Eine besondere Verwandlung – die Dragqueens

Tatjana_titelbildSeit dem Sieg von Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest, ist das Wort Dragqueen in aller Munde. Mit Kleid, langen Haaren und Bart hat der 25-jährige Österreicher Tom Neuwirth Europa erobert. Seinen Sieg widmete er dem Frieden und der Toleranz. Das Voting der Zuschauer kann dabei durchaus auch als politisches Statement verstanden werden. Pflichtlektüre Autor Thorben Langwald hat mit der Wolfsburger Dragqueen Tatjana Taft, über die besondere Rolle der Künstler gesprochen und darüber, was sich hinter dem Kostüm verbirgt.

Ein Mann mit langen Haaren oder eine Frau mit Bart? Das besondere Auftreten von Conchita Wurst irritiert und bricht das klassische Rollenverständnis auf. Als Dragqueen wird die erfundene Kunstfigur bezeichnet. Auch Tatjana Taft ist solch eine Dragqueen. Hinter den schrillen Kostümen verbirgt sich ein schwuler Mann. Seit 14 Jahren tritt Tatjana Taft öffentlich auf, seit 9 Jahren sogar hauptberuflich.

pflichtlektüre: Was verstehen Sie unter einer Dragqueen?
Tatjana Taft: Die Dragqueen ist eine moderne Form des Travestiekünstlers. Der Travestiekünstler versucht zunächst auf der Bühne ein möglichst naturgetreues Abbild einer Frau zu erschaffen. Wir können da zum Beispiel an die Kunstfigur Lilo Wanders denken.
Eine Dragqueen dagegen überzeichnet ihre Rolle immer sehr stark. Das kann durch besonders auffälige Kleider sein, wie bei mir, oder durch den Charakter stattfinden. Eine Dragqueen nimmt sich auch nicht so ernst wie ein Travestiekünstler. Er probiert ja eine natürliche Frau darzustellen. Und das – denke ich – hat die Frau Wurst genauso wenig vor, wie ich. Sie spielt einfach mit der Geschlechterrolle und das ist heutzutage, das besondere einer Dragqueen.

pflichtlektüre: Im Fall von Conchita Wurst ist vor allem der Bart das große Markenzeichen. Was zeichnet für sie eine Dragqueen aus?
Tatjana Taft: Für mich ist das Bild einer Dragqueen eine Kreuzung aus einem Supermodell und einer Zeichentrickfigur wie Daisy Duck. Es ist die comicartige Überzeichnung einer schönen Frau.

Tatjana Taft im Cocktail-Kleid Foto: www.tatjana-taft.de

pflichtlektüre: Ob Künstler oder nicht, warum verkleiden sich Männer als Frauen?
Tatjana Taft: Wir müssen von vornherein trennen. Es gibt ja verschiedene Intentionen, warum man sich als Frau verkleidet. Da gibt es einmal die Facette des Travestiekünstlers, der das aus rein künstlerischen Gründen macht. Das hat keinerlei sexuelle Bewandtnis und der Künstler hat auch nicht das Gefühl im falschen Körper zu stecken. Es ist vergleichbar mit einem Schauspieler und dazu zähle ich auch die Dragqueen.

pflichtlektüre: Außerdem gibt es die Transvestiten und die Transsexuellen…
Tatjana Taft: Der Begriff des Transvestiten wird leider sehr oft falsch verwendet. Ich denke, dass liegt einfach daran, dass die heterosexuelle Welt in dem Thema nicht so aufgeklärt ist. Ein Transvestit ist ein Mann, der sich in Frauenkleider wirft, weil ihn das antörnt. Es hat immer etwas sexuelles. Das darf man nicht in einen Topf werfen.
Wenn man als dritte Facette noch die Transsexuellen, oder politisch korrekt die Transidenten hinzunehmen möchte, dann sind das Personen, die im falschen Körper geboren sind. Deren Seele weiblich ist, die aber leider als Mann auf die Welt gekommen sind. Das ist aber noch einmal ein ganz anderer Fall. Aus allen drei Facetten habe ich aber auch Kollegen.

