Nonsens-Museum: Ein Dorf zwischen Sinn und Unsinn

Erfindungen können die Welt verändern. Das Rad beispielsweise. Oder die Dampfmaschine. Und auch der halbautomatische Nasenbohrer, die windbetriebene Zahnbürste und der ausrollbare Zebrastreifen. Unsinn? Nun ja – ein paar Erfinder aus Österreich zeigen, dass auch Nonsens irgendwie sinnvoll sein kann. Und locken damit jährlich 10 000 Besucher in ihr Dorf.

Zwischen Wien und Prag, dort, wo die Landschaft beginnt sich aufzuwellen wie ein verrutschter Teppich, liegen viele kleine Dörfer verstreut in den weiten Tälern des österreichischen Weinviertels. Eines davon heißt Herrnbaumgarten. 972 Einwohner, 20 Weinbaubetriebe und ein Nonseum. Ein genial-verrücktes, weltweit einzigartiges Museum für Nonsens-Erfindungen.

"Transzebra Portable". Der ausrollbare Zebrastreifen. Erfunden von Stefan Slupetzky, Foto: Gerhard Schnabl.

"Transzebra Portable. Der ausrollbare Zebrastreifen." Erfunden von Stefan Slupetzky, Foto: Gerhard Schnabl.

Der tragbare Zebrastreifen

Es begann mit einem bekleckerten Tischtuch. Als vier junge Österreicher sahen, wie die Kellnerin es einfach umdrehte und wiederverwendete, kam ihnen eine wahrlich geniale Idee: Sie entwickelten ein dreidimensionales Tischtuch in Form eines Würfels, welches man sechsmal wenden konnte, ohne es einmal waschen zu müssen. Die sensationelle Erfindung begeisterte ihre Schöpfer dermaßen, dass sie 1984 gleich eine ganze Messe veranstalteten – die „Erste Österreichische Nonsens-Erfindermesse“. Prunkstück der Ausstellung: „Transzebra Portable“. Der tragbare Zebrastreifen. Sicherheit zum Ausrollen.

Die jungen Männer breiteten ihre Sachen aus, hängten ein paar Plakate auf und verständigten die Lokalzeitungen. „Dann warteten wir auf unsere 37 Gäste. Dass daraus ein Ansturm von 5 000 Leuten wurde, hatte niemand ahnen können – es wehte ein Hauch

"Halbautomatischer Nasenbohrer. Die Akkuversion folgt demnächst. Bohrstärke 18 mm, Durchmesser bis 28 mm lieferbar." Foto: Mischa Nawrata.

"Halbautomatischer Nasenbohrer. Die Akkuversion folgt demnächst. Bohrstärke 18 mm, Durchmesser bis 28 mm lieferbar." Foto: Mischa Nawrata.

von großer Welt durch die Stalltüren, und wir wurden beinahe sowas wie berühmt für eine Viertelstunde“. Der Nonsens war in Herrnbaumgarten gelandet. Und er verließ das Dorf nie wieder. Im Gegenteil.

Ein „verrücktes“ Dorf sorgt für Aufsehen

Das Dorf wechselte den Standpunkt und beschaut die Welt seither „gekonnt aus einem leicht schrägen Blickwinkel“. Aus dem eigentlich ganz normalen Örtchen wurde plötzlich das Zentrum des künstlerisch-erfinderischen Nonsens. Es folgten nonseale Geniestreiche wie die „Sammlung historischer Knopflöcher“ („Bitte beachten Sie, dass es sich bei den gesammelten Exemplaren um die reinen Löcher handelt“) oder das „24-Stunden-Weinbergschneckenrennen“ („So erschöpfend, dass manche Schnecken für die 24 Stunden glatt 25 benötigten“). Die Nacktschnecken wurden aus Jugendschutzgründen natürlich sofort disqualifiziert.

Anfang der Neunziger wurde dann der VVG gegründet – der „Verein zur Verwertung von Gedankenüberschüssen“. Der Traum seiner Mitglieder: eine Ideenbörse zu gründen „für schräge, unausgereifte, wahnwitzige, unterschätzte, skurrile Gedankengänge. Wir werden im Garten sitzen und die Katzen auf dem Dach beobachten, wenn sie sich gegen den Abendhimmel abheben, und wir werden Ideen wälzen wie Schneebälle, bis sie lawinenhaft anwachsen oder man wenigstens einen Schneemann damit bauen kann.“

Die Ideenbörse für skurrile Gedankengänge: das Nonseum. Foto: www.nonseum.at

Die Ideenbörse für skurrile Gedankengänge: das Nonseum. Foto: www.nonseum.at

Nonseum als Herzstück

Und zehn Jahre später konnten die Nonsens-Erfinder endlich ihren Ideen-Schneemann bauen: das Nonseum. Seit nun über 16 Jahren zeigen sie hier ihre einzigartigen Erfindungen. Das Nonseum, so sagen sie selbst, „nützt wirklich niemandem. Das aber sehr gewissenhaft und mit aller Liebe“. Es ist das Herzstück eines besonderen, eines verrückten Dorfes, das mit seiner fröhlichen Mischung aus „hintersinnigem Quergedenke, freundlichem Professionalismus und wohlwollendem Missverständnis“ jedes Jahr tausende Neugierige anlockt.

Über allen Aktionen steht seit je her das Motto: „So funktioniert’s auch nicht viel schlechter. Aber es macht wesentlich mehr Spaß.“

"Tragbares Loch. Mit Lochschoner." Erfunden von David Staretz, Foto: Helene Waldner.

"Tragbares Loch. Mit Lochschoner." Erfunden von David Staretz, Foto: Helene Waldner.

Oder anders formuliert: „Nonsens tritt ein, wenn etwas voll daneben geht, aber nicht unelegant. Mit Getöse vorwärts gestürmt und – Eigentor. Immerhin ein Treffer!“

Auch Nonsens hat einen Sinn

Dabei wird in dem ganzen Unsinn und Aberwitz, unter der dicken Schicht Ironie, Nutzlosigkeit und Absurdität eines deutlich: Auch der Nonsens hat einen Sinn – „Irgendwie, irgendwann und irgendwo wollen wir auch dem letzten Weltenbürger ein Lächeln entlocken!“ Und so kann auch der halbautomatische Nasenbohrer die Welt ein kleines Stück verändern. Er macht sie zumindest ein bisschen lustiger.

Einige der Fotos sind entnommen aus dem Nonseum-Kalender „Erfindungen die wir auch nicht brauchen“ mit Fotos von Helene Waldner.