Handwerk - die Wirtschaftsmacht von nebenan?

Thorben Lippert

Die Wirtschaftsmacht von nebenan - so stellt sich das Handwerk seit einiger Zeit selbst dar. Klingt gut, war aber mal besser. Denn die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Seit Jahren gibt es immer weniger Lehrlinge, auch die Betriebszahlen sinken trotz Anreizen für Selbstständige wieder.

Also hält sich die Handwerksbranche an die Vergangenheit. Und da war sie tatsächlich eine Wirtschaftsmacht, die breite Mitte der Gesellschaft. Jugendliche fanden eine Ausbildung zum Zimmermann oder zum Maurer erstrebenswert. Inzwischen müssen die Handwerkskammern nachhelfen, versuchen durch Kampagnen Nachwuchs zu gewinnen und das Image der Berufe zu verbessern. Das ist aber schwierig. Denn ein Hochschulstudium ist für junge Menschen deutlich attraktiver. In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Zahl der Studienanfänger fast verdoppelt.

Doch wie erleben die Betroffenen den Umschwung in ihrer Branche? Wie fühlt es sich an, wenn der Betrieb früher lief und heute am Existenzminimum steht? Drei Handwerker eröffnen Einblicke in ihre Welt.

Der Schuhreparateur

Franco Nalessos Werkstatt sieht wie ein Relikt aus anderen Zeiten aus. Schwere alte Maschinen stehen hinter seinem Tresen, auf dem er sich abstützt. Wenn sich die Tür öffnet, blickt er von seiner Zeitung auf und sofort schießt ihm ein herzliches Lächeln ins Gesicht. Er ist gebürtiger Italiener, das erzählt er gerne. Und in Italien kam er erstmals mit seinem heutigen Beruf in Berührung. Mit seinem Bruder arbeitete er in einer Schuhfabrik.

Franco Nalesso bei der Arbeit. Dabei steht er nur noch selten hinter den Maschinen - die Kunden bleiben immer häufiger aus.

Irgendwann zog es ihn aus Italien ins Ruhrgebiet, wie viele seiner Landsmänner in der damaligen Zeit. 1980 eröffnete er seine Schuhreparatur im Dortmunder Norden. Konkurrenzbetriebe gab es im Viertel damals viele, fünf bis sechs sollen es gewesen sein. "Mein Laden lief damals besser, obwohl ich heute der letzte verbliebene Schuhreperateur bin", sagt er heute. Höchstens ein Dutzend Kunden verirren sich heute noch täglich in seinen Laden.

Mein Laden lief damals besser, obwohl ich heute der letzte verbliebene Schuhreparateur bin.

Franco Nalesso, Schuhreparateur.

Wenn man Franco Nalesso fragt, wieso es mit seinem Laden so abwärts gegangen ist, hat er zwei Antworten. Zum einen sei der Standort inzwischen schlecht. "Früher liefen hier Familien vor dem Fenster her, heute sind es schon mittags Männer mit Bier und Zigaretten." An anderer Stelle, in Dortmunds Innenstadt, da gibt es Schuhreparaturen, bei denen deutlich mehr Kunden ein- und ausgehen.

Erinnerungen an bessere Zeiten: Nalesso bewahrt noch einige Bilder von den frühen Jahren seiner Werkstatt auf. Mittlerweile hat sich viel verändert.

Der zweite Grund für die ausbleibenden Aufträge sind billige Industrieprodukte. "Wenn die Schuhe kaputt sind, schmeißen die Leute sie weg und kaufen neue", berichtet Nalesso. Billige Materialien und Massenproduktionen machen den Handwerkern zu schaffen. Nicht nur Schuhreparateure merken das, auch Tischler oder Hutmacher bleiben ohne Auftrag.

