Ägypten: Nach dem Sturm

Die Sonne am Nil geht unter - und wohin geht es mit Ägypten? Foto: pixelio/Katharina Wieland-Müller

Die Sonne am Nil geht unter - und wohin geht es mit Ägypten? Foto: pixelio/Katharina Wieland-Müller

Als sich Millionen Ägypter im Januar gegen Diktator Mubarak erhoben, sprach man im Westen fast täglich über die ägyptische „Facebook-Revolution“. Seit dem Abdanken Mubaraks aber ist es ruhiger um den Nilstaat geworden. Die Revolten und damit die Berichterstatter sind weitergezogen – dabei wird es jetzt erst richtig interessant. Was wird aus dem Land nach der Revolution? Was denken, hoffen und fühlen die Bürger? Auf Spurensuche in einem Staat zwischen Schein und Aufbruch.

Makadi Bay, Rotes Meer, März 2011: An dem Strand, an dem die Touristen normalerweise wie die Sardinen in der Büchse liegen, ist es still. Die Sonne scheint warm auf leere Liegestühle und verlassene Kioske, während das Meer ungerührt am Kiesstrand plätschert.  Hier, in den ägyptischen Urlaubsgegenden, gewinnt der Begriff „Ruhe nach dem Sturm“ eine neue Bedeutung. Dabei hat der Proteststurm die Makadi Bay gar nicht erreicht. Während in Kairo immer noch Auseinandersetzungen stattfinden, ist die Bay eine surreale Märchenwelt. Eine schöne Orient-Illusion für Touristen. Der Reiseleiter heißt ironischerweise Aladdin.

Polizisten bewachen leere Strände in den Urlaubsgebieten. Foto: Alina Schwermer.

Polizisten bewachen in den Urlaubsregionen leere Strände. Foto: Alina Schwermer.

„Die Mubaraks sind wie die Mafia“

Und Aladdin bemüht sich nach Kräften, die Kulisse aufrecht zu erhalten. Als ich nach den Auseinandersetzungen frage, lächelt er spöttisch: „Wieso Konflikte? Mubarak ist doch weg. Oder willst du Bodyguards?“ Offenbar fragen die wenigen Touristen höchstens aus Sorge, nicht aus Interesse. Doch als Aladdin realisiert, dass es um einen Artikel geht, beginnt er plötzlich zu erzählen. „Wir sind froh, dass wir Mubarak los sind“, sagt er. „Die Mubaraks waren wie die Mafia. Ihnen gehört alles, sie haben überall Beteiligungen.“ Er  listet Prozentzahlen und Gehaltsummen auf. 180 000 Dollar habe Mubaraks Sohn bei der Bank verdient -„fürs Nichtstun!“ -, mit unvorstellbaren 1,5 Milliarden Dollar sei Mubaraks Vize Suleiman geflohen.  „Ich war nicht selbst bei den Protesten“, sagt Aladdin, „aber im Herzen war ich dabei.“ Aladdin hofft auf ein demokratisches Ägypten. Die Übergangsminister, die bis zu den Wahlen im September das Land führen, seien gebildete Leute mit Auslandserfahrung. „Die sind gut. Aber Mubarak wollte keine Intellektuellen.“

Es gibt reichlich Leute, die diesem Satz zustimmen würden. Man trifft sie überall. Sie sitzen im Hotel, in den Läden, in den Touristenshops. Sie sind jung und haben studiert, aber bekamen keine Arbeit oder kaum Geld. Leute wie der 25-jährige Zizo, der als Lehrer ein Wochengehalt von etwa 62 Euro bekam – und jetzt als Animateur für Touristenkids arbeitet, weil man davon wenigstens leben kann. Oder IT-Fachmann Shirif (24), der keinen Job fand und nun als Verkäufer in einem kleinen Laden sitzt. „Vielleicht finde ich nach Mubarak bessere Arbeit“, sagt er. „Aber im IT kann ich nicht mehr arbeiten, weil ich alles verlernt habe.“ Die Schuldzuweisung ist ebenso einseitig wie einstimmig: Mubarak. Und Schweigen war einmal.  

Sozialarbeiter Mahmout hat mehrere Tage gegen Mubarak demonstriert. Foto: Alina Schwermer.

