Vorurteile: Es geht nicht ohne sie

Deutsche tragen Lederhosen, Polen klauen Autos und Russen trinken Wodka: Das alles sind Vorurteile, die wir bestimmten Menschengruppen zuordnen, und das in Bruchteilen von Sekunden. Diplom-Psychologin Christiane Albuscheit erklärt im Interview, warum wir uns mit Vorurteilen abfinden müssen.

pflichtlektüre: Frau Albuscheit, was genau sind eigentlich Vorurteile?

Christiane Albuscheit: Vorurteile sind Einstellungen, in der Regel negative Einstellungen, die wir gegenüber Personen oder Gruppen haben. Sie sind immer generalisierend: Es wird nicht mehr auf individuelle Gegebenheiten geachtet. Wir sortieren jemanden wegen seiner Zugehörigkeit zu einer Gruppe in eine bestimmte Kategorie ein. Jede Gesellschaft hat einen Pool von Vorurteilen. Vielleicht als Beispiel die Psychologen. Da denkt man vielleicht: Ach, der ist Psychologe, da muss ich vorsichtig sein, der kann mich ja durchschauen.

Christiane Albuscheit

Psychologin Christiane Albuscheit. Foto: Janina Semenova. Teaserfoto: Klaus Rupp / pixelio.de

Das klingt eher negativ. Aber wozu haben wir eigentlich Vorurteile?

Da gibt es verschiedene Ansätze. Ein wichtiger Aspekt kommt aus der Kognitions-Psychologie. Die geht davon aus, dass wir als Mensch in unserer Wahrnehmung eine grundlegende Tendenz dazu haben, in Kategorien zu klassifizieren. Der Psychologe Lars-Eric Petersen hat den Menschen als „kognitiven Geizkragen“ bezeichnet. Wir Menschen versuchen laut Petersen, uns die Denkarbeit so einfach wie möglich zu machen. Wir erleichtern uns die Orientierung in einer relativ komplexen Umwelt durch Kategorien: Dick und dünn, schwarz und weiß, Mann und Frau.

Also machen wir uns mit Vorurteilen das Leben einfach nur ein bisschen leichter?

Könnte man so sagen. Vorurteile erleichtern uns eben die Denkarbeit, die Orientierung. Durch Vorurteile ist es einfacher, bestimmte Verhaltensreaktionen abzurufen: Wie verhalte ich mich jetzt? Was kommt da eventuell auf mich zu in einer Situation? Was kann ich erwarten?

Haben Vorurteile denn auch noch einen anderen Sinn?

Wir entwickeln in unserer eigenen Gruppe unsere soziale Identität. Die wollen wir natürlich möglichst positiv darstellen. Das erreichen wir, indem wir uns anderen Gruppen gegenüber abgrenzen.

Wovon hängen diese Vorurteile ab?

Wie negativ eine Fremd-Gruppe gesehen wird,  hängt natürlich stark vom Sozialisationsprozess ab. Also was wird mir vorgelebt von den Eltern? Sind das Personen, die sehr voreingenommen sind? Wie sieht das mit den Lehrern aus? Und die Medien spielen natürlich auch eine extreme Rolle: Wie werden dort bestimmte Klischees transportiert?

Wodka karola riegler photography - flickr.com

Russen trinken Wodka: ein typisches Vorurteil. Foto: karola riegler photography / flickr.com

Gibt es einen Unterschied zwischen Stereotypen und Vorurteilen?

Psychologisch gesehen sind Vorurteile Einstellungen. Eine Einstellung hat immer drei Komponenten, egal ob sie positiv oder negativ ist. Zur kognitiven Komponente gehören die Vorstellungen, die man über eine Person hat und die Erwartungen, die man ihr entgegenbringt. Diese kognitive Komponente des Vorurteils, also das, was wir denken, ist ein Stereotyp. Die zweite Komponente ist die affektive: Das sind die Gefühle, die das Vorurteil auslöst.
Bei einem negativen Vorurteil ist das zum Beispiel Misstrauen oder Ablehnung. Und die Verhaltenskomponente ist das, was man letztendlich zeigt: Die Diskriminierung einer Person durch zum Beispiel Ausgrenzung.

