Boom Total: Ein Festival wächst und wächst

Bochum Total: Von einer Schnapsidee zum größten Open-Air-Festival Europas. Foto: Bochum Total Archiv.

Bochum Total: Von einer Schnapsidee zum größten Open-Air-Festival Europas. Foto: Bochum Total Archiv.

Vor genau 25 Jahren gründeten Studenten das Festival Bochum Total. Klein und kuschelig, damals. Bis heute erzählen die Macher gern die alten Geschichten. Gleichzeitig schreiben sie neue – und stoßen an die Grenzen des Wachstums.

Am Anfang von „Bochum Total“ stand eine Schnapsidee. Das kann man durchaus wörtlich verstehen.

„Wir saßen in einer Bar“, erinnert sich Marcus Gloria, damals Student. „Mein Freund Heri Reipöler und ich haben uns über unsere Bands unterhalten. Wir wollten unbedingt irgendwo auftreten, aber es gab damals keine Möglichkeiten.“ Damals, 1986, gab es nur das Maischützenfest. Dahin wollten sie nicht. Und dann kam den beiden ein Gedankenblitz: „Lass doch einfach selber ein Festival machen.“

Das Festival nannten sie Bochum Total. 25 Jahre ist das jetzt her und ihre Schnapsidee ist das erfolgreichste Open-Air-Festival Europas.

Erst eine Schnapsidee – dann eine Million Zuschauer

In diesen Tagen ist die gesamte Bochumer Innenstadt voller Menschen. Sechs Bühnen sind aufgebaut, Musik ertönt von überall. Dazu das Lärmen der Zuschauer, eine Million kam allein im letzten Jahr. Marcus Gloria staunt immer noch über den gigantischen Erfolg des Festivals. „Ich hätte nicht damit gerechnet, dass Bochum Total so explodiert.“ Seit 25 Jahren sind er und Heri Reipöler für die Organisation verantwortlich. Gloria hat viele Bands erlebt in der Zeit: HBlockx, Culcha Candela, Silbermond, Reamonn – alle waren sie bei ihm. Reipöler und er haben sie geholt, noch bevor die anderen sie überhaupt auf der Liste hatten. „Wir hatten immer schon spezielle Sachen. Grell, konfrontativ, unkonventionell.“

Marcus Gloria organisiert das Festival seit 25 Jahren. Foto: Archiv.

Marcus Gloria organisiert das Festival seit 25 Jahren. Foto: Archiv.

Gloria erzählt gern diese Geschichten. Er kennt zig Anekdoten von den vergangenen Festivals. Silbermond zum Beispiel. „Die waren vor Jahren hier, da kannte die keine Sau. Eigentlich war es auch mehr ein Versehen.“ Er lacht in Erinnerung an den skurrilen Zufall: Eine andere Band fiel in letzter Minute aus, man brauchte dringend Ersatz. Und Silbermond hatte gerade ein Konzert in der Nähe. „Wir haben bei denen angerufen: Könnt ihr schnell vorbeikommen? Die haben also mit quietschenden Reifen gewendet und sind auf die Bühne. Und da haben die ein total geiles Konzert abgeliefert. Ein Jahr später sind sie durchgestartet.“

„Die Agenturen haben gedacht, wir nehmen Drogen oder so“

Nicht nur Silbermond, auch viele andere Bands traten kurz vor ihrem Durchbruch bei Bochum Total auf. Diese Bedeutung entwickelte sich mit der Zeit. Zu Beginn hatten Reipöler und Gloria Glück, dass das Festival überhaupt stattfand. Denn die Agenturen, bei denen sie anfragten, waren alles andere als begeistert. „Die Leute haben uns natürlich nicht für voll genommen. Wir waren ja zwei Küken, wir hatten keine Ahnung. Die haben gedacht, wir nehmen Drogen oder so.“ Schließlich konnten sie den befreundeten Leiter eines Jugendheims für sich gewinnen. Gemeinsam mit dem Bochumer Kulturbüro organisierten sie 1986 das erste Bochum Total. Zunächst noch mit eigenem Geld. Aber schon im zweiten Jahr war das Festival komplett kostendeckend. „Es hat sich alles sehr schnell professionalisiert“, sagt Gloria.

In kürzester Zeit exlodierte Bochum Total. Foto: Bochum Total Archiv.

In kürzester Zeit exlodierte Bochum Total. Foto: Bochum Total Archiv.

Manchen ist Bochum Total schon zu kommerziell

Die beiden Ideengeber hatten eine Nische gefunden. Bochum Total war eine völlig neue Art von Festival, etwas, das damals kaum gab: Nur für junge Leute gemacht, ohne lästiges Rahmenprogramm, unkonventionell und günstig. Es blieb nur eine Frage der Zeit, bis die Besucherzahlen explodierten. Doch das Wachstum fand nicht überall Anhänger. Häufiger hört man derzeit den Ruf nach der alten, familiären Atmosphäre der Anfangsjahre. Viele kritisieren die Kommerzialisierung. Gloria wehrt sich gegen solche Argumente: „Das sind doch nur diese Früher war alles besser-Leute. Warum muss kommerziell immer gleichbedeutend sein mit negativ und inhaltsleer? Wir sind nun mal ein Kreativunternehmen. Ein guter Deal ist besser als höherer Eintritt.“

Der Wandel liege nicht an Bochum Total, vermutet er. Die Menschen insgesamt seien anders geworden. „Die Studentenszene zum Beispiel war viel engagierter, viel politischer.“ Ob heute ein Bochum Total der Anfangsjahre überhaupt noch möglich wäre, bezweifelt Gloria: „Alles hat sich verändert. Ich weiß nicht, ob Bochum Total heute eine gute Idee wäre.“

Nach wie vor sollen unkonventionelle Bands kommen. Keine Superstars. Foto: Bochum Total Archiv.

Nach wie vor sollen unkonventionelle Bands kommen. Keine Superstars. Foto: Bochum Total Archiv.

Vielleicht mal ein Klassik-Festival gründen…

Nein, Marcus Gloria würde nicht noch mal ein Pop-Festival gründen. Unkonventionell muss es sein, er hat auch sofort eine Idee: „Ein Klassik-Festival könnte man machen. Schmissig und modern. Klassik war der Punk der Jahrhundertwende. Man muss das Publikum aus sich rausholen.“ Sofern die richtigen Leute etwas machen, betont er, ist alles möglich. So wie vor zwei Jahren, als HBlockx bei Bochum Total auftrat. Wieder eine von den Geschichten. „Das Publikum hat sich an der Bühne gedrängt. Da ging nix mehr. Dann hat der Gitarrist einmal die Saiten angeschlagen. Die Bühne hat gebebt. Und ich dachte: Das muss die Macht sein. Der hat das Publikum so was von an den Eiern.“

35.000 Zuschauer sahen damals den Auftritt von HBlockx. Eine fantastische Zahl. Doch sie hat auch gezeigt, dass das Wachstum nicht unendlich gehen kann. „Da ist uns klar geworden, dass es Grenzen gibt“, sagt Gloria. „Ich bin mir nicht sicher, ob wir noch eine Million verkraften würden.“

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