Herr Altmann, Sie selbst sind für die TU Dortmund an Projekten der Abrüstungsforschung beteiligt. Was genau ist denn der Unterschied zwischen Rüstungs- und Abrüstungsforschung?

Naturwissenschaft und Frieden passt (nicht immer) zusammen: Jürgen Altmann ist Physikprofessor und Friedensforscher. Teaserbild: Peter Smola, pixelio.de. Foto: privat

Naturwissenschaft und Frieden sind sein Spezialgebiete: Jürgen Altmann ist Physikprofessor und Friedensforscher an der TU Dortmund. Teaserbild: Peter Smola, pixelio.de. Foto: privat

Zunächst würde man beides als angewandte Forschung bezeichnen. Und angewandte Forschung zeichnet sich dadurch aus, dass man nicht nur ein Naturphänomen verstehen will, sondern mit dieser Forschung ein konkretes Ziel erreichen möchte. Bei Rüstungsforschung ist das Ziel Techniken zu erforschen, die später im Militärwesen eingesetzt werden können. Wenn man Abrüstungsforschung betreibt, dann ist das Ziel Frieden und die internationale Sicherheit zu fördern.

Wie zum Beispiel?

Betrachten wir einen Fusionsreaktor. Hier bietet sich prinzipiell die Möglichkeit Waffenmaterial zu erbrüten. Also sollte man die Technik von vorneherein so anlegen, dass die Erzeugung von nuklearwaffenfähigen Materialien erschwert wird. Nicht, dass es verboten wird, sondern, dass es von vorneherein technisch schwierig ist. Das nennt man proliferationsresistente Auslegung.

Wo hört normale Forschung auf und wo fängt Rüstungsforschung an?

Jeder, der heutzutage moderne, naturwissenschaftlich angewandte Forschung betreibt, müsste blind sein, wenn er nicht merken würde, dass es dort auch militärische Bezüge oder militärische Anwendungen gibt. Ein ganz heißer Bereich ist zum Beispiel die Robotik. Speziell in den USA wurde die Roboterforschung an Universitäten über Jahrzehnte vom Militär gefördert. Heute gibt es Drohnen, die zunehmend bewaffnet werden, in Zukunft könnten sie sogar selbst schießen. Kleine Drohnen mit eingebauten Kameras können aber wiederum auch Brandherde aufspüren oder von Erdbeben verwüstete Gebiete analysieren. Gerade bei der Steuerung von Drohnenschwärmen gibt es also ganz starke Berührungspunkte.

Wie schätzen Sie das Ausmaß von Rüstungsforschung an deutschen Universitäten ein?

Es ist eher gering. Rüstungsforschung findet in Deutschland hauptsächlich an außeruniversitären Instituten statt. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, aber auch Unternehmen forschen im Auftrag des Bundesverteidigungsministeriums. An dieser Stelle sollte man den Unterschied zwischen Forschung und Entwicklung hervorheben: Universitäten forschen und generieren damit neues Wissen; Unternehmen entwickeln dann auf der Grundlage des neu gewonnenen Wissens einsatzfähige Systeme. Nur wenige Universitäten sind auf Forschungsebene in Sachen Rüstung und Verteidigung eingebunden.

Welche sind das konkret?

Auch Hochschulen geraten immer mal wieder in den Fokus militärischer Zwecke. Foto: Martin B., pixelio.de

Auch Hochschulen können zur Zielscheibe militärischer Zwecke werden. Foto: Martin B., pixelio.de

Vor etwas über einem Jahr gab es einen strittigen Fall an der Universität Tübingen. Eine Forschergruppe hat die Behandlung von Opfern chemischer Waffen untersucht. Finanziert wurde das Projekt von der Bundeswehr. Diese Ergebnisse können einerseits Soldaten betreffen, die im Einsatz durch verbotene chemische Waffen verletzt wurden. Andererseits profitieren von einer besseren Behandlung auch Bewohner der dritten Welt, die mit ähnlichen chemischen Substanzen durch Insektizide auf Feldern in Kontakt kommen.

