Lukas Heinser: Bildblog-Chef mit 26

Seit Anfang des Jahres leitet Lukas Heinser das Bildblog, eines der bekanntesten in der deutschen Blogosphäre. Wie es dazu kam und wer Heinser ist – ein Porträt.

Seit Anfang des Jahres Chef beim Bildblog: Der Bochumer Lukas Heinser (26). Foto: Sebastian Schaal

Seit Anfang des Jahres Chef beim Bildblog: Der Bochumer Lukas Heinser (26). Foto: Sebastian Schaal

Am Tag, als die pflichtlektüre ihn in einem Bochumer Café trifft, ist Lukas Heinser um 8.30 Uhr aufgestanden. „Weil ich noch zum Arzt musste“, schiebt er schmunzelnd hinterher. „Normal ist 9 Uhr.“ Es ist kein Bürojob mit festem Dienstbeginn und geregeltem Feierabend, den der gebürtige Duisburger ausübt. Nicht einmal ein Redakteursjob, den man mit anderen in der Medienbranche vergleichen könnte. Er leitet das Bildblog.

Schon bevor YouTube und Facebook das Licht der Online-Welt erblickten, begann Bildblog-Gründer Stefan Niggemeier damit, handfeste Kampagnen, schlampige Recherchen und lustige Ausrutscher der „Bild“, Deutschlands meistgelesener Zeitung, aufzudecken. Neues gab es im April 2009: Seitdem befinden sich alle Medien im Fokus des sechsköpfigen Teams.

Überrascht über breites Medieninteresse

Am 1. Januar 2010 war es dann zunächst eine Änderung, die nur bemerkte, wer auf bildblog.de sekundenlang nach unten scrollte und das Impressum aufrief. „Verantwortlich laut Telemediengesetz: Lukas Heinser“, war von nun an dort zu lesen. Heinser hatte zu dem Zeitpunkt noch einen Umzug zu bewältigen. „Da war es so eine Art Horrorvision von mir, dass ich noch renovierend auf der Leiter stehe und mit allen möglichen Mediendiensten telefoniere“, sagt er. Die Vision wurde Wirklichkeit, als der Wechsel an der Bildblog-Spitze in einem Post publik gemacht wurde – und die Wohnung fertig war. „Überraschend“ sei es schon gewesen, sagt Heinser. Mediendienste wie Meedia und Kress, Tageszeitungen und sogar der WDR wollten wissen, wer er ist, dieser Mittzwanziger, der einen von Deutschlands arriviertesten Online-Journalisten, Stefan Niggemeier, bei dessen Vorzeigeprojekt beerbt hat.

Seit 1998 schreibt Lukas Heinser im Netz. Sein eigenes Blog "Coffee and TV" gründete er 2007 mit Freunden. Foto: Sebastian Schaal

Seit 1998 schreibt Lukas Heinser im Netz. Sein eigenes Blog "Coffee and TV" gründete er 2007 mit Freunden. Foto: Sebastian Schaal

Und wer ist Lukas Heinser? 1983 in Duisburg geboren, lebte er bis zum Abitur in Dinslaken, dort, wo der Niederrhein und das Ruhrgebiet sich treffen. „Auf der einen Seite der Rhein, im anderen Stadtteil die alten Zechen“, erzählt Heinser, „ich finde beides toll.“ Mit Freunden habe er oft am Fluss gesessen, im Sommer das Haldern Pop genossen, die Weite der Natur bis zur holländischen Grenze. Es gab eine Band, die bis heute nie offiziell aufgelöst wurde. Zum Studium ging es nach Bochum, Germanistik und Anglistik an der Ruhr-Universität, 2007 die Bachelorarbeit über „Die Veränderungen der Internetsprache“.

Und sein Verhältnis zum Ruhrpott? „Man will ja nicht immer die Klischees über die Menschen bringen“, sagt Heinser und erzählt lieber eine Anekdote, die erklärt, was die Mentalität hier ausmacht. Im Mai wurde Heiko Herrlich als Trainer des VfL Bochum entlassen. Heinser stand in einem Plattenladen, wollte CDs kaufen. Die Leute strömten hinein und es gab nur ein Thema – Fußball, Fußball, Fußball, „wie in einem Nick-Hornby-Buch“. Heinser selbst ist seit Jahren Fan von Borussia Mönchengladbach, hat aber auch den neuerlichen Abstieg des VfL Bochum leidend mitverfolgt – auch beim runden Leder ist er Niederrheiner und Ruhrgebietler zugleich.

