Dioxin: Verzicht auf’s Frühstücks-Ei?

Wer oder was ist eigentlich „Dioxin“? Seit Tagen geistert das Wortungetüm in den Medien herum und scheint sich dort zu etablieren. Nach BSE und Gammelfleisch ringt Deutschland mit dem nächsten Lebensmitteskandal. Doch was steckt eigentlich dahinter? Müssen wir künftig auf das Frühstücks-Ei verzichten oder ist alles nur Panikmache? pflichtlektüre sagt euch, worauf man jetzt achten sollte.

In Gefahr: Das Frühstücksei. (Foto:wrw/pixelio.de)

„Insgesamt sind relativ wenig gesicherte Informationen bekannt“, erklärt Bernard Burdick von der Verbraucherzentrale NRW die Schwierigkeit, genaue Verhaltensregeln herauszugeben. „Momentan sind zehn Codenummern von dioxinbelasteten Eiern bekannt. Das heißt aber nicht, dass andere nicht belastet sind.“

Der Skandal breite sich weiterhin bundesweit aus. „Vor zwei Wochen waren 5 000 Betriebe gesperrt, zwischenzeitlich nur 400. Heute sind es schon wieder 1 000. Das kann auch noch eine Weile so weitergehen“, sagt Burdick.

Mehrheit der Proben unbedenklich

Viele Ergebnisse stünden noch aus, bislang bliebe die Mehrheit der Proben allerdings unter dem Grenzwert. Bevor das Ergebnis der Analysen nicht feststeht, dürften eventuell betroffene Betriebe allerdings nicht öffentlich gemacht werden. Das missfällt Verbraucherschützer Burdick: „Es sollte auch schon der Verdacht veröffentlicht werden dürfen. Besonders wenn man sieht, wie dramatisch sich das belastete Tierfutter bundesweit ausgebreitet hat.“

Pro Tag und Kilo Körpergewicht nimmt der Durchschnittsverbraucher auch in skandalfreien Zeiten über die Nahrung etwa ein Billionstel Gramm Dioxin zu sich. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO ist sogar die vierfache Menge noch unschädlich für den menschlichen Organismus. Eine Ernährung, die überwiegend auf tierischen Produkten basiert, kann jedoch durchaus zu einer Überschreitung dieser Mengen führen.

75 verschiedene Formen von Dioxin

Nach Schätzungen nehmen wir etwa 93 Prozent des Dioxins über tierische Produkte auf, allein 17 Prozent davon über Milchprodukte. Bei einer nicht veganen Ernährung ist es somit fast unvermeidlich mit dem Stoff in Berührung zu kommen. Vergiftungserscheinungen sind dabei trotzdem nicht zu erwarten. Eine erhöhte Krebsgefahr durch Dioxin wird vermutet, konnte allerdings bislang nicht eindeutig nachgewiesen werden.

Dioxin ist eines der am wenigsten erforschten Gifte. Dabei gibt es das Dioxin an sich gar nicht, sondern vielmehr 75 Formen davon. Zusätzlich gibt es 135 verschiedene, mit dem Dioxin eng verwandte so genannte Furane, die alle unter dem Begriff Dioxine zusammengefasst werden.

Chemikalie kann Jahrzehnte im Körper bleiben

Dioxine entstehen unter hohen Temperaturen und bleiben oft als Abfallprodukte industrieller Verbrennungen übrig. Der Stoff ist überall in unserer Umwelt: im Boden, in der Luft, in Lebensmitteln – und das, obwohl er in keinem industriellen Prozess hergestellt wird, sondern nur als Abfallstoff entsteht. Auch durch Abwässer, Papierproduktion und die Düngung mit Klärschlamm kommt Dioxin in Umlauf.

Schweinefleisch wird noch als unbedenklich eingestuft. (Foto: Anne Bermüller/pixelio.de)

Schweinefleisch wird derzeit noch als unbedenklich eingestuft. (Foto: Anne Bermüller/pixelio.de)

Die Körperzellen selbst lässt Dioxin nicht entarten. Das Gift ist somit kein unmittelbarer Verursacher von wuchernden und bösartigen Tumoren. Allerdings verhindert es, dass bereits existierende schadhafte Zellen absterben. Dadurch, so glauben Forscher, begünstigt es die Entstehung von Krebs indirekt.

