Auswechsel-König, (Tor-)Flut und Trainer-Krise

Ein fast geflutetes Stadion. Zwei unnachgiebige Streithähne an der Seitenlinie. Ein Tor, das eigentlich gar keins war. Die 51. Bundesliga-Saison hatte abseits der ungefährdeten Bayern-Meisterschaft, einem spannenden Kampf um Europa und einem Schneckenrennen im Abstiegskampf einiges zu bieten. Unsere Autoren Johannes Mohren und Philipp Nicolay haben die Spielzeit Revue passieren lassen und blicken auf fünf besondere Momente zurück.

Patrick Herrmann: Ein Teilzeitarbeiter auf Rekordniveau

Insgesamt 29 Mal leuchtete die rote 7 auf der Anzeigetafel auf - und Gladbachs Patrick Herrmann musste frühzeitig vom Rasen. Bundesliga-Rekord! Foto: Johannes Mohren

Insgesamt 29 Mal leuchtete die rote 7 auf der Anzeigetafel auf – und Gladbachs Patrick Herrmann musste frühzeitig vom Rasen. Bundesliga-Rekord! Foto: Johannes Mohren

Es lief die 68. Minute des Spiels FC Nürnberg gegen Borussia Mönchengladbach, als Gladbachs Coach Lucien Favre zum ersten Mal wechseln wollte. Martin Petersen, der vierte Offizielle an der Seitenlinie, reckte die Anzeigetafel in die Höhe. Und eben dieses – eigentlich unspektakuläre – Utensil, machte den jungen Gladbacher Flügelspieler Patrick Herrmann am 29. Spieltag zum Rekordhalter. Denn es war seine Rückennummer 7, die wieder einmal Rot auf Schwarz aufleuchtete. Das Signal, das der Arbeitstag für Herrmann frühzeitig beendet war, zum 26. Mal. Der einsame Spitzenwert in 51 Jahren Bundesliga-Geschichte, René Eijgelkamp war damit als Auswechsel-König abgelöst. 25 Mal war der Schalker in der Saison 1997/98 vorzeitig vom Feld geholt worden. Und der Gladbacher Herrmann baute seine Bestmarke  – unfreiwillig – noch weiter aus: Drei weitere Auswechslungen kamen in den verbleibenden sechs Liga-Spielen noch hinzu und sorgen für eine Quote, die Herrmann wohl so schnell niemand nachmachen wird: In allen 34 Spielen stand er in der Startformation, 29 Mal ging es vor dem Schlusspfiff raus. So oft, dass ein Spiel über die vollen 90 Minuten – wie am letzten Spieltag in Wolfsburg – einem twitternden Gladbach-Fan schon eine Nachricht wert war:

 Verbeek vs. Streich: Zwei Trainer(-kollegen) im Clinch

Seine Art polarisiert: Freiburgs Coach Christian Streich. Foto: Ctruongngoc / Wikimedia Commons

Seine Art polarisiert: Freiburgs Coach Christian Streich. Foto: Ctruongngoc / Wikimedia Commons

Christian Streich ist fachlich allgemein anerkannt. Als Trainer mit Konzept, der mit akribischer Arbeit seine junge Freiburger Mannschaft zum Klassenerhalt führte. Streitbar ist hingegen das Auftreten des Coaches: Die einen nennen es kauzig und zählen den 48-jährigen genauso wie Jürgen Klopp zur schützenswerten Spezies der Trainer-Unikate, die sich im Hochglanz-Zirkus Bundesliga nicht verbiegen lassen. Andere können mit seinem Verhalten weniger anfangen. Niemand eckte jedoch so mit dem Kult-Typen an wie Gertjan Verbeek: Der Niederländer, der Nürnberg im Trainer-Sandwich nach Michael Wiesinger und vor Roger Prinzen coachte, war vorsichtig gesagt „not amused“ über das Freiburger Urgestein.

Gertjan Verbeek: Für 22 Spiele an der Nürnberger Seitenlinie. Foto: Илья Хохлов / Wikimedia Commons

Gertjan Verbeek: Für 22 Spiele an der Nürnberger Seitenlinie. Foto: Илья Хохлов / Wikimedia Commons

Streich hatte im Abstiegsgipfel seine Coaching-Zone mal wieder in Rumpelstilzchen-Manier beackert und damit Verbeeks sonst so ruhiges holländisches Gemüt in Wallungen gebracht: „Wie er mich beschimpft hat, wie er mir begegnet ist, war unverschämt, brutal, respektlos. Er hat wie ein Verrückter agiert, in jeder Szene“, wetterte der Niederländer nach dem Schlusspfiff bereitwillig in jedes Mikrofon. Die gemeinsame Pressekonferenz ließ er anschließend sausen – seine Begründung: „Ich werde mich jetzt nicht neben meinen Kollegen setzen. Er ist kein Kollege.“ Streich saß also alleine im Breisgauer Presseraum – und bezichtigte seinerseits wiederum Verbeek, die Unwahrheit gesagt zu haben.