Sozialarbeiter Mahmout hat mehrere Tage gegen Mubarak demonstriert. Foto: Alina Schwermer.

500 Kilometer zur Demonstration

Kairo, 25. Januar 2011, auf dem Tahrir-Platz herrschte riesiges Treiben. Der junge Sozialarbeiter Mahmout erinnert sich noch genau. Er ist einer, der stellvertretend für diese Generation stehen könnte: studierter Sozialarbeiter, dann arbeitslos, schließlich gestrandet im Wassersport-Center. Und am „Tag des Zorns“ auf dem Tahrir-Platz. Lärm erfüllte die Luft, die Straßen waren voller Menschen. Mahmout hatte einen weiten Weg hinter sich. Über 500 Kilometer war er mit seinem Bruder nach Kairo gefahren, um gegen das Mubarak-Regime zu demonstrieren. „Unter der alten Regierung habe ich keine Arbeit bekommen“, sagt er. „Ich bin Sozialarbeiter, ich muss Sozialarbeit machen.“ Drei Tage fuhren sie mit dem Taxi von einem Platz zum anderen. Mahmout sog die Atmosphäre auf. Es gefiel ihm, Angst hatte er keine.

Sechs Wochen später sitzt Mahmout an einem kühlen Abend in einem Wüsten-Unterstand nahe des Wassersport-Centers. Der Wind fegt laut gegen die Schutzwand. Für ihn ist Mubarak schuld am schlechten Job – aber nicht zwingend die Diktatur. „Die ersten zwanzig Jahre Mubarak waren in Ordnung. Ein bisschen gut, ein bisschen schlecht“, sagt Mahmout. „Die letzten zehn waren nicht mehr gut. Man muss sich um sein Volk kümmern. Die meisten Ägypter haben entweder ein Haus, aber kein Geld oder sie haben Geld, aber kein Haus. “ 

Auffällig viele Leute machen die Armut allein an Mubarak fest. IT-Fachmann Shirif sagt: „Mubarak war böse.“ Er, Mahmout und viele andere junge Männer strahlen ein vorsichtiges Selbstbewusstsein aus, gepaart mit einem naiven Optimismus. „Ich glaube,  der neue Präsident wird besser“, sagt Mahmout. „Und wenn nicht, gehen wir halt wieder auf die Straße und kicken ihn raus.“ Shirif sagt: „Wir hoffen auf alles.“ Jemanden, der gegen die Revolution war, kennen sie nicht. Was aber nicht heißt, dass es niemanden gab.

Die Beduinen in Ompalafi leben nach wie vor traditionell und abgeschieden. Foto: Alina Schwermer.

Die Beduinen in Ompalafi leben nach wie vor traditionell und abgeschieden. Foto: Alina Schwermer.

Nicht alle waren dafür

Dorf Ompalafi, Sahara, März 2011: Sharif Suleyman spricht bedächtig. Er interessiere sich „ein bisschen“ für Politik, sagt er mit vorsichtigem Lächeln. Suleyman sitzt im Schneidersitz auf einer Steinmauer, fast wie ein arabischer Buddha. Hinter ihm erstreckt sich zu allen Seiten Geröllwüste. Es ist ein heißer Tag. Kinder hocken im Sand, die nichts kennen außer diesen Wüstenhügeln. Denn Sharif Suleyman ist Beduine. Und Vorsteher des Dorfes Ompalafi, einem Ort, wo die Mädchen beschnitten werden und mit zwölf Burka tragen, wo nur der Koran gelesen und mit 15 geheiratet wird. Ompalafi liegt nicht weit von den Touristenorten am Roten Meer, aber es wirkt so entfernt wie der Mond.

