Erste Schritte auf der Theaterbühne

Wie fühlt es sich eigentlich an, auf der Bühne eines Theaters zu stehen? Dieser Frage ging pflichtlektüre-Autorin Laura Lucas in einem Selbstversuch nach. Sie schloss sich der Laienschauspieltruppe des Theaters an der Volme in Hagen an und stieß dabei auf eine besondere Herausforderung: In der Krimi-Komödie „Die acht Frauen“ des Franzosen Robert Thomas von 1961, sollte sie eine 70-Jährige spielen.

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Das Theater an der Volme: Hier übt sich pflichtlektüre-Autorin Laura Lucas in der Kunst des Schauspielens. Fotos: Laura Lucas, Teaserfoto: olga meier-sander/pixelio.de

Meine ersten Schritte als Theaterschauspielerin mache ich mit einem Krückstock. Als eine der „Huit Femmes“ spiele ich „Mamy“,  eine rüstige, etwa 70-jährige Frau, laut Rollenbeschreibung eine „nette alte Dame mit weißen Haaren“. Es ist meine erste Probe mit der Laienschauspieltruppe im Theater an der Volme. Doch bevor es mit dem Schauspielen losgeht, stehen erst einmal Bühnenübungen auf dem Programm. Texte lernen mussten wir zwar noch nicht, aber das Stück sollten wir schon lesen. Auf dieser Grundlage sollten wir uns dann eine Biographie für unsere Rolle ausdenken, damit wir uns besser mit ihr identifizieren können, wenn wir spielen. So weit so gut.

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Indra Janorschke leitet das Theater an der Volme. Sie ist Schauspielerin und Dramaturgin und schreibt auch eigene Theatertexte.

Indra Janorschke, die Leiterin des Theaters an der Volme, ist auch die Regisseurin dieser Laienproduktion. Sie hatte uns den Tipp gegeben, sich ein bestimmtes Accessoire auszusuchen, das unsere Rolle unterstützt. Da stehe ich nun also mit meinem Krückstock, schließlich bin ich ja alt. Ansonsten bin ich aber noch Laura mit Jeans, Sneakers und blonden Haaren und fühle mich mit meinen 22 Jahren eigentlich gar nicht alt. Genau das sei auch die Herausforderung bei meiner Rolle, lerne ich gleich zu Anfang. Ich muss spielen, ohne mich dabei auf meine eigenen Erfahrungen berufen zu können. Meine Enkeltochter Catherine, die ja eigentlich Carola heißt, hat es da ein bisschen leichter. An ihren sechzehnten Geburtstag kann sie sich noch bestens erinnern, während ich mir beim besten Willen nicht ausmalen kann, wie es ist, 70 zu sein. Also muss ich auf meine Beobachtungen von alten Damen zurückgreifen. Und das tue ich dann auch in der ersten Übung.

Erste Gehversuche auf der Bühne mit Krückstock

Catherine, also Carola, und ich stehen gemeinsam auf der kleinen, schwarzen Holzbühne. Die Scheinwerfer sind aus und der Theatersaal verlassen. Wir sollen auf der Grundlage unserer zuvor erarbeiteten Biographien improvisieren. Auf der Bühne steht nichts weiter als eine Bank, wir sollen uns aber vorstellen, wir seien am Bahnhof. Und los geht’s! Carola sitzt auf der Bank, also am Bahnsteig, und wartet auf einen Zug. Ich gehe auf sie zu. Ich humpele ein bisschen und schiebe die linke Hüfte ein Stückchen nach vorne. Alte Damen haben doch immer etwas an der Hüfte, denke ich. Und jetzt irgendetwas geistreiches sagen, Laura! Was machen alte Damen denn in so einer Situation? Ich beschließe Carola erst einmal ordentlich anzumeckern. Wegen der Tasche auf dem Sitz und der lauten Musik aus ihren (nicht vorhandenen) Kopfhörern. Carola scheint aber beschlossen zu haben, ein braves, gut erzogenes Mädchen zu sein. Sie nimmt sogleich die (nicht vorhandene) Tasche vom Sitz und mir damit den Wind aus den Segeln. Ich setze mich unter lautem Gestöhne und Gezeter neben sie. Das junge Mädchen guckt mich irritiert an und ich sage: „Hüftschaden!“ und stütze mich auf meinen Stock.

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Aussicht von der Bühne: Während der Proben sind die Zuschauerränge dunkel und verlassen.

Ich meckere noch ein bisschen über die „Jugend von heute“, darüber dass die Anzeigentafeln viel zu klein sind und einem heutzutage ja auch kein Bahnpersonal mehr Hilfe leistet. „Lauter!“ tönt es aus dem Zuschauerraum, wo die Regisseurin sitzt. Ich lerne meine erste Lektion in Sachen Theaterspielen: Wenn du denkst, du sprichst schon ungewöhnlich laut, dann sprich noch zwei Mal lauter. Man müsse mich schließlich in der letzten der zwölf Reihen auch noch hören können. Von der Bühne aus ist die aber gar nicht mal weit weg. Und außerdem sind die Ränge menschenverlassen. Ich versuche mir vorzustellen, wie ich vor einem Publikum stehe, das tuschelt und hustet und mit den Stühlen knarzt. Also brülle ich die arme Carola an und komme mir ein bisschen albern vor.

