Der Lobbyist einer Minderheit

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Fabian Menke setzt sich für die Belange von Radfahrern und Radfahrerinnen in Dortmund ein. Mit einer steilen These kämpft er gegen das Image, die Stadt sei fahrradunfreundlich: Die Infrastruktur Dortmunds ist besser als die der „Fahrradhochburg Münster“.

Das knallrote Lastenfahrrad ist ein wuchtiges Gefährt. Zwischen Sattel und Vorderreifen liegt ein großer Korb. Voll beladen sorgt der für ordentliches Gewicht. Fabian Menke macht das nichts aus. Er fährt zügig über die Emil-Figge-Straße, weg vom Nordcampus der TU Dortmund. Die Innenstadt ist sein Ziel. Er ist gerne flott mit dem Rad unterwegs. Der Fahrradverkehr gehört ohnehin auf eine Fahrbahn mit dem Autoverkehr, findet der 29-Jährige, zumindest in der Stadt. Eine solche Aufteilung sei Standard in der modernen Verkehrsplanung. Ein Bürgersteig, aufgeteilt zwischen Fußgängern und Radfahrern? „Das hemmt den Fahrradverkehr zu sehr. Der ist der Dynamik von Autos ähnlicher.“

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Radfahr-Experte Fabian Menke vor der Bibliothek der TU Dortmund.

Fabian Menke ist so etwas wie die Stimme der Radfahrer in Dortmund. Er engagiert sich in Interessenvertretungen von Radlern – darunter die Velokitchen Dortmund – und beteiligt sich in städtischen Gremien zur Verkehrsplanung. Die Velokitchen ist ein offener Treff für Radler. Fachliche Expertise sammelt Fabian im Studium. Aktuell arbeitet er an seinem Master in Raumplanung.

Seine Fahrt über die Emil-Figge-Straße unterbricht er abrupt. Er springt vom Rad, packt eine Digitalkamera aus. Der Radweg ist aufgrund von Kanalbauarbeiten gesperrt. Fabian möchte die unzureichende Beschilderung dokumentieren. „Die Schilder zeigen, dass man den Ersatzweg in beide Richtungen befahren darf. Das ist aber falsch. Denn auf der anderen Straßenseite gibt es ja auch einen Radweg“, klagt er. Seine Fotos schickt er an die Stadtverwaltung. Es seien häufig solche Kleinigkeiten, wie unklare Wegführung oder auf den Radstreifen wuchernde Pflanzen, die Dortmund für Radfahrer unattraktiv machen.

Obwohl es an vielen Stellen Verbesserungsmöglichkeiten gibt, kämpft Fabian gegen die vorherrschende Meinung, Dortmund sei fahrradunfreundlich. Zu diesem Image hat vor allem eine Studie des ADAC aus 2014 beigetragen. Unter zwölf deutschen Großstädten haben Experten, wohlbemerkt gestellt von einem Automobilclub, Dortmund zur fahrradunfreundlichsten erklärt. Fabian hält von diesem Test nicht viel. Die Experten hätten ausschließlich Straßen mit Problemstellen für Radfahrer gewählt, sagt der Student: „Bei diesen Strecken gibt es aber gut ausgebaute Alternativrouten, die sich bestens zum Radfahren eignen. Und es muss ja nicht jede Straße über beste Radinfrastruktur verfügen.“

Aktionen für die Belange von Radfahrern

Dann verteidigt Fabian Dortmunds Ruf mit einer Aussage, die aufhorchen lässt: „Die Infrastruktur hier ist an vielen Stellen besser als in Münster.“ Besser als in Deutschlands „Fahrradhauptstadt“? Fabian erklärt: Viele Hauptstraßen in Dortmund seien für den Radverkehr geöffnet. Die Benutzungspflicht von Radwegen auf dem Bürgersteig sei an vielen Stellen gekippt. Radfahrer dürfen auf einer Fahrbahn mit Autos fahren. Teilweise sind eigene Bereiche markiert oder Schutzstreifen eingerichtet. Diese Elemente moderner Verkehrsführung habe Dortmund Münster voraus. So sei insbesondere der Weg aus der Innenstadt in die außerhalb liegenden Bezirke gut zu bewältigen. In Münster gilt an vielen Stellen noch die alte Regelung, dass falls ein Fahrradweg auf dem Bürgersteig existiert, dieser auch genutzt werden muss.

Ein zentrales Problem für den Radverkehr in Dortmund sei, dass Fahrräder nur einen Anteil von sieben Prozent am Gesamtverkehr haben. Viele Menschen würden lieber aufs Auto zurückgreifen. Das mache die Entwicklung einer fahrradfreundlichen Stadt natürlich schwieriger. Mit verschiedenen Aktionen versucht Fabian, die Dortmunder zu motivieren, aufs Rad zu steigen. Einmal im Monat gibt es den offenen Radtreff „Critical Mass“. „Dabei fahren wir ausgehend vom Friedensplatz durch die Stadt“, sagt Fabian. Jährlich gibt es zudem eine Sternfahrt in die Innenstadt, mitorganisiert vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC), der Stadt und Fabians Velokitchen. Bei der Sternfahrt radeln die Teilnehmer aus Nachbarstädten oder außerhalb liegender Stadtteile ins Zentrum, um ein Zeichen für die Förderung des Radverkehrs im Ruhrgebiet zu setzen.

Radfahrer hoffen auf eigene Straßen

Das Problem des gefühlt geringen Stellenwerts der Radfahrer in Dortmund bestätigt auch eine Studie des ADFC aus 2014. Basierend auf Interviews mit 360 Radfahrern wurde die Bedeutung der Fahrräder im Straßenverkehr mit der Note 4,6 bewertet. Das heißt, dass sie aus Sicht der Radler in der Verkehrsplanung einen geringeren Stellenwert als Autos haben. Insgesamt belegt Dortmund in dieser Erhebung im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten Platz 25 von 39. Besonders positiv fällt hingegen die mit einer 2,9 bewertete Infrastruktur auf.

