Homöopathie: Wirkung ohne Wirkstoff

Rein, raus, der Nächste bitte: Ein Besuch beim Arzt ist oft enttäuschend: Viele Ärzte hechten von einem Sprechzimmer ins andere, fragen Symptome nur ab und erklären kaum etwas. Anders bei Homöopathen. Das Versprechen dort: Keine Chemie, lange Gespräche, und Heilung durch weiße Kügelchen. Kügelchen, die anders wirken, als man glaubt.

Die Sprechzimmer-Atmosphäre beim Arzt: Oft eher unpersönlich und kühl. Nicht aber bei Rega Kamstieß: Das Sprechzimmer der Heilpraktikerin ist bunt, gemütlich, voll mit Deko und Pflanzen und befindet sich direkt in ihrem eigenen Haus. Einen Computer hat die Heilpraktikerin nicht. Dafür aber viel Zeit. Die Anamnese, so heißt das Erstgespräch mit einem Patienten, dauert mindestens eine Stunde.

Pro Tag behandelt Heilpraktikerin Rega Kamstieß 8 bis 10 Patienten. Ihre Sitzung kostet zwischen 80 und 100 Euro.

Zeit ist Geld: Eine Sitzung bei Rega Kamstiess kostet zwischen 80 und 100 Euro. Pro Tag kommen bis zu 10 Patienten. Fotos: Vivien Schütz

Diese Anamnese braucht Heike Stellberg-Hoffmann nicht mehr: Sie ist langjährige Patientin von Rega Kamstieß. Erst bei der Heilpraktikerin wurden ihre Asthma-Beschwerden, wegen denen sie ursprünglich mit der Homöopathie anfing, besser. Von Abfertigung keine Spur: Rega Kamstieß ist entspannt und stellt Heike Stellberg-Hoffmann viele detaillierte Fragen. Zu chronischen Bauchschmerzen, ihrer Übelkeit, ihrem Schwindel und den Schmerzen im Fuß. „Man sieht den ganzen Menschen. Nicht nur das Symptom an sich. Man muss wissen, wie er auf Kälte reagiert, wie er schläft, wie seine Verdauung ist und so weiter. Danach entscheide ich, welches Mittel passt“, erklärt die Heilpraktikerin, die ihre Praxis seit 29 Jahren führt.

Therapie kostet viel

Solch ein intensives Gespräch hat dann auch seinen Preis: Zwischen 30 und 100 Euro kostet eine Sitzung beim Homöopathen. Viel Geld, vor allem für Studenten. Oft aber der letzte Ausweg. So auch bei Rehabilitations-Studentin Lena Fragemann: „Ich hatte jahrelang Bauchschmerzen und war bei zig Ärzten. Die haben aber nicht rausgefunden, was mir fehlt und haben schon angefangen, das auf meine Psyche zu schieben. Meine Mutter meinte dann, ich soll es einmal beim Homöopathen probieren. Hab‘ ich dann auch gemacht, und jetzt bin ich fast beschwerdefrei.“

Studentin Lena kam über Umwege zum Homöopathen. Dort würde man nicht nach 5 Minuten abserviert werden, sagt sie.

Endstation Homöopath: Nach jahrelanger Ärzte-Odyssee kam Studentin Lena zur Homöopathie.

Seit 7 Jahren vertraut sie nun auf Homöopathie – zum Arzt geht sie kaum noch. Wie Homöopathie im Detail funktioniert, kann Lena nicht erklären. „Aber sie wirkt, und das zählt letztendlich“.

Seit knapp 200 Jahren gibt es Homöopathie. Ihr Erfinder ist der deutsche Arzt, Apotheker und Chemiker Samuel Hahnemann. Der probierte einige homöopathische Mittel an sich selbst aus. Homöopathische Mittel werden als  Globuli bezeichnet. Globuli, das sind kleine weiße Streukügelchen aus Zucker, die mit der homöopathischen Flüssigkeit angereichert sind. Aus seinen Selbstversuchen leitete Hahnemann zwei Prinzipien ab, die heute noch gültig sind.,

Vermengen und Verdünnen

Das erste Prinzip: Potenzieren. Ein Ursprungsstoff, z.B. eine getrocknete Pflanze, wird in Wasser und Alkohol verdünnt und stark geschüttelt. Ein paar Gramm davon werden dann weiter verdünnt und davon wiederum noch ein paar Gramm und so weiter. Das Mittel soll dabei umso mehr wirken, umso stärker es „potenziert“, also verdünnt, wurde. „Die Verdünnung ist oft aber so stark, dass da überhaupt kein Wirkstoff mehr drin ist, keine Ausgangssubstanz, nur noch das Lösungsmittel“, sagt Biologie- Professor Dittmar Graf, der zusammen mit anderen Wissenschaftlern sogenannte Parawissenschaften, also Scheinwissenschaften, hinterfragt.

Wasser erinnert sich

Dass die Ursubstanz kaum oder nicht mehr vorhanden ist, streiten Homöopathen nicht ab. Die Erklärung von Heilpraktikerin Rega Kamstieß hängt mit der Wassergedächtnis-Theorie zusammen:

Die Auswahl ist groß: Zwischen 400 und 500 homöopathische Mittel gibt es laut Heilpraktikerin Rega Kamstieß. Ohne Nachschlagewerk kann sie nicht arbeiten.

Die Auswahl ist groß: Zwischen 400 und 500 homöopathische Mittel gibt es laut Heilpraktikerin Rega Kamstiess. Ohne Nachschlagewerk kann sie nicht arbeiten.