Award „Goldener Blogger 2008“ für coffeeandtv.de

Seine ersten Spuren im Internet hinterließ Heinser schon zu einer Zeit, als Helmut Kohl noch Bundeskanzler und Facebook die sinnlose Verknüpfung zweier englischer Wörter war. „Es fing an mit einer kostenlosen Homepage“, erinnert er sich und rührt in seinem Milchkaffee, „völliger Blödsinn, nur damit man was online hatte.“ Ernster sei es geworden, als er anfing, Filmkritiken zu schreiben. „Obwohl ich gar nicht weiß, ob das jemand gelesen hat. Man hat in so einer Blase vor sich hin gemacht.“ Das Web war noch vollkommen 1.0. Sein erstes Blog eröffnete Heinser 2007 mit ein paar Freunden. Die Freunde sind nach euphorischem Beginn längst abgesprungen. „Coffee and TV“, eine Seite über Popkultur, Medienthemen und das Leben, pflegt Heinser jedoch immer noch. 2008 wurde er dafür zum „Goldenen Blogger“ gewählt.

Zuerst nur der "Bild" gewidmet, wacht das Bildblog seit April 2009 über alle Medien. Screenshot: bildblog.de

Zuerst nur der "Bild" gewidmet, wacht das Bildblog seit April 2009 über alle Medien. Screenshot: bildblog.de

Wie aber kommt man zum Bildblog? „Hat sich so ergeben“ ist eine Bemerkung, die Heinser öfter macht, wenn es um seinen Werdegang geht. Und tatsächlich ist es im Netz ja oft so, dass man seine Inhalte und seine Ideen irgendwo hinterlässt – und entweder jemand nimmt sie auf oder es passiert nichts. Vieles bleibt dem Zufall überlassen. Doch wer gut ist, wird wahrgenommen. „Irgendwann habe ich angefangen, bei Stefan Niggemeier zu kommentieren“, erzählt Heinser. Über Verlinkungen kamen Besucher zu Heinsers eigenem Blog, viele wurden Stammleser. Dazu zählte wohl auch Niggemeier, für den Heinser bald darauf eine Urlaubsvertretung übernahm. Nach einer Art Redakteursjob auf bildblog.de ist er nun dessen Chef. Das reiche zum Leben auf 42 Quadratmetern in Bochum. „Vielleicht auch noch in Berlin“, sagt Heinser, jedoch nicht mehr in Hamburg, seiner erklärten Lieblingsstadt, „flach und am Wasser“, wie zu Hause.

„Man kann Ungerechtigkeit nicht abbauen, aber mit dem Finger drauf zeigen.“

Eine gewisse Paranoia habe er, der sich gelegentlich eine Sonntagszeitung kauft, ansonsten aber keine abonniert hat, beim Lesen jedoch nicht entwickelt. „Meistens kann ich das ganz gut trennen.“ Mit „das“ meint er Berufliches und Freizeit. Man bekomme mit der Zeit schnell eine Ahnung, wo ein Haken bei einem Artikel sein könnte. Des Weiteren lebt Bildblog von den zahlreichen Hinweisen seiner Leser. „Mit Dank an Vorname N.“ steht unter fast jedem Beitrag. Beim Aufdecken, Korrigieren und Verteidigen könne er seiner „Abneigung gegen Ungerechtigkeit“, wie er es nennt, ein Ventil geben. Illusionen hat Heinser dabei nicht: „Man kann Ungerechtigkeit nicht abbauen, aber mit dem Finger drauf zeigen.“

Da nicht abzusehen ist, dass die kleinen und größeren Wehwehchen in der Medienbranche von jetzt auf gleich verschwinden werden, gibt es für Heinser und seine Bildblog-Kollegen genug zu tun. Früher hat er für die Rheinische Post geschrieben, war Musikredakteur beim Bochumer Campusradio „CT“. Ohne Bildblog hätte er vielleicht seinen Master fertig gemacht und „wäre jetzt beim WDR oder so, das Medienziel habe ich immer irgendwie im Kopf gehabt“. Konkrete Ziele für die Zukunft gebe es nicht. „Ich habe bisher nie die großen Pläne gemacht, weil sich das immer alles so ergeben hat – und ich hoffe, dass es sich weiter so ergibt“, sagt Heinser. Bis dahin wird er weiter vormittags seinen Laptop aufklappen und sorgfältig ein Auge auf die Medien werfen.

Wir trafen Lukas Heinser in seiner Wahl-Heimat Bochum im Café Konkret. Foto: Sebastian Schaal

Wir trafen Lukas Heinser in seiner Wahl-Heimat Bochum im Café Konkret. Foto: Sebastian Schaal

1 Comment

  • Ralph Wagner sagt:

    Guten Tag Herr Heinser,
    habe letzte Woche „Daheim und Unterwegs“ geschaut, dort sind Sie mir direkt aufgefallen. Bin von Nix und Niemanden in meinem Leben ein Fan geworden! Aber irgendwie haben Sie das anscheinend letzte Woche geschafft. Lach..! Ich weiß jetzt auch nicht, wie ich weiter vorgehen soll. Aber ich wollte darauf einfach mal mit den Finger zeigen.
    Lieben Gruß aus Münster
    Ihr
    Ralph Wagner
    dargo@t-online.de

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