Trotzdem werden immer wieder Vorwürfe gegen Hochschulen laut, dass sie für Rüstungszwecke forschen – zuletzt gegen die RWTH Aachen. Was treibt eine Universität überhaupt zu militärischer Forschung an?

Der Forschung fehlt es meist an Geld. Bietet das Verteidigungsministerium einer Universität nun Geld,  damit sie für es forscht, dann ist die Motivation für solche Projekte zunächst einmal vorhanden. Schreibt das BMVg diesem Forschungsprojekt aber Geheimhaltung vor oder schließt bestimmte Mitarbeiter davon aus, dann sollte das für die Universität und den Forschungsleiter nicht akzeptabel sein. Da Universitäten ihre Forschungsergebnisse auch immer verpflichtend veröffentlichen müssen, hat das Bundesverteidigungsministerium meist nur ein begrenztes Interesse daran, seine Forschung in universitäre Hände zu geben.

Also wären Ihrer Meinung nach geheime Projekte an Universitäten nicht möglich?

Praktisch nicht. Was in diesem Zusammenhang aber gerne ausgenutzt wird, sind Doppelpositionen: Wenn ein Lehrstuhlinhaber gleichzeitig auch ein außeruniversitäres Forschungsinstitut leitet, lässt sich die geheim zu haltende Forschung in Letzteres auslagern. Gleichzeitig können trotzdem Doktoranden der Universität gefragt werden, ob sie daran mitarbeiten möchten. Bei solchen Fällen ist besondere Wachsamkeit der jungen Kolleg(inn)en gefragt.

Bundesweit fordern Studentenbewegungen eine zivil ausgerichtete Forschung an Universitäten. Die Verankerung einer sogenannten „Zivilklausel“ in den Uni-Richtlinien soll Militärforschung verhindern. Was halten Sie davon?

Im Sinne dessen, dass man sich verstärkt darum kümmert, was mit den Ergebnissen der eigenen Wissenschaft passieren kann, finde ich es sinnvoll. Wie schon angedeutet gibt es in vielen Bereichen Grauzonen. Deshalb ist es wichtig, genau hinzuschauen: gibt es Berührungspunkte zur militärischen Anwendung? Lassen die sich begrenzen oder ist es im Einzelfall auch angeraten, das Projekt gar nicht erst zu beginnen? Für problematische Projekte sollte es meiner Meinung nach ein Ethikkomitee geben, das dann systematisch anhand von Kriterien entscheidet und eventuell auch zur Nicht-Antragsstellung empfiehlt. Auch an der TU Dortmund wäre es sinnvoll, sich die Bedeutung unserer Zivilklausel wieder mehr in das Bewusstsein zu rufen – sowohl bei Forschenden als auch Studierenden.

Rein zivile Forschung ist also Wunschdenken?

Selbst für die abstrakteste Wissenschaft lässt sich eine militärische Anwendung finden. Ein Beispiel ist die Zahlentheorie, ein Rückzugsgebiet, bei dem man sich über Jahre sicher war, dass es nichts mit dem Militär zu tun hat. Dann wurde plötzlich entdeckt, dass sich mit Primzahlen Geheimcodes verschlüsseln lassen. Jetzt kommt aber die neue Physik und entwickelt die Quantencomputer, mit deren Hilfe das Entschlüsseln von Primzahlen plötzlich ganz einfach werden könnte, die Codes wären knackbar. Nun unterstützen die USA in massiver Form die Forschung an solchen Quantencomputern. Die Wissenschaft kann sich also nicht allen Forschungsprojekten verweigern, deren Ergebnisse irgendwann einmal militärisch genutzt werden können. Die Konsequenz daraus ist eher zu sagen: ich mache keine direkt militärischen Projekte.

Herr Altmann, vielen Dank für das Gespräch.


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