Der Felsbrocken des Franz Müntefering

Wie Sisyphos fühlt er sich, sagt SPD-Vorsitzender Franz Müntefering. Das sei aber nicht weiter schlimm, schließlich sei Sysyphos wie er selbst, ein glücklicher Mensch. Im Interview mit pflichtlektüre online-Autor Philipp Engel sprach Müntefering über Studiengebühren, die Linkspartei und die Felsbrocken, die er als SPD-Vorsitzende tagtäglich den Berg hinaufrollt.

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In Sorge um die Demokratie: SPD-Vorsitzender Franz Müntefering.

pflichtlektüre online: Herr Müntefering, sehr viele unserer studentischen Leser haben aufgrund der Studiengebühren große Probleme, den Spagat zwischen Studium und Finanzierung des Lebensunterhaltes zu meistern. Inwiefern ist die SPD für Studenten attraktiv?

Müntefering: Die SPD ist gegen Studiengebühren.

pflichtlektüre online: Sie erteilen den Studiengebühren also eine klare Absage?

Müntefering: Ja!

pflichtlektüre online: Über Jahre hinweg galt es in der Politik als „common sense“, dass staatliche Eingriffe in die Wirtschaft schädigend wirken. Die Maxime lautete: Deregulierte Märkte sind die Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg. Die Weltfinanz- und Wirtschaftskrise beweist das Gegenteil. Fühlen Sie sich nun in Ihrer Politik und Ihren Warnungen vor den „Heuschrecken“ bestätigt?

Müntefering: Es war eine gewisse Sorge um die Demokratie, um die es mir ging – und weiter geht. Geld darf nicht die Welt regieren. Wir brauchen Regeln für die internationale Finanzwelt. Nur wenn uns das gelingt, kann man auf nationaler Ebene den Sozialstaat und die Demokratie erhalten. Dafür müssen wir kämpfen, da müssen wir mehr ran.

pflichtlektüre online: Sie erteilen der in den letzten Jahren vorherrschenden Form des Kapitalismus also eine Absage?

Müntefering: Ja, natürlich. Das ist eine Abart von Marktwirtschaft, ein großer Irrtum gewesen. Das Geld wurde zu einem Selbstzweck, selbst zu einem Produkt, mit dem man möglichst schnell und möglichst viel Geld verdienen konnte – ohne Rücksicht auf Verluste, Arbeitsplätze, Unternehmen und Menschen. Das Geld und die Wirtschaft sind aber für den Menschen da und nicht umgekehrt. Die Wirtschaft muss wieder diese dienende Funktion bekommen, sonst wird die Welt keinen guten Verlauf nehmen.

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Müntefering im Gespräch mit pflichtlektüre online-Autor Philipp Engel: "Ich kann immer nur einen Gedanken in einen Satz packen."

pflichtlektüre online: Das hört sich nach vielen Gemeinsamkeiten mit der Linkspartei an. Was trennt Sie von der Linken?

Müntefering: Der entscheidende Unterschied ist, dass die im Bund nicht regieren können und auch gar nicht wollen. Die produzieren nur heiße Luft und populistische Parolen. Zum Regieren auf Bundesebene nicht fähig.
Und wenn man in Deutschland Finanzminister wäre, im Jahr 1999 beispielsweise und dann aussteigt und seiner Partei einen Brief schreibt: „Ich steige aus! Mit freundlichen Grüßen, Oscar Lafontaine“, dann ist man ein Feigling, aber keiner der sich einer solchen Herausforderung stellt. Das ist der gewisse Unterschied zwischen uns und zwischen denen.

Pflichtlektüre: Sie sind bekannt für eingängige Urteile wie „Fraktion gut, Partei auch, Glück auf!“. Bekannt ist auch Ihre Rede, mit der Sie sich im September 2008 mit „heißem Herz und klarer Kante“ in der Politik zurückmeldeten und in der Sie der SPD „klaren Kompass, Kurs halten“ rieten. Woher kommt diese – in der Politik eher unübliche – Vorliebe für Klarheit und Direktheit?

Müntefering: (Denkt lange nach) Sprache ist ein sehr wichtiges, aber begrenztes Instrument. Wenn man lange Sätze macht, werden die Sätze komplizierter. Ich kann immer nur einen Gedanken in einen Satz packen, und die meisten Menschen können auch immer nur einen Gedanken verstehen. Also versuche ich, es mir und den anderen Menschen einfach zu machen und spreche klar und deutlich. Es funktioniert meistens.

pflichtlektüre: Nur den wenigsten ist hingegen bekannt, dass Sie als junger Mann sogar selber literarische Prosa verfassten und heute noch die Lektüre von Camus, Kafka und Dostojewski schätzen. Was bedeutet Ihnen die Literatur?

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Müntefering: "Das Leben ist und bleibt eine einzige Maloche."

Müntefering: Dass das erst genannte nur den wenigsten bekannt ist, darüber bin ich ganz froh (lacht). Nach acht Jahren Volksschule bin ich in den Beruf gegangen. Industriekaufmann. Irgendwann habe ich dann gemerkt: Da ist noch mehr. So bin ich zur Literatur gekommen. Kafka war einer der ersten Schriftsteller, der mich fasziniert hat. Camus ist in meinem Leben ein wenig zur Leitfigur geworden. Durch das Lesen erfährt man viel, durch das Lesen lernt man. Diese Neugierde habe ich mir immer erhalten können. Wenn man die nicht mehr hat, muss man aufhören.

pflichtlektüre: Sie haben einmal gesagt, dass Ihnen Camus’ Interpretation des Sisyphos-Mythos sehr zusagt. Ist es für Sie nach über 40 Jahren Berufspolitik immer noch befriedigend, wie Sisyphos den Felsbrocken tagtäglich den Berg hinauf zu rollen, auch wenn der Brocken immer wieder kurz vor dem Gipfel hinab rollt?

Müntefering: Ja klar, unbedingt. Denn der Mythos des Sisyphos endet mit den Worten: „Man kann sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Das Paradies auf Erden wird es nie geben, den neuen Menschen auch nicht. Das Leben ist und bleibt eine einzige Maloche. Das war es schon immer. Das gilt für die Gegenwart und auch für die nächsten Generationen. Du musst immer um Fortschritt kämpfen – zwei Schritte vor, einen Schritt zurück, manchmal aber auch zwei oder drei Schritte zurück. Das ist übrigens das, was typisch sozialdemokratisch ist und uns von den Konservativen unterscheidet. Die Konservativen sind zufrieden mit der Welt wie sie ist und hoffen auf eine Belohnung im Jenseits. Die Sozialdemokraten wollten das immer schon vorher haben, und das bleibt auch unser Prinzip: sich anstrengen, den Stein hochrollen – auch wenn er dann wieder runter rollt.

pflichtlektüre: Das Amt des SPD-Vorsitzenden ist für Sie also nach wie vor, wie sie einmal sagten, das schönste Amt nach Papst?

Müntefering: Ja, diese Beschreibung bleibt.

pflichtlektüre: Welche Strategien haben Sie, um Stress abzubauen?

Müntefering: Eigentlich sehe ich ja gar nicht ein, zu laufen, wenn kein Ball vor mir her rollt. Aber ich spiele besser heute kein Fußball mehr. Da würde ich mir wahrscheinlich alle Knochen bei brechen. Also gehe ich aufs Laufband und laufe ein paar Kilometer. Ich kann nur empfehlen, das zu machen. Es ist auch ganz nützlich, wenn man älter wird. Bewegung der Beine ernährt das Gehirn!

Interview: Philipp Engel

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