Und trotzdem nicht ganz aus der Welt: Sharif Suleyman hat die Proteste jeden Abend im Radio verfolgt. „Ich finde die Revolution nicht gut“, sagt er. „Mubarak hat uns 30 Jahre lang regiert. Ihn dann verjagen, so was tut man nicht.“ Unter Beduinen gebe es viel Unterstützung für Mubarak. „Er hat sehr viel für die Beduinen getan. Und er hat den Frieden mit Israel gewahrt.“ Es gebe reichlich Ägypter, die Mubaraks Sturz nicht guthießen, sagt Übersetzer Mohamed: „Viele waren gegen die Revolution. Im Fernsehen wird zwar immer nur dafür berichtet, aber es waren längst nicht alle einverstanden.“ Auf dem Land, wo keine Arbeitsplatznot herrscht und es wenig westliche Einflüsse gibt, gibt es offenbar nach wie vor Unterstützer Mubaraks.  Die Gründe sind für Suleyman weniger ideologisch: Er spricht nicht von Demokratie, nicht von Diktatur – es geht um Mubarak, die Person. „Überall gibt es Schwarz und Weiß, Gut und Böse“, sagt Sharif Suleyman. „Mubarak war weiß.“

Innenraum einer Dorfmoschee: Welche Rolle wird der Islam spielen? Foto: Alina Schwermer.

Innenraum einer Dorfmoschee: Welche Rolle wird der Islam spielen? Foto: Alina Schwermer.

Die große Frage: Was kommt jetzt?

Kaum jemand argumentiert mit Demokratie – genau die aber soll es nun geben. Wählen wollen, von den Beduinen mal abgesehen, fast alle. Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amre Mussa, und Friedensnobelpreisträger Mohammed el Baradei gelten als aussichtsreichste Kandidaten. Mussa, heißt es, sei leichter Favorit. „Ich finde ihn gut, weil er für ganz Arabien steht“, meint etwa die junge Somia, die als Putzfrau am Flughafen arbeitet. „Er soll gewinnen. Ich hoffe auf mehr Freiheit und ein besseres Gehalt.“ Auch el Baradei hat viele Sympathisanten. Doch die Europäer beschäftigt eine ganz andere Frage: Was, wenn bei den Parlamentswahlen die Islamisten gewinnen?

Makadi Bay, Rotes Meer: Zurück bei Aladdin im Märchenpalast wird es still. Eben ist das Wort Islamisten gefallen. Reflexartig wechselt Aladdin vom Deutschen ins Englische. Er scheint zu spüren, dass er sich nun auf heiklem Terrain befindet. Aber als der Reiseleiter spricht, klingt er ruhig und überzeugt: „Die haben keine Chance. Wir Ägypter sind cool und lustig, und die neue Generation ist weltoffen. Religion und Politik gehören getrennt. Wir wollen diese Leute nicht.“ Aladdin wird el Baradei wählen, den Nobelpreisträger. Auch Demonstrant Mahmout stimmt für el Baradei. „Die Islamisten werden nicht gewinnen“, sagt er. „Wir wollen Demokratie.“

Der Tourismus ist eine der wichtigsten Einnahmequellen Ägyptens - und soll es auch bleiben. Foto: Alina Schwermer.

Der Tourismus ist eine der wichtigsten Einnahmequellen Ägyptens - und soll es auch bleiben. Foto: Alina Schwermer.

Vielleicht sagt er das, weil er weiß, dass Leute aus dem Westen das hören wollen. Westliche Touristen bedeuten nun einmal seinen Lebensunterhalt. Aber vielleicht sagt er es auch, weil er es genau so meint. So oder so: Der Tourismus wird Einfluss nehmen auf die Entscheidung. „Die Regierung darf nicht zu extrem sein“, meint Mahmout. „Der Tourismus ist sehr wichtig für Ägypten.“ Denn eine islamistische Regierung würde die Urlauber wahrscheinlich ebenso sicher vertreiben, wie es kurzzeitig die Revolution tat. Im Moment kommen sie wieder. Draußen am Strand haben die ersten wieder die Tücher ausgebreitet; nicht in Sardinenformation, aber doch deutlich sichtbar. „13 Prozent der Ägypter arbeiten im Tourismus“, sagt Aladdin. „Wir wissen, was das heißt. Wir sind nicht dumm.“ Was die anderen 87 Prozent dazu meinen, wird man sehen – im September, wenn die Welt wieder auf Ägypten schaut.

1 Comment

  • Haluka Maier-Borst sagt:

    Ich wills kurz machen: Genialer Artikel, der hinter die Kulisse leuchtet und nachhakt, ob es wikrlich eine Revolution für die Demokratie war, so wie wir Europäer es gerne einschätzen oder ob es nicht ganz andere Faktoren gab, die zum Umsturz geführt haben.

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