Kommentar: Der Wunsch nach Schweigen

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Ich habe ein sehr naives Weltbild. Ich träume von einer Welt ohne Krieg, ohne Hass, ohne Diskriminierung oder Unterdrückung. Ich weiß, das ist unrealistisch. Trotzdem: Allein mein Glaube an eine bessere Welt hält diesen Traum aufrecht. Die Anschläge von Paris haben dieses Weltbild erheblich ins Wanken gebracht.

Warum nur? Wie kann das sein? Vielleicht waren es diese Fragen, die mich anschließend in die sozialen Netzwerke getrieben haben. Aber nur ziemlich kurz. Denn keine zwölf Stunden später habe ich dort sinngemäß solche Meinungen vernommen:

„Die westliche Welt ist an allem Schuld, sie haben durch ihre Kriege Terrororganisationen erst entstehen lassen.“ – „Der Terror in Paris macht euch alle total betroffen, aber die Anschläge im Libanon, der Türkei und Tunesien waren euch scheißegal.“ – „Wer sein Profilbild in die Tricolore ändert oder #prayforparis twittert, trauert nicht, sondern ist ein Heuchler.“ – „Die Grenzen müssen jetzt dicht gemacht, damit keine Flüchtlinge mehr ins Land kommen und wir sicher sind.“

„Wie soll man überhaupt Worte für etwas finden, für das es keine Worte gibt?“

Alle diese Postings haben eines gemeinsam: Sie verursachen Kopfschütteln bei mir – und ich unterstelle ihren Verfassern, dass sie meinen, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Wenn es für jeden komplexen Sachenverhalt nur eine so einfache Lösung geben würde, mein eingangs genannter Traum wäre schon längst Realität.

Nach solchen Katastrophen denken wir vermutlich weniger an die unschuldigen Opfer, die einen sinnlosen Tod gestorben sind. Vielmehr meinen wir, uns unbedingt in sozialen Netzwerken zu der Katastrophe äußern oder uns die Ursachen dafür erklären zu müssen. Woher kommt dieser Reflex? Verändern wir damit überhaupt irgendetwas? Nein. Und wie soll man überhaupt Worte für etwas finden, für das es keine Worte gibt? Wenn man keine Worte hat, ist Schweigen oft die bessere Alternative.

Ich wünschte, es hätten in den vergangen Tagen mehr Menschen geschwiegen.

Foto: Flickr/TheJoker

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