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Der Fahrradweg auf an der Emil-Figge-Straße ist teilweise zugewuchert.

Um einen großen Schritt in Richtung Fahrradfreundlichkeit zu machen, wünscht sich Fabian die Umsetzung eines modernen Modells der Verkehrsplanung. Er hofft auf Fahrradstraßen. Das sind Strecken, die parallel zu Hauptstraßen liegen und nur für Radfahrer und die Autos der Anwohner freigegeben sind. In Essen sei dieses Konzept an zahlreichen Stellen umgesetzt und habe sich bewährt. Zudem fordert Fabian von der Stadt, bei Neuplanungen die Radfahrer zu berücksichtigen. Zu häufig würden noch Unsauberkeiten passieren. „Ein Beispiel aus diesem Jahr ist der Umbau der Bushaltestelle ,Am Gardenkamp´ in Eichlinghofen“, sagt Fabian. Hier ende der Radweg nun auf beiden Seiten der Haltestelle. Wie die Strecke dazwischen überwunden werden soll, sei unklar. Denn eigentlich ist es nicht erlaubt, durch den Haltestellenbereich zu fahren.

Dafür, dass bei neuen Verkehrsplanungen die Radfahrer nicht übergangen werden, engagiert sich Fabian im städtischen Beirat „Nahmobilität“, der im Mai neu gegründet wurde. Das Gremium, bestehend aus Verkehrsvereinen, Politikern und Angestellten der Verwaltung, berät die Stadt bei Fragen der Stadtentwicklung. Fabian vertritt im Beirat das Netzwerk „Velocity Ruhr“.

Der Oberbürgermeister ist ein Freund der Radfahrer

Dass die Verwaltung auf Radfahrverbände zugeht, ist Teil einer Entwicklung. Immer mehr Behörden nähmen auf die Interessen der Fahrradfahrer Rücksicht, sagt Fabian. Problem sei eher die Politik. Sie muss den Verwaltungsplänen zustimmen. Das tue sie regelmäßig nicht. Durch die SPD, die die größte Fraktion im Dortmunder Rat stellt, gehe ein Riss. „SPD-Oberbürgermeister Ullrich Sierau ist selbst begeisterter Alltagsradfahrer“, sagt Fabian. Daher unterstütze er die Entwicklung einer fahrradfreundlichen Stadt. Bei den SPD-Abgeordneten in den Bezirksvertretungen sehe das häufig anders aus. Das liege wohl daran, dass sich häufig Anwohner gegen Projekte zum Ausbau des Fahrradnetzes wehren. Diese möchten die Wahlkreisvertreter nicht vor den Kopf stoßen, vermutet Fabian.

Auf seiner Tour in Richtung Innenstadt biegt Fabian auf eine Straße, die exemplarisch für den Protest von Anwohnern ist. Gemeint ist die „Große Heimstraße“ im Kreuzviertel. Eine ruhige Nebenstraße, ohne viel Durchgangsverkehr, dafür vollgeparkt von den Anwohnern. Seit einigen Monaten gibt es den Plan, diese in eine Fahrradstraße umzuwandeln. Sollte es soweit kommen, werden Parkplätze für Autos wegfallen. Und die sind in der Innenstadt bekanntlich ohnehin selten. Die Anwohner wehren sich. Fabian hofft dennoch, dass die Fahrradstraße kommt. Denn der nächste Schritt in Richtung einer fahrradfreundlichen Stadt soll getan werden.

Fabian Menke hat der pflichtlektüre Hindernisse für den Radverkehr rund um den Campus der TU Dortmund gezeigt. In dieser interaktiven Karte sind die Problemstellen markiert:

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3 Comments

  • Janis Beenen sagt:

    Vielen Dank für die ausführlichen Hinweise! „VeloCityRuhr“ ist im Text nun kein Verein mehr sondern ein Netzwerk. Bei den weiteren Informationen berufe ich mich auf meinen Experten Fabian Menke. Zum Thema „Große Hainstraße“: Hier droht bei Umsetzung der Fahrradstraße ein Wegfall von Parkplätzen. Dies ist auch der Berichterstattung der Ruhr Nachrichten zu entnehmen: http://www.ruhrnachrichten.de/staedte/dortmund/44137-Dortmund~/Beifall-bei-Buergerinfo-zu-RS1-Radschnellweg-soll-mitten-durchs-Kreuzviertel-fuehren;art930,3030207

  • Der Dortmunder Radverkehr sagt:

    Der Artikel ist leider in den Details unsauber recherchiert. Ein paar Beispiele:
    – In der Großen Hainstraße würden z. B. gar keine Parkplätze wegfallen. Das illegale Parken an manchen Stellen wird nur noch mehr den Verkehr gefährden, wenn der RS 1 da mal lang führt. Rüpelhaft und assozial ist das Falschparken aber auch jetzt schon.
    – VeloCityRuhr ist kein Verein, sondern ein Netzwerk.
    – Es heißt nicht Beirat „Nahmobilität“ sondern formal beschlossen im Rat Nahmobilitätsbeirat
    – Für den Fahrradklimatest werden keine Interviews geführt sondern online Fragebögen ausgefüllt.

    Genauso schlampig wie der Artikel im Detail ist, ist auch die Stadt Dortmund im Detail, wenn es um den Radverkehr geht. Nur ist es hier ein kaum rezipierter Artikel und keine Sache, bei der es regelmäßig um Leben und Tod geht.

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