Ein Antiquariat für Kulinarisches

Unzählige Bücher stehen in schmucklosen Blechschränken, fein säuberlich nummeriert und katalogisiert. Ordner randvoll mit Zeitschriften, selbst Videokassetten finden hier und da ihren Platz zwischen den vergilbten Buchrücken. Schnell wird klar: Das hier ist kein normales Bücher-Antiquariat. Wer sich hier einliest, findet keine Romane, sondern Rezepte für Suppen oder Aufläufe. Ich stehe im Archiv des einzigen Kochbuchmuseums Deutschlands – im Dortmunder Westfalenpark.

Die alten Kochbücher sind in akkurater Schrift mit Rezepten gefüllt worden. Foto: Thorben Lippert.

Ruth Gierok, ehrenamtliche Mitarbeiterin im Archiv des Deutschen Kochbuchmuseums, greift wahllos in den Schrank und überreicht mir eines der Bücher. Vergilbte Seiten schauen aus dem Umschlag heraus. Als ich das Buch öffne, fallen mir Ausschnitte aus Zeitungen entgegen. Auf den Seiten sind fein säuberlich – in einer Schrift, die ich nur schwer entziffern kann – Rezepte aufgeschrieben. Fast einhundert Jahre ist es alt und stammt aus dem Küchenschrank eines unbekannten Spenders. Mittwochs ist das Archiv des Deutschen Kochbuchmuseums für Interessierte zum Sichten alter Rezepte geöffnet – und für diejenigen, die ihre alten Kochbücher nicht in den Müll verbannen, sondern ihnen eine Heimat im Archiv des Museums gönnen wollen. So ist auch das Buch hierhin gekommen, in dem ich jetzt blättere.

Für mich ist nun wirklich nicht das erste Mal, dass ich ein Kochbuch in der Hand halte. Gerne zaubere ich nach einem langen Uni-Tag noch ein Gericht, anstatt meinen Essenswunsch in mein Smartphone zu tippen. So bequem Lieferando, Deliveroo & Co auch sind – den Kochlöffel schwinge ich lieber selbst. Denn Kochen verbindet für mich Kreativität mit Entspannung. Mittlerweile bin ich stolzer Besitzer einer kleinen, aber feinen Kochbuchsammlung. Und was wahrscheinlich selten ist: Sogar ein Heft mit eigens gesammelten Rezepten besitze ich.

Rezepte aus 300 Jahren

Bücher aus den verschiedensten Jahrhunderten tummeln sich in den Schränken des Archivs. Foto: Thorben Lippert.

Und das sieht ungefähr so aus wie das Buch, dass Gierok mir gerade in die Hand gedrückt hat. Dieses Jahrzehnte alte Exemplar ist etwas ganz Besonderes, erklärt mir Dr. Johanna Jannack. „Wir haben eine sehr große Sammlung an handgeschriebenen Kochbüchern. Auf die legen wir besonders großen Wert.“ Sie machen aber nur einen kleinen Anteil des breiten Fundus aus. Wie Gierok ist auch Jannack ehrenamtliche Mitarbeiterin im Archiv. Heute gehören dem Deutschen Kochbuchmuseum rund 11.500 Bücher. Im Jahr 1988 wurde nach jahrelangen Planungen gegründet – als erstes und bis heute einziges Kochbuchmuseum Deutschlands. Der Fundus an Rezepten aus mindestens 300 Jahren ist seitdem beständig gewachsen. Und zwar so stark, dass das Museum nach der Jahrtausendwende Freiwillige suchen musste, die sich um die Masse an Büchern kümmern konnte. Heute ist auch der Verein proKULTUR fester Bestandteil des Museums, der beim Katalogisieren, Ordnen und bei der Instandhaltung der Bücher hilft. 

„Damals wurden wir mehr oder weniger ins kalte Wasser geworfen. Die Bücher stapelten sich auf dem Boden und unsere erste Aufgabe war, die Bestände vollständig zu katalogisieren“, erklärt Jannack. Noch heute ist sie fasziniert von den alten kulinarischen Büchern. Die Kochbücher finden vor allem durch freiwillige Spenden ihren Weg in die Schränke: „Vieles sind Bücher, die die Menschen bei ihren Verwandten finden. Wegschmeißen wollen sie sie nicht und sind deshalb froh, wenn sie die hier abgeben dürfen.“ Und froh ist das kleine Museum über die Bücher natürlich auch.