Jede Substanz trage eine Information in sich. Auch wenn sich die Ursubstanz an sich stofflich nicht mehr im Medikament befinde, sei da aber noch die Information enthalten. Denn im Lösungsmittel, also im Wasser, hinterlasse der Stoff seine Information bzw. Prägung. „Diese Schwingung sagt dem Körper, dass er irgendwo was falsch macht. Dann weiß der Körper, dass er es falsch macht, ändert es und heilt sich selber“, sagt die Heilpraktikerin. Auch hier ist Dittmar Graf skeptisch: Solche Prägungen seien in Flüssigkeiten nicht möglich, zumindest nicht auf Dauer, sagt er.

Unlogisch an der homöopathischen Lehre ist seiner Meinung nach auch, dass sich nur die positive Wirkung der Ursubstanz verstärke, nicht aber die schädliche. „Im Wasser gibt es immer Verunreinigungen. Diese Verunreinigung wird auch verdünnt, aber scheinbar nicht potenziert. Das ist absurd.“ Genauso absurd seien viele Ursprungsstoffe, sagt der Professor. „Es gibt als Medikament auch die Berliner Mauer. Man nimmt ein Stück davon, zermörsert dieses, verdünnt es immer stärker mit Wasser und erhält dann ein Medikament, das gegen Isolation helfen soll. Das muss man sich mal vorstellen.“

Im „Handbuch der homöopathischen Materia medica“ von William Boerike befinden sich auch Substanzen wie Coca Cola, Ameisen und Blei. Sie sollen demnach gegen Heuschnupfen und Gelenkschmerzen (Coca Cola), Gicht (Ameise), und Nierenerkrankungen (Blei) helfen.

Ähnliches mit Ähnlichem

Das zweite Prinzip der Homöopathie lautet: Gleiches wird mit Gleichem bekämpft. Ausgangspunkt dafür ist Hahnemanns Versuch mit der China-Rinde, damals ein Mittel gegen das Fieber bei Malaria. Hahnemann wollte herausfinden, wie die China-Rinde funktioniert und nahm sie zu sich. Das Ergebnis: Er bekam Fieber. Seine Schlussfolgerung: China-Rinde hilft gegen Fieber, weil China-Rinde selber auch Fieber macht. Heißt für die Homöopathie: Ein Mittel, das bei einem Gesunden ein Symptom verursacht, soll in hochverdünnter Form bei einem Kranken als Mittel gegen das Symptom genutzt werden. „Wenn ich Berliner Mauer nehme und entwickle Isolationserscheinungen, heißt das, beim Kranken, der Isolationserscheinungen hat, hilft Berliner Mauer eben genau gegen diese Isolationserscheinungen. Das kann man nicht nachvollziehen, aber so ist das Prinzip das Hahnemann entwickelt hat“, erklärt Dittmar Graf.

TU-Professor Dittmar Graf ist Mitglied der GWUP, der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften und Skeptiker der Homöopathie.

TU-Professor Dittmar Graf ist Mitglied der GWUP, der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften und Skeptiker der Homöopathie.

Auch Studentin Lena war sich anfangs nicht sicher, ob Homöopathie hilft. Ihre Zweifel verschwanden, als die homöopathische Therapie bei ihrem asthmakranken Pferd anschlug. „Ein Tier kann sich das ja nicht ausdenken.“ Dieses Argument hört Dittmar Graf oft. Seiner Meinung nach hätte es bei Lenas Pferd aber auch einfach gereicht, die chemischen Medikamente gegen das Asthma früher hinunterzuschrauben. Und was Tiere fühlen, wisse zum Schluss auch nur das Tier selber, sagt er. jj

Zufall und Glaube

Er glaubt den Leuten, dass es ihnen besser geht. Damit sei aber nicht belegt, dass das Bessergehen auch ursächlich mit der Homöopathie zu tun habe, sagt er. „Bei mehr als der Hälfte aller Krankheiten ist es so, dass sie irgendwann besser werden. Wenn ich gerade dann zufällig ein Medikament nehme und es wird besser, dann werde ich es kausal verbinden und überzeugt davon sein, dass die Kügelchen geholfen haben.“ Homöopathische Mittel seien oft wie Placebos: Scheinmedikamente, die trotzdem wirken, da der Patient an die Heilung glaubt. Dazu komme noch die Suggestionskraft des Heilpraktikers. Gerade Heilpraktiker hätten eine positive Ausstrahlung, weil sie an die Heilung glauben. Ärzte hingegen würden seiner Meinung nach diese Zuversicht oft nicht ausstrahlen und diese negative Energie auf die Patienten übertragen.

Für Professor Dittmar Graf und viele Wissenschaftler steht fest: „Homöopathie kann durch bestimmte Faktoren wirken“ – aber nicht etwa durch homöopathischen Arzneimittel, sondern durch „Zuwendung, der Placebo-Effekt und die Selbstheilung.“ Eine Überdosis an den Kügelchen ist übrigens kein Problem. 2011 trafen sich Homöopathie-Gegner in einer britischen Apotheke und schluckten den Inhalt einer ganzen Flasche des Mittels Arsenicum album, das gegen Unruhe und Angst helfen soll. Nach dem Prinzip „Gleiches mit Gleichem heilen“ hätte es bei den Briten, die gesund sind, Unruhe und Unwohlsein hervorrufen müssen. Aber es passierte – nichts.

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