Sind wir Vorurteilen ausgesetzt?

Ich glaube, viele Menschen wissen: Diese Vorurteile stimmen nicht. Diese Menschen glauben da auch nicht dran. Trotzdem ist es aber so – und ich denke, das kann jeder bei sich beobachten -, dass die Vorurteile eigentlich automatisch zum Tragen kommen.

Also haben auch Sie als Psychologin kaum eine Chance gegen Vorurteile?

Die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Entstehung und Wirkungsweise von Vorurteilen hilft natürlich, sich diese Prozesse bewusst zu machen und sie eher zu durchbrechen. Aber ich kann auch bei mir selbst immer wieder beobachten, wie in einer bestimmten Situation ein Schema automatisch auftaucht. Zum Beispiel das Angebots -/Discounter-Stereotyp: Ich denke sofort, bei Aldi ist ein bestimmtes Produkt besonders günstig, wobei ein Preisvergleich dann zeigt, dass das nicht immer zutrifft.

Können Vorurteile denn auch verstärkt werden?

Ja, zum Beispiel am Arbeitsplatz, wenn eine gewisse Konkurrenz herrscht. Eine Wettbewerbssituation verfestigt  in der Regel die Vorurteile.

Hausfrau PoMo Golightly / flickr.com

Ein Vorurteil, das sich oft verfestigt: Frauen bleiben als Hausfrau zu Hause. Foto: PoMo Golightly / flickr.com

Wie steht es mit dem „daran glauben“?

Ein Vorurteil ist wie ein Filter, der unsere Wahrnehmung beeinflusst: Informationen oder Dingen, die in mein Schema passen, schenke ich mehr Aufmerksamkeit. Dadurch werden diese Vorurteile immer wieder verstärkt. Informationen, die nicht in diese Kategorie passen, werden in eine Art Sub-Kategorie verfrachtet. Ein beispielhaftes Vorurteil: Frauen machen nichts mit ihrem Studium, sie bleiben letztendlich zu Hause. Man hat den Fokus dann vor allem auf den Frauen, die dieser Kategorie entsprechen. Wenn man dann eine Frau in einer Führungsposition sieht, dann wird eine eigene Sub-Kategorie, die Karrierefrau, gebildet. Man bestätigt sich seine Vorurteile sozusagen selbst.

Gibt es trotzdem eine Möglichkeit Vorurteile zu überwinden?

Oft heißt es: Vorurteile sind änderungsresistent. Wirkungsvoll ist, sich die Vorurteile bewusst zu machen. Dabei kann helfen, dass man Informationen einholt, um eine bestimmte Sachlichkeit zu erhalten. Die Psychologin Juliane Degner sagt, dass man sich Zeit zum Denken nehmen muss, um diesen Automatismus etwas auszuhebeln.

Wenn man mit jemandem Kontakt hat, baut das nur unter bestimmten Bedingungen Vorurteile ab. Es sollte auf jeden Fall ein gleicher sozialer Status, ein gleiches Ziel und eine wechselseitige Abhängigkeit da sein, zum Beispiel bei Studenten, die gemeinsam an einer Präsentation arbeiten. Unter diesen Bedingungen können Vorurteile abgebaut  werden. Aber sonst ist das eben sehr schwer.

Weiterlesen: Zum ersten Mal in Deutschland – eine Amerikanerin und die Vorurteile.

2 Comments

  • Denkerin sagt:

    Die Welt in ihrer ganzen Komplexität Vorurteilsfrei wahrzunehmen verdammt beinahe zum eigenen Stillstand, weil man zu sehr in Beobachterposition verharrt. Wenn man auch auf eigene Erfahrungen baut, ist das OK, solange man seine VBorurteile immer wieder korrigieren kann.

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