Mehrere Exemplare aus dem 17. Jahrhundert sind im Besitz des Museums, die ältesten und teuersten sind aber sicher in Tresoren im Dortmunder Museum für Kunst- und Kulturgeschichte aufbewahrt. Nachdem ich einige Bücher durchgeschaut habe, bemerke ich die Unterschiede zwischen den Jahrhunderten: Bei den ältesten Exemplaren finden sich im Vorspann Anleitungen zum Kochen über der offenen Feuerstelle, teilweise gibt es sogar Tipps zum Umgang mit Angestellten. Auch Kochbücher aus den Kriegszeiten des 20. Jahrhunderts finden sich in den Schränken. Hier gibt ein Militär-Koch einfache Rezepte mit wenigen Zutaten weiter – direkt aus der „Feldküche“ – und dort kriege ich Einblicke in ein Heftchen mit Rezepten von unseren Nachbarn aus den Niederlanden. Stundenlang könnte ich mich durch die mannshohen Regale wühlen. Ich erfahre hier nicht nur etwas über Rezepte, das hier ist Geschichte zum nachkochen.

Kochen ist heute mehr als bloße Nahrungszubereitung

Dr. Johanna Jannack (vorne) und Ruth Gierok begutachten ein altes Kochbuch. Foto: Thorben Lippert.

Wenn man heutzutage auf der Suche nach einem Kochbuch eine Buchhandlung betritt, ist nicht viel von der Nostalgie übrig geblieben: Kochen scheint heute mehr ein Hobby, ein Event zu sein, als die notwendige tägliche Pflicht einer Hausfrau. Die klassischen Kochbücher von Knorr und Doktor Oetker seien mittlerweile schon lange nicht mehr in Mode, erklärt mir eine Mitarbeiterin einer großen Buchhandlung in Dortmund. „Gesund kochen“, „Natürlich kochen“ oder „Kochen ohne Zusatzstoffe“ – solche Titel seien aktuell die Objekte der Wahl. Denn Lifestyle-Kochbücher, Wälzer für vegane und vegetarische Gerichte und Hochglanzwerke von Trendköchen wie Jamie Oliver und Attila Hiltmann lassen sich besser vermarkten als Standard-Kochbücher.

„Alle paar Jahre poppt sowieso ein neuer Kochtrend auf. Eine gewisse Rückkehr zum natürlichen Kochen ist aber zu beobachten.“, erklärt mir die Buchhändlerin. Und ein bisschen Hintergrundwissen beim Kochen mitzunehmen, zieht offensichtlich auch: „Es sind nicht nur noch Rezepte aufgelistet, sondern es werden auch Geschichten dazu erzählt. So werden bei länderspezifischen Rezepten auch oft die dazugehörigen Regionen vorgestellt“, erklärt die Buchhändlerin. Schließlich muss beim gemeinsamen Essen mit den Nachbarn auch eine gewisse Expertise bewiesen werden, denke ich. Im Kochbuchmuseum habe ich heute jedenfalls eine ganz andere Seite meines Hobbys entdeckt: Alte Schätze, die mir die Trend-Kochbücher von heute ganz bestimmt nicht offenbart hätten.

Und wie steht es um die Koch-Ambitionen der Studis? Ist selber Kochen durch Mensa und Lieferdienste überflüssig geworden? Oder gibt es noch mehr von meiner Sorte, die gerne selbst Hand anlegen?

Die Zukunft des Deutschen Kochbuchmuseums
Das Deutsche Kochbuchmuseum soll in den nächsten Jahren eine neue Ausstellung bekommen. Der Plan: Ein Umzug von der Buschmühle im Westfalenpark in die Dortmunder Innenstadt. Dort sollen nicht nur Kochbücher Teil der Ausstellung sein – der Fokus soll auf der Ernährung nach dem zweiten Weltkrieg liegen. Denn zur Zeit sind nur die Kochbücher im Archiv ersichtlich. Jeden Mittwoch von 10 bis 14 Uhr helfen die ehrenamtlichen Mitarbeiter den Besuchern dort beim Sichten der alten Bücher – und freuen sich über neue alte Exemplare für ihren Fundus.

Beitragsbild: Thorben Lippert