Nalessos Werkstatt rentiert sich finanziell nicht mehr, aufgeben kann und will er sie aber auch nicht. Er hängt an seinem Laden, das merkt man. Und er hängt an seinem Handwerk. Aber er kann es eben viel zu selten ausführen: „Ich stehe den ganzen Tag so hier rum. Das macht keinen Spaß mehr.“ Wie lange er das noch machen möchte, weiß er nicht.

Die Hutmacherin

Im Gegensatz zu Franco Nalesso ist Bärbel Wolfes-Maduka immerhin nicht alleine. In ihrem Hutsalon in Witten sitzt sie mit zwei Auszubildenden in der Werkstatt, auch eine Praktikantin arbeitet an einem Filzhut. Wolfes-Maduka übernahm 1996 den Hutsalon von ihrer ehemaligen Ausbilderin, vorher hatte sie einige Jahre an Theatern und Opern gearbeitet.

Auch ihr Laden lief früher besser, ihre Familie könnte sie alleine nicht mehr ernähren. Die Gründe ähneln denen von Nalesso. Auch Wolfes-Maduka muss inzwischen billige Konkurrenzprodukte aus dem Internet fürchten. Die sind zwar nicht aus hochwertigem Filz – aber in Mode ist der Hut momentan sowieso nicht.

Bärbel Wolfes-Maduka arbeitet in ihrem Hutsalon an hochwertigen Kopfbedeckungen. Veränderungen in der Mode und billige Industrieprodukte machen ihr zu schaffen.

Dabei gab es allein in Witten in der Nachkriegszeit mehrere Hutsalons. Heute ist Wolfes-Madukas Werkstatt nicht nur die letzte in Witten, sondern auch eine der letzten im gesamten Ruhrgebiet.

Dass die Zahl der Modisten und Hutsalons zurückgeht, ist auch die Schuld der Branche selbst, meint Wolfes-Maduka: „Die Hutmacher haben sich in den 1970er Jahren nicht darum gekümmert, den Hut auch in Zukunft in Mode zu halten. Schließlich hatten sie ja noch ihre älteren Kunden.“ Zur Jahrtausendwende sei dieses Handwerk dann deutlich geschrumpft. „Da haben alle gemerkt, dass es die Generation nicht mehr gibt, die Hüte trägt.“

In den Regalen stapeln sich die Formen für die unterschiedlichen Hüte, auf die später das Filz gezogen wird.

Weil ihr Handwerk in einigen Belangen ein paar Jahre zurückhängt, leistet sich Wolfes-Maduka einen seltenen Luxus. Die Auszubildenden, die bei ihr den Beruf der Modistin lernen, sind die letzten ihrer Art. In Deutschland werden pro Jahr gerade mal ein Dutzend der Ausbildungsstellen ausgeschrieben.

Doch Wolfes-Maduka hält ihren Weg für richtig: „Wir müssen die jungen Menschen für das Handwerk begeistern, damit sie ihre Freude am Hut an Gleichaltrige weitergeben. Auf mich hört doch niemand mehr.“ Den Generationswechsel möchte sie aktiv vorantreiben, auch wenn sie finanziell leichte Einbußen durch die Auszubildenden hat.

Wir müssen die jungen Menschen für das Handwerk begeistern.

Bärbel Wolfes-Maduka, Modistin.
Der Blick in die Werkstatt von Wolfes-Maduka. Hier verbringt sie die meiste Zeit, selten finden Kunden den Weg in ihren Ausstellungsraum.

Wolfes-Maduka hat gegenüber der Schuhwerkstatt von Franco Nalesso einen kleinen Vorteil. Ihr Handwerk ist so selten geworden, dass sich daraus schon wieder Chancen ergeben. Sie nennt es deshalb einen "Orchideenberuf". Aufträge bekommt sie inzwischen sogar aus der Schweiz. „Die Kunden kommen auch von weiter weg und halten uns dann die Treue.“

