Campuslauf-Countdown: Uwe Ernst – der Chemietechniker, der 1986 als Erster siegte

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Uwe Ernst. Es ist ein Name, der am Anfang dieser Geschichte steht – am Anfang einer Suche. Uwe Ernst, das steht eingraviert auf einer goldenen Tafel. Der Hochschulsport hat auf Anfrage ein Foto geschickt. Es ist das Foto einer der Tafeln, die an die Campuslauf-Sieger vergangener Tage erinnern. Uwe Ernst hat dort einen besonderen Platz. Er ist der erste Gewinner des Zehn-Kilometer-Laufs. Der erste zumindest, der auf der Liste auftaucht. 1986 war es, als er beim Rennen auf dem Campus der TU Dortmund als Sieger über die Ziellinie lief. Ein historischer Uni-Moment.

Dreißig Jahre später kommt er in die Eingangshalle des Hauptbahnhofs von Recklinghausen. Eben dieser Uwe Ernst, ein drahtiger Mann, inzwischen 51, im kurzärmligen, braunen Polo-Shirt. Dort haben wir uns verabredet, damit aus dem eingravierten Namen ein Mensch und aus der goldenen Siegerliste eine Geschichte wird. Um mehr über den früheren Chemietechnik-Studenten zu erfahren, der 1986 zum ersten überlieferten Campuslauf-Sieger wurde. „Irgendwann im Frühjahr, an einem bedeckten Tag, aber ohne Regen“, wie er später erzählen wird – auf einer „eher eckigen, unrhythmischen Strecke“.

Goldene Erinnerung an den ersten Gewinner: Uwe Ernst. Vier weitere Siege folgten.

Es war nicht leicht, jenen Mann ausfindig zu machen, der nun in der Bahnhofsvorhalle mit festem Händedruck grüßt. Uwe Ernst – der Name auf der Siegertafel war der einzige wirkliche Anhaltspunkt. Ein Name, freilich seltener als Hans Müller, aber doch mit einer gewissen Häufigkeit. Es mag ein Wink des Schicksals sein, dass es letztendlich das Laufen ist, das über die Wege des Internets zu ihm führte. Da findet sich tatsächlich ein Uwe Ernst, der früher mal, Anfang der Neunziger, für die LG Olympia Dortmund startete und dessen Name schließlich auf der Seite des Lauftreffs „Guido“ Alt-Marl auftaucht. Ein Anruf beim Vorsitzenden dieser Laufgruppe, Norbert Nölle, nährt die Hoffnung:

Ja, einen Uwe Ernst haben wir tatsächlich.

Eine E-Mail-Adresse hat er auch. Und einen Tag später antwortet Uwe Ernst. Er sei tatsächlich der gesuchte Uwe Ernst und er gerne zu einem Interview bereit. Er freue sich auf eine „kleine Reise in meine Vergangenheit“.

Unvergessen: 300-Meter-Sprint zum Sieg

In Recklinghausen, inzwischen draußen an einem Tisch in der Abendsonne, berichtet er, wie erstaunt er über die Mail gewesen sei. Darüber, dass sich heute noch jemand an seinen ersten Sieg beim Campuslauf erinnern könne. Er selbst kann es auch. Gut sogar, obwohl der Lauf schon drei Jahrzehnte zurückliegt – und Ernst wahrlich viele Läufe gelaufen ist. „Ich war damals nicht der Favorit“, erzählt er.

Dem Laufen immer treu geblieben: Uwe Ernst ist auch heute noch vier Mal in der Woche unterwegs.

Heute wie damals: Uwe Ernst ist dem Laufen immer treu geblieben.

Im Gegenteil, eigentlich habe ihn niemand auf dem Zettel gehabt. Andere standen im Fokus. Ein Läufer aus Wattenscheid und ein Triathlet, „wie sie hießen, weiß ich nicht mehr“. Wohl aber weiß Ernst, der gebürtige Dortmunder, der in Hörde zwischen Kokerei und Phoenix-Werk im tiefsten Ruhrpott zur Welt kam, wie er den beiden auf den letzten 300 Metern davonsprintete. „Ich könnte jetzt wahrscheinlich noch genau zeigen, an welcher Stelle ich das Tempo angezogen habe“, sagt er.

Er geht die Strecke durch, nennt Eckpunkte. Er ist plötzlich ganz im damaligen Moment. So als hätte jemand auf der Reise in die Vergangenheit auf die Bremse getreten – angehalten um auszusteigen und noch einmal zu schauen. Sich mit aller Ruhe noch einmal auf die Zielgeraden des Laufs zu begeben.

