Kulturmanagement im Kleinen

Seit 20 Jahren existiert das Prinz Regent Theater in Bochum. Obwohl ein kleines Theater, ist es doch fester Bestandteil der Bochumer Kulturszene. Für die künstlerische Leiterin und Mitbegründerin Sibylle Broll-Pape und ihre Kollegen ein Full-Time-Job, bei dem es um viel mehr geht als nur Theater. Dafür muss man gut mit Zahlen umgehen können. Und mit Enttäuschungen.

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Sibylle Broll-Pape hat Mathematik und Anglistik und auch eine zeitlang Informatik studiert. Ersteres hilft natürlich bei der Buchhaltung. Foto: Claudia Siekarski

„Wenn ich hier ins Defizit wirtschafte, dann stehe ich dafür alleine gerade“, sagt Sibylle Broll-Pape. Zwar wird das Theater von der Stadt gefördert, aber das nötige Kleingeld, um Defizite auszugleichen, stellt die Stadt nicht. Dieses Privileg genießen nur große, städtische Häuser. Und die Fördermittel für freie Kultur sitzen in Zeiten von Haushaltssperren nicht mehr so locker: „Durch die Haushaltssicherungskonzepte ist uns in den letzten zwei Jahren sehr viel Geld verloren gegangen. Dadurch fielen sämtliche Projektgelder weg und die institutionelle Förderung wurde um zehn Prozent gekürzt“, sagt Broll-Pape. Eine heikle Entwicklung, jedoch ist verringerte Förderung besser als gar keine. Denn ohne die Mittel von Stadt und Land könnte man den Theaterbetrieb auch ganz einstellen. Die einfache Rechnung: Man muss also mit dem auskommen, was man bekommt, denn genug Geld ist generell nie vorhanden. „Wir leiden immer unter extremen Geldmangel“, fasst Sibylle Broll-Pape die Situation zusammen. Da helfen auch gutes Management und sorgfältige Buchhaltung wenig. Je kleiner das Theater, desto mehr rückt das Finanzielle in den Mittelpunkt.

Das eigene Theater als Fulltime-Job

Prinz Regent Theater in Bochum, aufgenommen am 26.01.2009. +++ Foto: Lutz Leitmann/Stadt Bochum, Presseamt

Prinz Regent Theater hat 92 Plätze. Das Programm bietet sowohl klassische als auch zeitgenössische Stücke. Foto (und Teaserfoto): Lutz Leitmann/Stadt Bochum, Presseamt

Also muss Broll-Pape ständig auf die Finanzierung schielen. Dabei hat sie sonst auch genug zu tun. Der Job spannt sie voll ein: „Ich gehe morgens hin und abends wieder raus.“ Denn zu den Zeiten im Büro kommen täglich sechs Stunden Proben, bei denen sie inszeniert und am Abend bis zu vier Aufführungen pro Woche, bis zu 140 in einer Spielzeit. So flexibel, wie die Arbeitszeiten ist der Mitarbeiterstab. „Den Grundbetrieb“, so Broll-Pape, „machen wir mit viereinhalb Festangestellten und mit 400-Euro-Jobs.“ Dazu kommen je nach Produktion Schauspieler und Regisseure auf Honorarbasis. Diese Flexibilität hat gute Gründe: Finanziell sei es auch gar möglich, Schauspieler fest anzustellen. „Da könnte ich vielleicht zwei Schauspieler anstellen und dann das ganze Repertoire zu zweit spielen – lieber nicht“, erklärt Broll-Pape.

Budget, Konkurrenz, Lage

Eines wird deutlich: Das Geld ist knapp, freie Theater müssen jeden Cent zweimal umdrehen. Dazu kommt, so könnte man meinen, noch genug andere Probleme: Da wäre zum einen die starke Konkurrenz durch Theater, die finanziell besser aufgestellt sind. In Bochum ganz klar: das Schauspielhaus. Doch Broll-Pape widerspricht: „Wenn es im Schauspielhaus gut läuft, läuft es bei uns auch super. Gibt es in der Stadt eine gute Stimmung für Kultur, dann wirkt sich das auch auf uns aus. Wenn das nicht der Fall ist, ist es für uns als kleines Haus eher schwieriger die Zuschauer zu mobilisieren.“ Auch da spielt natürlich wieder das Budget eine Rolle, aber genauso die nicht gerade zentrale Lage des Prinz Regent Theaters.

Die Marienkirche als Spielort sollte das Prinz Regent Theater näher an die Innenstadt bringen. Mittlerweile trainieren die Urbanatix in der Kirche. Foto: Paul Crone

Die Marienkirche als Spielort sollte das Prinz Regent Theater näher an die Innenstadt bringen. Mittlerweile trainieren die Urbanatix in der Kirche. Foto: Paul Crone

Denn zugegeben, ideal ist die Lage des Prinz Regent Theaters in Bochum jetzt nicht gerade. Der Strukturwandel ermöglicht überhaupt den Spielort mitten im Gewerbegebiet der alten Zeche Prinz-Regent. Neben einer beliebten Diskothek und dem zugehörigen Kiesparkplatz, mit alten Industrieanlagen im Hintergrund, liegt das Prinz Regent Theater. Aber man braucht eine Weile bis ins Stadtzentrum. Die öffentliche Verkehrsanbindung: eher schlecht. Beim Kartendienst von Google ein Erfahrungsbericht, Zitat: „Ist ja echt am Arsch der Welt.“ Der Bus fährt nur alle 20 Minuten, dauert die Vorstellung am Wochenende mal länger, fährt keiner mehr.

Eine herbe Enttäuschung

Dabei sollte bei diesem Problem ein neuer Spielort Abhilfe schaffen. Die, bis 2009 leerstehende Marienkirche, direkt am Kneipenviertel Bermudadreieck war Broll-Pape und Kollegen eigentlich schon versprochen. „Ich saß immer da gegenüber in der Bar ‚Sachs‘ und dachte: „Das ist doch eigentlich ein wunderbarer Ort für uns“, erinnert sich Broll-Pape. Eine perfekte Möglichkeit näher an die Innenstadt zu rücken und gleichzeitig noch das Theater vergrößern zu können. Doch über Nacht entschied sich die Stadt um, es folgte eine herbe Enttäuschung. Der eigentlich schon zugesicherte Zuschlag der Stadt an das Prinz-Regent Theater blieb aus. Die Marienkirche ist mittlerweile der Trainingsort für die Stunt-Show der Urbanatix.

Es sind Enttäuschungen wie diese, die neben dem anstrengenden Kampf um Fördermittel irgendwann dazu führen, dass Zweifel aufkommen. „Oft ist man dann an dem Punkt, wo man sich fragt: „Lohnt sich das überhaupt noch?“, sagt Sibylle Broll-Pape. „Aber dann sitzt man zwischendurch wieder hier in der Vorstellung und dann weiß man auch wieder, warum man das macht.“ Denn am Ende zählt: Bei all dem Aufwand und den Anstrengungen bleibt das eigene Theater für Broll-Pape der „große Traum“. Dafür nimmt man Rückschläge und Zugeständnisse doch gerne in Kauf.

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