Abschied von Paul: „Ein großer Krake“

Argentinier und Niederländer haben ihn verflucht. Selbst in seiner deutschen Wahlheimat lag ein Schatten auf dem Heldenstatus von Krake Paul. Jetzt ist er tot – und die Welt hält ehrfürchtig den Atem an. Ein Nachruf.

Er bestimmte, wer den Pokal in Händen halten dürfte: Krake Paul. Foto: Wikipedia

Er wusste, wer den Pokal in Händen halten wird: Krake Paul. Foto: Wikipedia

Ein Hundeleben entspricht bekanntlich sieben Menschenleben. Seit Dienstag kennt die ganze Welt auch den Umrechnungskurs für Kraken: Danach erlebt ein Krake innerhalb von 365 Tagen das, wofür ein Mensch um die 27 Jahre benötigt. Woher wir das wissen? In der Nacht auf Dienstag (26.10) ist Paul friedlich entschlafen, im Alter von drei Jahren. Paul? Wer ist bitte Paul? Paul ist eine Legende, das Kraken-Orakel, vom Boulevard mit viel Hingabe zum „Okrakel“ befördert. Im Sommer sagte er den Ausgang der sieben deutschen WM-Spiele sowie des Finales richtig voraus.

Wikipedia, in irgendeiner Weise ja auch ein Orakel, gibt einen Flecken im Atlantik als Geburtsort des berühmtesten Oktopus aller Zeiten an. Weymouth in der englischen Grafschaft Dorset war bislang als Ziel für Sprachreisen und für seine bunte Uhr bekannt (oder auch nicht). Jetzt also auch wegen Paul. Kein Wunder also, dass das Mutterland des Fußballs nun Ansprüche auf die sterblichen Überreste von Paul anmeldet. England wähnt den Kraken als letzten Strohhalm, um irgendwann noch einmal selbst den Titel zu holen. Man sieht schon die Schlagzeilen: „Pauls Asche im Mittelkreis von Wembley vergraben.“

Doch da wird das Sea Life in Oberhausen, der Ort seines Lebenswerkes, nicht mitspielen. Ein Denkmal ist in Planung. Pauls Urne soll ausgestellt werden, dazu eine DVD mit seinen besten Szenen laufen. Richtig hochleben lassen wollen sie den berühmtesten Oberhausener seit – ja, seit wann eigentlich? Fünfmal hat er die deutsche Mannschaft als Sieger vorhergesagt, fünfmal hat er richtig gelegen. Als ihn die Lust auf Muschelfleisch vor spanischer Flagge überkam, war das Ende aller Weltmeisterträume besiegelt. Paul behielt erneut Recht und ging nun als unfehlbarer Krake in die Weltgeschichte ein. Acht richtige Tipps in Folge – die Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei nicht einmal 0,4 Prozent.

Dem Märtyrer-Tod entgangen

Fast wäre Paul bereits im Juli dieses Jahres, auf der Höhe seines Schaffens, von uns gegangen. Nachdem aus Argentinien in Folge des Viertelfinal-Aus gegen Deutschland ernst gemeinte Morddrohungen gegen ihn eingingen, erhielt der Oktopus Orakelschutz. Der Märtyrer-Tod in einer argentinischen Paella blieb ihm erspart. Jetzt schlief er in einem für Kraken beachtlichen Alter friedlich in seinem Oberhausener Becken ein.

Der Paul-Hype kannte nach der WM keine Grenzen: Virtuell gab der Krake Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen des Lebens. Foto: Wikipedia

Der Paul-Hype kannte nach der WM keine Grenzen: Virtuell gab der Krake Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen des Lebens. Foto: Wikipedia

Die ganze Welt fragt sich nun: Wie soll es weitergehen? Nachfolger-Wahl mit weißen Luftblasen, die aufsteigen, wenn die Kraken-Kardinäle ein neues Orakel bestimmt haben? Nein, der neue Paul steht schon bereit. Er heißt: Paul. Er ist: ein Oktopus. Er will: in die Fußstapfen oder besser in die Saugnapfabdrücke des Orakels treten. Dabei wird er sich fühlen wie ein 17-Jähriger, der den Thron eines riesigen Imperiums besteigt – stolz, aber überfordert. Denn wie soll ein Ungelernter eine Legende beerben? Paul II. wird so wohl dasselbe Schicksal erleiden wie fast jede Fortsetzung eines Kino-Blockbusters: ganz nett, aber nicht halb so gut wie das Original.

Der Tod von Paul hinterlässt somit eine riesige Lücke. Was Flipper für die Delfine, Willy für die Wale und Nemo für die Clownfische war, das war Paul für die Krakenzunft. Er hat das Image seiner Spezies aufgewertet, nachdem Madame Medusa in „Arielle, die Meerjungfrau“ in der Welt das Bild der gehässigen, bösartigen Tierart gesät hatte. „Er war ein großer Krake. Ruhe in Frieden“, lautet deshalb nicht umsonst der melancholische Nachruf eines Users auf der spanischen Sportseite marca.com. Wahre Worte.

Spielbetrieb geht weiter

Dieser Dienstag war kein guter Tag für den Fußball, so viel steht fest. Der DFB hatte sich dazu durchgerungen, trotz der allgegenwärtigen Bestürzung die Spiele der 2. DFB-Pokalrunde anzupfeifen. Die Idee, alle Teams anstatt mit Trauerflors mit schwarzen Trikots auszustatten, war erst in letzter Minute wieder verworfen worden. Bemerkenswert ist dennoch die Aufrichtigkeit hierzulande, mit der Paul gedacht wird. Immerhin war es nicht der Kopfball des Spaniers Puyol, der alle Titelträume zerstörte, sondern allein die Entscheidung des Kraken beim Mittagessen.

Ein Trost kann letzten Endes nur die Gewissheit sein, dass der berühmteste Krake der Welt sich nun an einem besseren Ort befindet – einem Ort ohne Schmerzen und ohne argentinische Schwiegermütter, die in Paella-Rezeptbüchern blättern. Paul hat WM-Geschichte geschrieben und die Wahrscheinlichkeitsrechnung außer Kraft gesetzt. Das dürfte in dieser Kombination noch keinem Lebewesen gelungen sein. Mach‘s gut, alter Krake!

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