Ich habe die anderen überrumpelt. Ja, das war ein sehr erhebendes Gefühl.

Als der, den keiner kannte, auf einmal allen davonlief. Es ist einer der Triumphe, die bleiben. Vier weitere Campuslauf-Siege sollten in den nächsten Jahren folgen. Solange Uwe Ernst an der TU Chemietechnik studierte, hieß der Zehn-Kilometer-Sieger Uwe Ernst. Immer souveräner wurden seine Erfolge: „Ich habe dominiert, es gab nachher kaum jemanden, der mir Konkurrenz machen konnte. Ich war immer schon in der ersten Runde alleine.“ Der Schlussspurt im Frühjahr 1986, er blieb einmalig.

Das Batavierenrace am 24. April 1986: Uwe Ernst auf den letzten Metern.

Das Batavierenrace am 24. April 1986: Uwe Ernst auf den letzten Metern.

Umjubelt: Die Belohnung gibt’s in Holland

Gefeiert wird er dafür damals kaum. „Die Siegerehrung war spartanisch“, erinnert er sich – später im Hörsaal weiß eigentlich niemand von seinem Erfolg. Als er hört, wie der Campuslauf bei der 32. Ausgabe am 11. Mai aussehen wird, mit sechs Disziplinen, 1500 Läufern und vielen Zuschauern, staunt Ernst. Nein, das sei nicht vergleichbar mit dem, was er 1986 erlebt habe, beim – wie es zumindest die einfache Rechnung 2016 minus 32 nahelegt – dritten Campuslauf. Aber dem ersten, von dem wir die Namen der Sieger kennen. „Da waren hundert Läufer am Start“, sagt er, denkt kurz nach und fügt an: „Wenn überhaupt.“ Zuschauer habe es höchstens ein paar im Zielbereich gegeben, eigentlich sei es eine reine Laufveranstaltung gewesen. Mit Läufern von der TU Dortmund. Ausschließlich.

Und doch, ganz ohne Ruhm blieb der Sieger nicht. Der winkte in Holland – beim Batavierenrace – einem riesigen Staffellauf mit tausenden Studenten. Von Nimwegen nach Enschede. „Da war die TU damals mit zwei Teams dabei, den Uni-DO-Runners und die Uni-DO-Hoppers“, erzählt Ernst. 25 Läufer waren pro Staffel am Start – und der Sieger des Campuslaufs durfte die Schlussetappe laufen. Hinein ins Stadion. Hinein in den Jubel tausender studentischer Läufer. Eine Ehre, „ein unglaubliches Gefühl“, erinnert sich Ernst. Es war die Gemeinschaft, die es so besonders machte – das, was er an der Uni nur selten spürte.

Ungebrochen: Die Liebe zum Laufen

Laufen liebt(e) Uwe Ernst – das Unileben weniger: „Es war eine reine Pendleruni.“

Laufen liebt(e) Uwe Ernst – das Unileben weniger: „Es war eine reine Pendleruni.“

An dem Ort also, der fünf Jahre lang bis zum Januar 1991 seine studentische Heimat war. Aber nie eine große Liebe. „Es war eine reine Pendleruni. Meist war es sehr voll – das hatte nichts Gemütliches“, sagt er. Kein Platz für Romantik. Auch heute nicht, beim Blick in den Rückspiegel. Ein Studentenleben habe es kaum gegeben – und er, er war sowieso mehr auf den Laufstrecken unterwegs. Sechs Mal die Woche trainiert er damals, auch in den Feldern rund um seine Heimat Hombruch, in die seine Eltern relativ bald nach seiner Geburt gezogen sind.

Studieren und Sport, das war mein Leben.

Und als die Uni endete und es für ihn in den Chemiepark Marl ging, wo er bis heute arbeitet, blieb das Laufen. Weniger als Leistungssport, der ihn zwischenzeitlich bis zu Westfalen- und Westdeutschen Meisterschaften brachte. Das verhinderte nicht zuletzt eine hartnäckige Muskelverletzung. Aber immer als wichtiger Teil seines Lebens – weil Laufen für ihn Glück bedeutet: „Körper und Geist werden eins, ich kann entspannen, alle Sorgen hinter mir lassen“, sagt er. Und Momente schaffen, die bleiben. Auch viele Jahrzehnte danach. „Danke“, sagt Uwe Ernst am Ende des Gesprächs – „danke für die kleine Reise in die Vergangenheit“. Ein erneuter fester Händedruck. Dann geht es Richtung Bahnhof.

Beitragsbild: Johannes Mohren / Fotos: Uwe Ernst (3), Hochschulsport (1)

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