Der Breitmaulfrosch: Der Knöchel ist das neue Dekolleté

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Ob Poetry-Invasion, Grüne Smoothies oder die hippesten Hipster-Klamotten – über Kunst, Lifestyle, Mode und Kultur lässt sich gut das Maul zerreißen. Ein chronischer Maulzerreißer ist der Breitmaulfrosch, der an dieser Stelle merkwürdige Trends aufs Korn – und dabei kein Seerosenblatt vor den Mund nimmt. Heute planscht er in der Welt der nackten Frauenhaut – die irgendwo aufblitzt. Je nach modischen Trends am Dekolleté, am Bauch oder ganz aktuell am Knöchel.

Das Schönste, was eine Frau tragen könne, sei ihre nackte Haut, wird der 2008 verstorbene Modeschöpfer Yves Saint-Laurent in einem Artikel in der ZEIT zitiert. Nun, das stimmt nicht ganz, der wahre Wortlaut des Hornbrillenträgers war nämlich: „Nichts ist schöner als ein nackter Körper. Das schönste Kleidungsstück, das eine Frau tragen kann, ist die Umarmung eines Mannes, der sie liebt. Und für die, die dieses Glück nicht finden, bin ich da.“

Die Designer-Ikone entwarf zwar den Smoking für die Frau, in seinen Kollektionen fanden sich jedoch auch Miniröcke und extrem weite Ausschnitte. Es scheint kaum Mode für Frauen zu geben, in der nicht irgendwo die besagte nackte Haut eine wichtige Rolle spielt – oder zumindest, wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Betonung der weiblichen Figur durch Korsagen und weite Reifröcke. Um zu Yves Saint-Laurent zurück zu kommen: er spricht von der „Umarmung eines Mannes“, der eine Frau liebt – es geht um Nähe, um Intimität, Sexualität. Und Frauen, „die dieses Glück nicht finden“, sollen einen Ersatz in der Mode finden. 

Intimität schaffen durch Mode

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Der nackte Knöchel ist das neue Dekolleté. Foto: Hannah Schmidt

Offenbar ging es nicht nur Saint-Laurent in seinen Schöpfungen auch immer darum, diese Intimität zu schaffen: Stückchenweise nackte Haut zu zeigen, die ein Mann oder eine andere Frau sonst nur in einer intimen Situation zu sehen bekäme. Dass jeder, der den modisch gekleideten Menschen sieht, sich ein bisschen fühlt als sei er intim mit diesem. Waren es das gepushte Dekolleté im 17. und 18. Jahrhundert, oder fast die kompletten Beine in den 80ern – kürzer geht kaum -, und in den 90ern der Bauch und alles andere, was unter transparenten Oberteilen hervorblitzte, gab es auch Jahre, in denen die Haut dezenter zum Vorschein kam. Amüsant empfand man so in den 20er-Jahren weite, wippende Röcke und abstehende Taschen, allenfalls die Handgelenke und die Waden waren zu sehen – und das war bis in die 50er-Jahre hinein mächtig aufregend: ein hervorblitzender Knöchel, ein Augenzwinkern, und den Männern wurde schwindelig.

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Was wir heute auf den Straßen sehen, ist ein Potpourri aus der gesamten Modegeschichte, so scheint es manchmal. Jeden Sommer gibt es neue Anklänge aus vergangenen Jahrzehnten oder Jahrhunderten: die 90er im Jahr 2014 – bauchfrei und knallbunt –, die 68er mit ihren kurze Hosen im Jahr 2013, der Hippie-Style der 80er im Jahr 2012. Und 2015 kommt der Knöchel wieder. Die Oberteile haben weniger Ausschnitt, die Schultern sind nicht mehr nackt, dafür werden Jeans hochgekrempelt und mit flachen Sneakers getragen, oft sogar ohne Socken. Was zum Vorschein kommt: das schmalste Stück Bein. Wer sich in der Fußgängerzone einige Zeit besinnt und auf die Füße der hippen Mädchen schaut, kann sich pausenlos an nackter Haut ergötzen.

„Sexy aus Versehen“?

Fast hat dieser Trend aber etwas Verlegenes – denn Knöchel sind bei weitem nicht mehr so aufregend wie noch vor 100 Jahren. Vielmehr erinnert der Anblick an lässig getragene alte und zu kurz gewordene Hosen, flache Schuhe, die Oberteile hochgeschlossen und schlabberig, aber hey – ein bisschen intim geht trotzdem. „Sexy aus Versehen“ sozusagen. Es scheint, als sei alles an „absichtlich sexy“ in der Modegeschichte schon einmal da gewesen: Hals, Schultern, Dekolleté, Nippel, Oberbauch, Bauchnabel, Unterbauch, Oberschenkel, Rücken, Unterschenkel, Knöchel, Handgelenke, Füße. Würde man einen Zusammenschnitt all der in der Mode schon gezeigten nackten Haut machen, bliebe vielleicht – abgesehen von unseren intimsten Körperteilen – nur der bedeckte Hintern übrig. Vielleicht kommt seine Zeit ja im nächsten Jahrzehnt.

 

Beitragsbild: Helena Brinkmann

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