pflichtlektüre: Als Dragqueens gelten trotzdem vor allem Schwule. Stimmt das?
Tatjana Taft:
Ich weiß nicht, warum das so ist. Das habe ich in all den Jahren noch nicht herausgefunden. Ich glaube einfach, dass Schwule durch ihre Szene eher mal mit Dragqueens in Kontakt kommen. Schwule haben vielleicht auch einfach ein anderes Feingefühl für so etwas. Obwohl das eigentlich Klischees sind, die ich nicht bedienen will.
Aus meiner meiner Erfahrung kann ich aber sagen, dass ich in all den Jahren nur zwei kennengelernt habe in unserer Branche, die hetero sind. Und ich kenne da wirklich Hunderte. Einer davon ist auch „bloß“ bisexuell.

pflichtlektüre: Seit 14 Jahren treten sie jetzt schon als Dragqueen auf? Was führte Sie in die besondere Rolle?
Tatjana Taft: Ich bin als junger Schwuler in die Schwulen Szene gekommen und habe eine sehr bekannte Travestiekünstlerin aus Hannover kennengelernt und irgendwann stand ein Nachwuchswettbewerb an. Dann wurde ich überredet und habe auch noch gleich gewonnen. Das war für mich der Start in die Branche. Dass es mein Hauptberuf werden würde, hätte ich nie im Leben gedacht. Ich hatte Biologie studiert. Erst nach dem Studium wurde das zweite Standbein irgendwann zum Beruf gemacht. Bis heute habe ich es aber noch nie bereut.

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Eine Meerjungfrau? Nein, Tatjana Taft! Foto: www.tatjana-taft.de

pflichtlektüre: Was macht ihnen am meisten Spaß?
Tatjana Taft: Ich möchte dem Publikum einfach eine Freude machen, aber auch Menschen einen Spiegel vor Augen halten. Als Dragqueen leiste ich auch ein Stück Aufklärungsarbeit und zeige Jugendlichen die Tunte oder Schwuchtel als Schimpfwort benutzen, dass ich auch kontern und ganz gut austeilen kann.

pflichtlektüre: Der Sieg von Conchita Wurst ist auch ein politisches Statement. Als Sieg der Toleranz wird er bezeichnet. Verstehen sie auch ihre Rolle als Dragqueen politisch?
Tatjana Taft: Politik ist in dem Zusammenhang auch immer ein Thema. Ich engagiere mich bundesweit bei viel beiden Christopher Street Days. Da geht es natürlich hauptsächlich darum, die Rechte von Schwulen und Lesben und Transsexuellen, voran zu treiben. Mir geht es einfach nur um die Gleichstellung. Alle haben die gleichen Pflichten, also müssen wir auch die gleichen Rechte haben. Wir werden es zu unseren Lebzeiten wohl leider nicht mehr erleben, dass Homosexualität überall zu 100 Prozent akzeptiert wird. Aber solange es zumindest soweit toleriert wird, dass wir die gleichen Rechte haben, finde ich es auch wichtig dafür zu kämpfen.

pflichtlektüre: Es ist aber auch davon zu lesen, dass die schrillen Outfits bei den Demonstrationen nicht immer auch bei den Schwulen ankommen. Wie erleben Sie diese Kritik?
Tatjana Taft: Es gibt Bereiche der Schwulenszene, die das nicht sehr gut heißen. Muss man immer dieses Klischee bedienen? „Normal“ aussehende Schwulen habe ja heutzutage den Anspruch, auch als normal akzeptiert zu werden. Die sehen das leider nicht als sehr förderlich an, wenn man dort in einem Megakostüm, als Frau verkleidet für die Gleichstellung und Rechte kämpft. Ich sage aber immer, wenn wir auf der Demonstration alle in Jeans rumlaufen, würde es die Presse wahrscheinlich nicht interessieren. Ich bin der Meinung, wir bekommen so unsere Botschaft am charmantesten und nettesten verpackt. Wir stellen eine Kunstfigur dar, die Fotografen haben was zu knipsen,  und wir präsentieren das ganze immer mit einem Augenzwinkern und viel Selbstironie.

 

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