Plattform für vergessene Forschung

Studien ohne eindeutiges Ergebnis sind schlecht zu verkaufen – sowohl der Öffentlichkeit als auch der Fachwelt. Deshalb verschwinden sie oft in der Schublade. Dabei könnte die Wissenschaftsgemeinde durch Veröffentlichung solcher Nullresultate viel Zeit und Geld sparen. Einen Ansatz dazu bieten Publikationen wie das Journal of Negative Results, die ausschließlich solche negativen Forschungsergebnisse veröffentlichen.

Forschung für den Papierkorb: Viele Studienergebnisse bleiben unbekannt, weil sie schlechte Publikationschancen haben

Forschung für den Papierkorb: Viele Studien bleiben unbekannt, weil sie schlechte Publikationschancen haben.

Drei Jahre lang sammelte der Biologe Volker Bahn für seine Doktorarbeit im Bereich Ökologie Daten und wertete diese aus – um feststellen zu müssen, dass sich seine ursprüngliche Hypothese nicht bestätigte. Trotzdem versuchte er, wie in den Naturwissenschaften üblich, seine Ergebnisse in Fachzeitschriften zu veröffentlichen und so einem größeren Publikum zugänglich zu machen. „Ich habe viel Arbeit und Gedanken in meine Forschungsarbeit investiert und war der Meinung, dass, obwohl ’nichts’ dabei herausgekommen ist, wertvolle Einsichten darin lagen“, erklärt er.

Leider sahen das die Gutachter der Fachzeitschriften seiner wissenschaftlichen Disziplin offenbar anders. „Es war aussichtslos. Ein Gutachter hat mir sogar vorgeworfen, seine Zeit zu verschwenden“, berichtet der an der US-amerikanischen Wright State University tätige Deutsche über seine Suche nach einer Plattform für seine Arbeit.

Positive Verzerrung auf dem Markt der Forschung

Eine Erfahrung, die schon viele Wissenschaftler gemacht haben dürften. Denn Fachzeitschriften wie Nature oder Science prüfen eingereichte Artikel nach sehr strengen Kriterien. Dabei werden Studien mit eindeutigen Resultaten, zum Beispiel dem Nachweis einer Arzneimittelwirkung, traditionell eher veröffentlicht, als Analysen, die für den untersuchten Wirkstoff keinen Effekt beweisen konnten. „Es gibt ein spürbares Vorurteil gegenüber Misserfolgen in der Forschung, selbst wenn die Experimente sorgfältig geplant und durchgeführt wurden“, erklärt Stan Szpakowicz, Computerlinguist an der University of Ottawa.

Kritiker bemängeln, dass durch diese Verzerrung interessante Forschungsansätze übersehen werden, weil sie auf den ersten Blick nicht aussagekräftig genug sind. „Wissenschaftler mit kontroversen, revolutionären oder negativen Ergebnissen müssen regelrecht um Anerkennung ringen“, so Björn Olsen und Christian Pfeffer, Zellbiologen an der renommierten Havard University in der Erklärung zu ihrem Magazin. Um dem Problem entgegenzuwirken, gründeten die beiden Wissenschaftler das Journal of Negative Results in Biomedicine, das vordergründig Studien mit solchen Nullresultaten veröffentlicht.

Öffentliche Misserfolge sparen Ressourcen

Das Journal of Negative Results ist eines der  neuen Medien für Forschung mit negativem oder nicht eindeutigem Ergebnis

Das Journal of Negative Results ist eines der neuen Medien für Forschung mit negativem oder nicht eindeutigem Ergebnis.

Mittlerweile gibt es in einigen wissenschaftlichen Disziplinen vergleichbare Medien, zum Beispiel in einem Teilgebiet der Krebsforschung (Journal of Negative Observations in Genetic Oncology), der Ökologie (Journal of Negative Results – Ecology & Revolutionary Biology) oder im Bereich Computer Science (Forum for Negative Results, FNR). „Das Ziel ist, dem Drang zum Schönreden ein Gegenmodell zu bieten“, berichtet FNR-Gründer Lutz Prechelt. „Wenn die ursprüngliche Idee plausibel war und man verstanden hat, warum etwas nicht funktioniert, betrachten wir das als einen vollwertigen Beitrag.“

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