Bewerben auf Halde

Das Semester hat schon angefangen, da werden für manche Studienfächer noch die letzten Zulassungsbescheide aus dem Nachrückverfahren oder dem Losverfahren versendet. Dadurch verpassen die Nachrücker schon erste Vorlesungen und müssen sich womöglich noch auf die Schnelle eine Unterkunft am Studienort suchen. Verantwortlich für das Problem sind jedoch nicht langsame Verwaltungen der Hochschulen, sondern das Bewerbungsverhalten der zukünftigen Studenten.

Die Vorlesungen haben in vielen Studienfächern schon begonnen. Jedoch können noch nicht alle Studierenden pünktlich in den Hörsälen sitzen. Die Nachrücker müssen verpassten Stoff mühselig wieder aufholen. Foto:flickr.com/digital cat; Teaserfoto: Sarah Bolte

Die Vorlesungen haben in vielen Studienfächern schon begonnen - häufig ohne die Nachrücker. Foto:flickr.com/digital cat; Teaserfoto: Sarah Bolte

Auch viele Nachrücker für Studiengänge an der TU Dortmund erhalten erst spät ihre Zulassung, wie etwa beim Bachelorstudiengang Wissenschafts- journalismus. „Wir hatten dieses Jahr einen Rekord von mehr als 450 Bewerbern auf lediglich zwölf Plätze. Dennoch konnten im Nachrückverfahren immer noch nicht alle Plätze besetzen, weil sich nur wenige Bewerber mit einer Zulassung auch tatsächlich einschreiben“, sagt Professor Holger Wormer, Leiter des Lehrstuhls für Wissenschafts- journalismus. Aus dem Grund läuft seit Montag, den 8. Oktober, das Losverfahren, an dem alle Interessierten – auch die, die sich ursprünglich noch nicht beworben haben  – noch bis zum 19. Oktober teilnehmen können. Und dann entscheidet nicht der Numerus Clausus oder die Wartezeit, sondern das Los über einen Studienplatz.

Mehrfachbewerbungen nehmen zu

„Die steigenden Bewerberzahlen spiegeln aber oft nicht nur ein echtes steigendes Interesse für den Studiengang wieder, das wir durchaus beobachten. Sondern sie sind ein Zeichen für den immer stärker werdenden Trend zu Mehrfachbewerbungen“, so Wormer. Womöglich komme es inzwischen häufiger vor, dass sich Leute bei zwei Dutzend verschiedenen Studiengängen gleichzeitig bewerben. Das liegt vor allem an der größer werdenden Konkurrenz um die Studienplätze: Mehrfachbewerbungen erhöhen dann die Wahrscheinlichkeit überhaupt einen Studienplatz zu bekommen. „Das ist wie am Pool auf Mallorca: So wie Urlauber ihre Liegen den ganzen Tag mit ihren Handtüchern reservieren, weil sie unter Umständen irgendwann noch einmal darauf liegen wollen, so reservieren die Bewerber die Studienplätze“, sagt Wormer. Die moderne Möglichkeit der Online-Bewerbung verschärfe zusätzlich noch das Problem, weil dadurch die Bewerbungs-Hemmschwelle sinke.

Prof. Holger Wormer ist Leiter des Lehrstuhls Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund. Er bedauert das unfaire Bewerbungsverhalten mancher Bewerber. Foto: Badenschier

Prof. Holger Wormer bedauert das unfaire Bewerbungsverhalten mancher Bewerber. Foto: Badenschier

Mehrfachbewerbungen führen dann dazu, dass viele Plätze nicht angenommen werden, weil die Bewerber eventuell zuvor schon eine Zulassung an einer anderen Hochschule bekommen haben oder das Fach im Nachhinein doch nicht belegen wollen. Aus dem Grund versendet das Studierendensekretariat für den Wissenschaftsjournalismus in der ersten Runde für 12 Plätze beispielsweise 30 Zulassungen. „Das ist wie ein Lotto-Spiel. Wir gehen in diesem Beispiel davon aus, dass nur ein Drittel der Bewerber tatsächlich zusagen. Wenn aber alle zusagen sollten, haben wir ein Problem“, erklärt Wormer.

