Autorin: Hartz IV selbst miterlebt

© Gerrit Hahn

Hat in Dortmund studiert: Autorin Julia Friedrichs. Foto: Gerrit Hahn

In ihrem ersten Buch hat sich die Journalistin Julia Friedrichs in den Kreisen der selbst ernannten Elite bewegt. Jetzt ist sie zusammen mit ihren Kollegen Eva Müller und Boris Baumholt ans andere Ende der Wirtschaftskette gegangen. Die drei haben Menschen begleitet, die sich mit Niedriglöhnen und Hartz IV durchschlagen müssen.

pflichtlektüre online: Frau Friedrichs, was hat Sie dazu bewegt einen Blick auf die „neue Armut“ zu werfen?

Friedrichs: Die Idee dazu entstand Ende 2004 mit der Hartz IV Reform. Boris, Eva und ich hatten angefangen zu diesem Themenbereich für den WDR zu drehen. Nach einer Weile wurden uns die weitreichenden Folgen dieser Reform immer klarer. Wir konnten nicht aufhören, sondern haben uns immer weiter mit diesem Themenkomplex beschäftigt und konnten genau beobachten, wie sich die politischen Entscheidungen direkt auf das Leben der Hartz IV-Empfänger ausgewirkt haben. Schließlich hatten wir Filmmaterial aus vier Jahren zusammen. So sind circa zehn Filme à 45 Minuten entstanden. Die Filme haben wir für die Sozialreportage „Abgehängt- Leben in der Unterschicht“ gedreht. Diese bilden auch die Grundlage für das Buch.

pflichtlektüre online: Wie genau ist das abgelaufen?

Friedrichs: Man muss viel Zeit mit den Leuten verbringen, um all diese Infos sammeln zu können. Wir waren immer dabei, egal ob es ein Gang zum Arbeitsamt war oder der Wocheneinkauf.

pflichtlektüre online: Was genau bedeutet arm sein in Deutschland?

Friedrichs: Armut heißt ja in diesem Fall entweder keine Arbeit zu haben oder von der Arbeit, die man verrichtet, nicht Leben zu können. Das betrifft auch nicht nur eine bestimmte Schicht oder ein besonderes Klientel. Jede soziale Schicht ist mittlerweile vertreten. Es ist einfacher geworden in die Armut abzurutschen. In den Massenmedien werden aber oft nur Ausschnitte oder Sequenzen der Armut gezeigt. Das ganze Ausmaß kennt kaum einer. Und sowieso geht es oft eher darum, die einzelnen Leute vorzuführen, als darum, ihnen zu helfen oder zu zeigen, wie es wirklich ist.
Ich habe die Recherchen für „Deutschland dritte Klasse“ parallel zu „Gestatten: Elite“ gemacht. Damit sind beide Bücher sehr gegensätzlich und es war manchmal seltsam, von der einen Welt in die andere einzutauchen. Aber so habe ich nie den Teppich unter den Füßen verloren. Die Elite kennt die Unterschicht nicht und umgekehrt. Aber an beiden Enden gibt es Leute, die sich sehr anstrengen.

pflichtlektüre online: Was ist mit dem Vorurteil, das alle Arbeitslosen nur zu faul sind zum Arbeiten?

Das Buch zeigt: Wer in der Hartz IV-Falle sitzt, hat es schwer wieder heraus zu kommen. Foto: Verlag

Das Buch zeigt: Hartz IV kann heute fast jeden treffen. Foto: Campe Verlag

Friedrichs: Die „faulen Leute“ gibt es nicht. Es gibt nur Menschen, die sich anstrengen und welche, die das nicht tun. Aber auch wenn man sich anstrengt und wirklich alles tut, heißt das nicht automatisch, dass man auch Erfolg hat. Ein Mann hat über 500 Bewerbungen geschrieben und eine Frau aus meinem Buch arbeitete für unter einen Euro die Stunde. Diese zwei Leute haben sich also angestrengt, aber nichts dafür zurückerhalten. Man kann auch arm sein, wenn man arbeitet. Mit Faulheit hat das dann nichts zu tun.

pflichtlektüre online: Was enthüllt das Buch?

Friedrichs: Von Enthüllen kann man wohl so nicht sprechen. Es ist also kein Enthüllungsbuch, spricht aber viele Tatsachen an, die so sicher nicht jedem bekannt sind. Es macht vor allem deutlich, dass sich durch Hartz IV nichts verbessert hat. Wir haben mehrere Leute über Jahre begleitet und sie immer wieder besucht, um zu schauen, was für Fortschritte sie machen und inwieweit sie aus der Armut raus kommen. Von diesen Leuten haben es nur zwei geschafft aus Hartz IV raus zu kommen, und das durch Eigeninitiative. Allein mit der Hilfe von Hartz IV, beispielsweise durch die Vermittlung von 1-Euro-Jobs, hat es allerdings niemand geschafft.

pflichtlektüre online: Und wie löst man dieses Problem nun?

Friedrichs: Es gibt keine einfache Lösung. Aber ich denke es müsste verboten werden, so niedrige Löhne zahlen zu dürfen. Damit nutzt man nur die schlechte persönliche Lage eines Menschen aus, der höchstwahrscheinlich auf das Geld dringend angewiesen ist. Außerdem finde ich es falsch, die Kinder von Hartz IV-Familien schon in jungen Jahren auf eine Förderschule zu schicken, nur weil sie arm sind. Damit schreibt der Staat die Kinder vorschnell ab und sie lernen schon in der Schule, mit Hartz IV zu rechnen.
Die Politiker müssen darauf aufmerksam werden. Aber nicht nur die Politiker, die Leute sollten generell mehr darauf achten und ihre Vorurteile bereinigen. Stereotypen gibt es nicht!

Text: Julia Hortig
Fotos: Hoffmann und Campe Verlag

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