Die Buchbinderin

Einen "Orchideenberuf", den hätte Heike Gürtler auch gerne. Denn auch ihr Handwerk ist ungewöhnlich. Doch die Buchbinderin hat im Moment andere Sorgen. An der Tür zeigt sie aufgebracht auf die Wände. Der Putz blättert langsam ab. „Schön war die Werkstatt ja noch nie. Aber inzwischen ist sie leider ziemlich heruntergekommen“, sagt sie auf dem Weg ins Obergeschoss. Schmucklose Möbel stehen in ihrem Büro, die Tapete hat einen Gelbstich. Gürtler setzt sich an den Tisch und zieht hektisch an ihrer Zigarette. Zu lange habe sie an ihrer alten Werkstatt festgehalten, sagt sie. Diese ist inzwischen von einer Häuserzeile verschluckt worden. Den Weg in den kleinen Hinterhof finden potenzielle Kunden nur schwer.

Heike Gürtler vor den Fenstern ihrer Werkstatt. Sie liegt in einem Hinterhof, ist eigentlich marode. Doch die Buchbinderin verpasste den richtigen Zeitpunkt zum Umzug.

Gürtler reagierte zu langsam auf die Veränderungen. Genauso wie Nalesso mit seinem Standort und Wolfes-Maduka mit dem Verschwinden ihrer Kunden. Vielleicht ist gerade das das Problem des Handwerks: Zu lange Reaktionszeiten auf neue Herausforderungen.

Das zweite große Problem wird auch bei Gürtler deutlich. Sie klagt über Billigdienstleister aus Osteuropa, die ihr die Kunden wegnehmen. Dabei hat sie doch so viel zu bieten, versichert sie. "Ich decke noch so viele andere Bereiche ab. Ich muss es den Leuten nur besser vermitteln."

Ich decke noch so viele andere Bereiche ab. Ich muss es den Leuten nur besser vermitteln.

Heike Gürtler, Buchbinderin.
Zwischen den Buchpressen liegen Werkzeuge, immer häufiger bleiben die Pressen leer. In der Zeit arbeitet Gürtler auch an anderen Projekten.

Der Beruf des Buchbinders sei viel mehr als nur das Zusammenkleben von Seiten. Gürtler bindet Abschlussarbeiten und Verhandlungsunterlagen von Rechtsanwälten. Schmuckkästen baut sie, Einbände sowieso. Aber auch das interessiert die Kunden kaum noch – sie haben mittlerweile ganz andere Wünsche. Fragten sie nach Modeschmuck, machte Gürtler Modeschmuck. Fragten sie nach einer BVB-Kollektion, so setzte Gürtler sich an ihre Werkbank und holte schwarz-gelbe Farben aus den Schubladen. Sie diversifiziert ihr Angebot - und hofft auf Schnittmengen mit den Wünschen ihrer Kunden.

Gürtler bindet nicht nur Bücher. Sie fertigt Schatullen an und neue Einbände. Häufig reagiert sie auf individuelle Wünsche ihrer Kunden.

Hilfe erhält Gürtler von der Handwerkskammer in Dortmund. Eine Beraterin baute mit Gürtler eine Website und platzierte gut sichtbar große Plakate an der neuen Häuserfront, um potenzielle Kunden auf die Werkstatt im Hinterhof aufmerksam zu machen. Weitere Werbeprojekte sollen folgen: Seminare möchte Gürtler geben, vielleicht auch ihre Werke in einem Atelierhaus ausstellen.

Gesundgeschrumpft

Vieles muss getan werden, um den langsamen Verfall der traditionellen Handwerksberufe aufzuhalten. Hoffnung hat beispielsweise Wolfes-Maduka: "Ich glaube das Handwerk hat sich gesundgeschrumpft." Einige Wege, die sie und ihre Kollegen und Kolleginnen beschreiten, sind ein Schritt in die richtige Richtung. Nachwuchs für die Berufe ist wichtig, eine breitere Öffentlichkeit ebenso. Denn vielleicht braucht es markige Sprüche, damit das Handwerk auch wirklich die Wirtschaftsmacht von nebenan bleibt.

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