[youtube tySS7xbBzvE http://www.youtube.com/watch?v=tySS7xbBzvE]

Sportlich siegte am Ende – nicht nur mit 3:2 an diesem 28. Spieltag – Christian Streich. Während Freiburg auf den letzten Metern die Klasse hielt, stieg Nürnberg ab. Ohne Verbeek, denn der musste drei Spieltage vor Schluss gehen. Eine Tatsache, die Streich nicht unkommentiert ließ:

[youtube roTJdsdlBPw http://www.youtube.com/watch?v=roTJdsdlBPw]

Hoffenheim – ein Phantom ist unterwegs

Nach dem Phantomtor gab es erst einmal wenig Applaus für Leverkusens Stefan Kießling. Foto: Kape04 / Wikimedia Commons

Nach dem Phantomtor gab es erst einmal wenig Applaus für Leverkusens Stefan Kießling. Foto: Kape04 / Wikimedia Commons

Es war eine torreiche Bundesliga-Saison. Genauer gesagt die torreichste seit fast dreißig Jahren. 3,16 Treffer pro Spiel errechneten die Statistik-Experten, 967 insgesamt. Davon waren 966 „normale“ Tore – mal schön, mal weniger, mal astrein, mal abseitsverdächtig – und ein Treffer, der wohl noch lange in Erinnerung bleiben wird. Vermutlich als die Kuriosität der 51. Bundesliga-Saison. Das Phantom- und Thomas-Helmer-Gedächtnistor. Das Tor, bei dem Kießling bei seinem Kopfball die exakt 7,32 mal 2,44 Meter große Torfläche nicht reichte, er aber dennoch traf. Von außen. Über eine kaputte Masche im sonst so akribisch kontrollierten Netz. Leverkusen gewann mit 2:1 und sicherte sich am 9. Spieltag für eine Nacht die Tabellenführung. Eine Nacht, in der Kießling wohl dennoch nicht beseelt von Spitzenreiter-Träumen geschlafen hat. Denn der Aufschrei war groß, die Reaktionen schwankten zwischen Unverständnis für Kießling, der den Schiedsrichter nicht auf die Netz-Panne aufmerksam machte…

 …und Spott und Hohn für die – in der Fußball-Szene nicht wirklich beliebte – TSG Hoffenheim, deren sportlicher Aufschwung maßgeblich mit den Geldern des Software-Giganten SAP verbunden ist.

Hoffenheim legte erfolglos Widerspruch gegen die Spielwertung ein – der zeitweilen heftig angefeindete Kießling beteuerte, er habe tatsächlich nicht gesehen, wie der Ball seinen (Um-)Weg ins Tor gefunden habe. Festzuhalten bleibt: Es war ein Treffer, der bis zum 34. Spieltag für Unmut sorgt.

 Orkan Xaver und die Gegentorflut im Weserstadion

Erst fegte Sturmtief Xaver am Nikolaustag 2013 über den Norden Deutschlands, als das Hochwasser sich dann einen Tag später zurückzog, ging Werder Bremen im heimischen Weserstadion so baden wie nie zuvor in seiner fünfzigjährigen Bundesliga-Geschichte. Das Spiel stand bis wenige Stunden vor dem Anpfiff noch auf der Kippe, weil die ansteigende Weser dem Stadion gefährlich nahe kam.

Sturm Xaver setzte Das Weserstadion fast unter Wasser. Foto: Stefan Hoffrichter

Sturm Xaver setzte Das Weserstadion fast unter Wasser. Foto: Stefan Hoffrichter

Werder-Helfer verbarrikadierten mit Sandsäcken und mit knapp ein Meter hohen Flutbarrieren die Stadion-Zugänge und räumten vorsorglich Möbel aus den unteren Etagen in höhere Gefilde des Weserstadions.  Wäre das Wasser über die Deichkrone gestiegen, hätten sich die bayerischen Gäste nasse Lederhosen geholt und die traditionsreiche Partie wäre buchstäblich ins Wasser gefallen. Doch das Spiel konnte so gerade stattfinden.

 Im Nachhinein mag sich jedoch mancher Fan und vielleicht auch der ein oder andere Spieler gewünscht haben, dass Sturmtief Xaver noch etwas mehr geblasen hätte und die Bremer an diesem Tag von dem Münchener Orkan verschont geblieben wären. Denn die Werder Abwehrspieler schafften es in der Partie zu keinem Zeitpunkt, ihr Tor ähnlich gut zu sichern wie die Helfer die Deiche. Innerhalb der  neunzig Minuten ergoss sich regelrecht eine Münchener Flutwelle ins Bremer Tor. 0:7. So hoch hatte Werder Bremen nie zuvor im Weserstadion verloren. 

Für den Hamburger SV ist es fünf vor zwölf

Die Bundesligauhr in der Imtech-Arena läuft und läuft und läuft. Der Bundesliga-Dino HSV taumelt dem Abstieg entgegen, aber die nicht enden wollende Serie aus peinlichen Niederlagen hat nach dem 34. Spieltag noch nicht zum Aussterben des Urgesteins aus dem hohem Norden geführt.

Mirko Slomka: Auswärts die ganze Saison ohne Punkte. Foto: Oleg Dubyna / Wikimedia Commons

Mirko Slomka: Auswärts die ganze Saison ohne Punkte. Foto: Oleg Dubyna / Wikimedia Commons

Die letzten fünf Saisonspiele haben die Hamburger allesamt verloren. Die Konkurrenten aus Nürnberg und Braunschweig stellten sich jedoch genauso schlecht an wie die Fußballkünstler von der Elbe und ermöglichen damit dem Traditionsclub aus Stellingen zwei Relegationsspiele. Die Regel, dass 40 Punkte für den Klassenerhalt reichen, könnte bei einer erfolgreichen Relegation für den HSV ad absurdum geführt werden. Nur 27 Punkte, die mit 75 Gegentoren schlechteste Abwehr der Liga und eine Personalpolitik in der Führungsebene, die an Chaos kaum zu überbieten ist, könnten dann tatsächlich zum Klassenerhalt reichen.

 Ein Trainer, der jedes Auswärtsspiel verliert, sollte sich vielleicht Gedanken machen, das Relegations-Auswärtsspiel aus sicherer Entfernung vom Sofa anzugucken. Doch Slomka wird natürlich bei beiden Relegationsspielen seinen Platz auf der Trainer-Bank einnehmen. Vielleicht sollte er aber wenigstens seine Auswärts-Taktik noch einmal überdenken.

 

 

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