Freisetzung bei Gewichtsverlust

Auf der anderen Seite exisitieren aber auch Studien, die die krebshemmende Wirkung von Dioxin belegen wollen. Forscher der Universität Tübingen fanden heraus, dass Dioxin die Bildung des Hormons Östrogen hemmt, welches wiederum das Wachstum von Tumoren begünstigt. Als Medikament findet Dioxin aufgrund seiner zahlreichen Nebenwirkungen aber keine Anwendung.

Ein Problem von Dioxin ist seine lange Halbwertszeit. Es kann Jahre oder Jahrzehnte dauern bis die Chemikalie nicht mehr im Körper nachweisbar ist. Dioxin lagert sich vor allem in Körperfett an. Solange es daran gebunden ist, bleibt es inaktiv. Erst bei Gewichtsverlust oder starker körperlicher Belastung wird es freigesetzt.

Besonders tierische Produkte sind betroffen

Auch bei einer Schwangerschaft wird das im Körper der Mutter befindliche Dioxin über die Plazenta an das Kind weitergegeben. Laut einer Studie des Umweltbundesamtes verhält sich die Dioxinbelastung, der das Kind im Mutterleib ausgesetzt ist, dabei proportional zur mütterlichen Fettkonzentration.

Dioxin reichert sich auf vielfältige Arten in Lebensmitteln an: Vor allem über die Nahrungskette, besonders in fleischfressenden Tieren. So kann, wie im aktuellen Fall, das Fleisch von Nutztieren über belastetes Futter verseucht werden und gelangt so letztlich auch in die menschliche Nahrungskette.

Je höher der Fettgehalt, desto höher das Risiko

Für die Dioxinbelastung in Lebensmitteln gilt also die Faustregel: Je höher der Fettgehalt eines Produktes, desto höher das Risiko einer Dioxinbelastung, da sich dieses in Fett leichter anlagert.

Aktuelle Informationen hat die Verbraucherzentrale. (Foto: Verbraucherzentrale NRW)

Die Verbraucherzentralen bieten kostenlos aktuelle Informationen zum Dioxin-Skandal. (Foto: Verbraucherzentrale NRW)

Deshalb sind Eier besonders mit Dioxin belastet. Im fetthaltigen Dotter reichert sich besonders schnell und – verglichen mit der geringen Masse – sehr viel Dioxin an. Im magereren Fleisch von Tieren reichert sich das Gift hingegen langsamer an. Deswegen ist bislang auch erst ein Fall von verseuchtem Schweinefleisch bekannt.

Kein Verzicht aufs Frühstücksei nötig

Auf das geliebte Frühstücksei muss deshalb trotzdem nicht verzichtet werden. Bio-Eier werden derzeit vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit als unbedenklich eingestuft. Bernhard Burdick von der Verbraucherzentrale NRW rät jenen, die auf Nummer sicher gehen wollen, von allen anderen Eiern ab. Der Verbraucher kann erhöhte Dioxin-Werte selbst nur sehr schwer feststellen. Lediglich für belastete Eier aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sind genauere Kennziffern bekannt.

An den Kennziffern sind belastete Eier identifizierbar. (Foto:Verbraucherzentrale NRW)

An den Kennziffern sind belastete Eier identifizierbar. (Foto: Verbraucherzentrale NRW)

Unbedenklich: Produkte, die Eier enthalten

Allerdings gibt Ernährungsexperte Burdick von der Verbraucherzentrale NRW Entwarnung für Lebensmittel, in denen eventuell belastete Eier verarbeitet wurden. Da Eier oft nur ein geringer Bestandteil dieser Produkte sind und eine eventuelle Belastung durch die anderen Inhaltsstoffe „verdünnt“ würde, sei bei diesen Produkten keine Überschreitung der Grenzwerte zu erwarten.

Dioxin-Belastung im Laufe des Lebens ausschlaggebend

Auch wenn dioxinbelastete Lebensmittel auf dem Tisch landen, ist die Gesundheit also nicht in akuter Gefahr. Durch ein hochbelastetes Ei wird vermutlich niemand erkranken. „Alle relevanten Institutionen schließen eine akute Gefährdung der Gesundheit aus“, versichert Burdick. „Viel wichtiger ist, wieviel Dioxin der menschliche Körper im Laufe seines Lebens insgesamt verkraften muss.“