Und jetzt auf vier Beinen

Schlimmer wird es bei unserem zweiten Treffen. Heute lautet die Aufgabe: Denkt euch ein passendes Tier zu eurer Rolle aus und bewegt euch dementsprechend auf der Bühne. Minutenlang überlege ich, welches Tier zu meiner Rolle passen könnte. Laut Rollenbeschreibung bin ich eigentlich „nett“, aber wie ich weiß, verberge ich auch das eine oder andere dunkle Geheimnis. Schließlich entscheide ich mich für eine dicke, weiße Katze und schon verwandelt sich die Bühne in einen Zoo. Acht Frauen, schleichen, kriechen oder hüpfen über die Bühne, wiehern, bellen oder gackern. „Und jetzt interagieren!“, lautet die Anweisung. Also jage ich das Hühnchen und ducke mich vor dem großen Pferd, das ja eigentlich einen Kopf kleiner ist als ich. Herrlich! Alleine käme ich mir wahrscheinlich furchtbar albern vor, aber in der Gruppe ist es richtig lustig, sich buchstäblich zum Affen zu machen.

Bei unserem dritten Treffen darf ich wieder eine Omi sein und ich habe meinen Krückstock wieder! Heute ist unsere erste, richtige Probe. Wir befinden uns im Bühnenbild von „Misery“, einem Thriller von Stephen King, der bald Premiere feiert. Der normale Theaterbetrieb ist natürlich wichtiger und es muss täglich geprobt werden. Auf der Bühne steht deshalb ein karger, kleiner Tisch und ein weißes Bett. Statt Wände, begrenzen Metallgitter das Bühnenzimmer. Das Bühnenbild passt irgendwie überhaupt nicht zu unserer Krimi-Komödie. So stehen wir also alle, mit unseren Textbüchern in der Hand, etwas hilflos auf der Bühne herum. Nur ich darf sitzen, ich bin schließlich alt. Daran könnte ich mich gewöhnen. Etwas holperig gehen wir unsere Sätze durch. Die Texte können wir noch nicht, also lesen wir ab. Indra Janorschke ruft immer mal wieder Lob und Kommentare herein, dirigiert uns herum und gibt Anweisungen. „Lasst euch mehr Zeit!“, ruft sie zum Beispiel, denn wir neigen dazu, unseren Text herunter zu rattern. „Ihr müsst die Sätze entwickeln.“ Anfangs bin ich noch ein bisschen scheu, aber als ich mich schließlich traue, richtig in die Rolle hineinzuschlüpfen, macht es großen Spaß. Auch Indra ist zufrieden mit mir. Das mit der Omi hab ich also drauf, freue ich mich.

Meine Lerntechnik: Ich packe meinen Koffer…

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Für ein paar Wochen Lauras treuer Begleiter, sogar im Bett: das Textbuch.

Nun geht es ans Textlernen. Ich sitze im Schneidersitz auf meinem Bett und blättere durch mein Textbuch. Ich bin ein bisschen erschrocken, als ich sehe, wie viele Sätze ich mir beim Durchlesen gelb markiert habe. Das soll ich alles lernen? Und wie soll ich mir das bloß merken? Zum Glück gibt es ja Probenpläne und ich muss nicht alles auf einmal lernen, nur bis Seite zwölf. Ich entscheide mich für die „Ich packe meinen Koffer…“-Taktik und wiederhole erst einen Satz, dann zwei, dann drei und nach einer halben Stunde kann ich meinen Text. Doch bei der nächsten Probe lerne ich meine zweite Lektion: Egal, wie gut du deinen Text kannst, wenn du das erste Mal Text und Spielen verbinden musst, ist er weg. Ich ärgere mich ein bisschen. Die Worte liegen mir auf der Zunge. Jetzt denken die anderen bestimmt, ich hätte nicht geübt. Doch Indra erklärt, das sei völlig normal: „Zuhause kann man den Text vorwärts und rückwärts aufsagen, doch steht man dann auf der Bühne, dann überlagert das Spielen erst einmal den Text. Später klappt’s dann.“

Doch so weit kommt es gar nicht erst. Unsere Laientruppe schrumpft und aus „Die acht Frauen“ werden plötzlich fünf. Das Stück ist Geschichte und ein neues muss her: „Honigmond“ etwa oder „Fünf im gleichen Kleid“. In beiden Stücken kommt leider keine Omi vor. Dabei hatte ich meinen Krückstock schon richtig liebgewonnen.