Wenn sich dann trotz Überbuchung nicht alle Plätze besetzen lassen – so wie es dieses Semester beim Wissenschaftsjournalismus der Fall war – gibt es Nachrückverfahren und Losverfahren, die bis in das Semester hinein andauern können. „Dieses Bewerbungsverhalten ist vor allem unfair den Mitstreitern gegenüber, die sich wirklich für das Studienfach interessieren und sich trotz Zulassung im Nachrückverfahren gegen eine Zusage entscheiden müssen, weil sie mittlerweile für eine anderes Studium in eine andere Stadt gezogen sind.“ Trotzdem hat Holger Wormer auch Verständnis dafür, dass die jungen Menschen auf Nummer sicher gehen wollen – gerade in Zeiten, in denen die Konkurrenz um die Plätze immer weiter steigt.

Zentrale Koordinierungsstelle soll helfen

Da diese Entwicklung in den vergangenen Jahren immer stärker zugenommen hat, beschäftigt sich die Hochschulrektorenkonferenz – die Interessenvertretung der Hochschulen – und auch die Politik mit dem Problem. Aus dem Grund wurde das „Dialogorientierte Serviceverfahren“ von der Hochschulrektorenkonferenz in Zusammenarbeit mit den Ländern und der Stiftung für Hochschulzulassungen ins Leben gerufen. Bei diesem Projekt, das erstmals zum Sommersemester 2012 mit 17 Hochschulen getestet wurde, soll eine Koordinierungsstelle für einen besseren Ablauf sorgen.

Wenige Bewerbungen für Studienplätze werden heute noch per Post verschickt. Online-Bewerbungen sind bequemer und könnten deshalb auch ein Faktor für den Anstieg von Mehrfachbewerbungen sein. Foto: flickr/['solid]Tübingen

Wenige Bewerbungen für Studienplätze werden heute noch per Post verschickt. Foto: flickr/ solid Tübingen

Bewerber müssen sich bei dem „Dialogorientierten Serviceverfahren“ zentral registrieren und können sich erst dann bei den teilnehmenden Hochschulen bewerben. Die Auswertung der Bewerbungen und das entsprechende Ranking der Bewerber auf Basis von Numerus Clausus, Wartezeit und anderen studiengangspezifischen Kriterien, bleiben in der Hand der Hochschulen. Die Ranglisten werden jedoch bei der Koordinierungsstelle eingereicht, die dann die Zulassungsbescheide verschickt.

Sobald ein Bewerber eine Zulassung bestätigt, wird er von den Ranglisten anderer Fächer gestrichen, sodass schnellstmöglich andere Bewerber nachrücken können. Dadurch werden langwierige Nachrückverfahren vermieden, ohne dass man die Zahl der möglichen Bewerbungen einschränken muss, wie Stefanie Busch, Referatsleiterin für Studentische Angelegenheiten bei der Hochschulrektorenkonferenz, gegenüber der pflichtlektüre erklärt.

TU Dortmund bislang noch nicht beteiligt

Zukünftig sollen immer mehr Hochschulen an diesem Verfahren teilnehmen, jedoch sei die Anbindung technisch gesehen nicht so einfach, sagt Stefanie Busch. Mit dem Pilotverfahren im Sommer sei vor allem erst einmal die Software getestet worden. „Das hat vielfach auch gut geklappt, aber die Hochschulen arbeiten alle mit sehr unterschiedlichen IT-Systemen. Da die Koordinierung mit unserer Software unterschiedlich gut funktioniert, können wir die Hochschulen nur peu à peu in das Verfahren aufnehmen.“ Die TU Dortmund hat bislang noch nicht bei dem neuen „Dialogorientierten Verfahren“ teilgenommen.

Für junge Menschen, die weiterhin auf einen Studienplatz warten oder sich erst spät entschieden haben, hat die Stiftung für Hochschulzulassung eine bundesweite Studienplatzbörse eingerichtet. Dort können Hochschulen ihre freien Studienplätze anbieten, damit sie nicht unbesetzt bleiben. Aber nicht alle offenen Plätze sind dort aufgeführt. Deswegen lohnt es sich zusätzlich noch auf den Homepages der Hochschulen nach Losverfahren, wie etwa beim Wissenschaftsjournalismus, zu suchen. Es gibt also mehrere Möglichkeiten um auch jetzt noch schnell einen Studienplatz zu ergattern.

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