Kinderarmut in Dortmund: „Verantwortung der Gesellschaft“

Dortmund gilt als Hochburg der Kinderarmut. Viele Kinder wachsen hier in Familien auf, in denen das Einkommen der Eltern nicht zum Leben reicht. Die verheerenden Folgen für die Kinder sind längst bekannt – trotzdem fehlen nachhaltige politische und gesellschaftliche Initiativen. 

Fast jedes siebte Kind in Deutschland gilt als arm, in NRW ist es jedes fünfte, in Dortmund sogar fast jedes dritte. Als arm gelten Kinder in Familien, die Grundsicherungsleistungen bekommen. Laut der Bundesagentur für Arbeit ist die Anzahl der Kinder in sogenannten Bedarfsgemeinschaften in Dortmund in den vergangenen fünf Jahren von knapp 25.000 auf fast 29.000 gestiegen. „Die Arbeitswelt hat sich von Kohle von Stahl hin zu dienstleistungsorientierten Arbeitsplätzen entwickelt,“ sagt Claudia Schauder, Pressesprecherin des Jobcenters in Dortmund. Das erwirtschaftete Einkommen reiche oft nicht mehr zum Leben aus. „Immer mehr Menschen sind auf ergänzende Leistungen angewiesen.“ 

Hinzu kommen viele Migranten, die in Dortmund ein neues Leben anfangen wollen. „Wir haben hier eine große Zahl von Geflüchteten zu verzeichnen und damit eine verbundene Kinderarmut“, sagt Claudia Schauer. Allein in den vergangenen zwei Jahren, während der sogenannten Flüchtlingskrise, hat sich die Anzahl der armen Kinder mit Migrationshintergrund laut der Bundesagentur für Arbeit um fast 40 Prozent erhöht.

Kinder in Bedarfsgemeinschaften in Dortmund

Quelle: Bundesagentur für Arbeit 

 

 

Zu den Folgen von Armut bei Kindern gibt es viele Studien, alle mit den gleichen Ergebnissen: Arme Kinder sind benachteiligt – in ihrer Entwicklung und in der Chancengleichheit. Wer in Armut aufwächst, ist oft schlecht in die Gesellschaft integriert. Das erlebt auch Martina Furlan, Leiterin des Kinderschutzbundes in Dortmund. „Wenn ich als Kind nicht gelernt habe, mich in unterschiedlichen Kontexten zu bewegen, dann wird mir das später schwerfallen.“ 

„Ein Tropfen auf den heißen Stein“

Eine der vielen Maßnahmen, die für gesellschaftliche Integration und Chancengleichheit sorgen sollen, ist das sogenannten Bildungs- und Teilhabepaket. Darüber können beispielsweise Zuschüsse für Schulausrüstung oder Mittagessen beantragt werden. „Das bleibt aber ein Tropfen auf den heißen Stein, weil es nur bestimmte Situationen abfedert“, stellt Martina Furlan fest. „Die Kindern können dadurch zwar beispielsweise mit auf Klassenfahrt fahren, aber es verbessert nicht grundsätzlich die Situation der Kinder.“

Dass die Förderprogramme oft nicht greifen, hat viele Gründe. Armut ist ein komplexes Phänomen. Einkommensarmut ist oft verbunden mit einer schlechten schulischen Bildung oder beruflichen Qualifikation, mit persönlichen Gewohnheiten und Verhaltensweisen. Viele Programme sind zeitlich zu kurz. Sind beispielsweise bei einem Kind in der Schule die Noten so schlecht, dass die Versetzung gefährdet ist, kann über das Bildungs- und Teilhabepaket Nachhilfe beantragt werden. Sobald das Kind aber von einer 5 auf eine 4 gerutscht und die Versetzung nicht mehr gefährdet ist, endet die Nachhilfe. Eine zuverlässige Perspektive bieten solche Programme also nicht. 

„Hilflosigkeit der Ämter“ 

Diese Problematik sieht auch die Heilpädagogin Brigitte Laage. „Die finanziellen Förderungen haben eine Alibifunktion gegenüber der Problematik, weil sie keine langfristigen Lösungen bieten und letztendlich die Armutssituation stabilisieren.“ Als Heilpädagogin hat sie über 20 Jahre mit Kindern aus Bedarfsgemeinschaften in Dortmund gearbeitet. „Die Situation der Ämter ist nach meiner Wahrnehmung eine Hilflosigkeit gegenüber der Problematik.“

Kinderschützer plädieren dafür, die individuellen Familien zu stärken und so den Kreislauf vererbter Armut zu durchbrechen. In Dortmund will das Netzwerk „Frühe Hilfen“ gerade dies tun. Dabei wird auf die Zusammenarbeit vieler Institutionen, meistens freier Träger unter dem Dach der Wohlfahrtsverbände gesetzt. Kindern in finanziell benachteiligten Familien sollen so von Anfang an gute Startchancen und ein gesundes Aufwachsen ermöglicht werden. Martina Furlan vom Kinderschutzbund sieht den Handlungsbedarf aber nicht nur bei den Einrichtungen und Behörden, sondern auch in der Politik. „Wir kommen aus der Verantwortung als Gesellschaft nicht raus. Das muss eine Gesellschaft insgesamt wollen und sich entsprechend aufstellen – anders funktioniert es nicht.“

 

Beitragsbild: flickr.com / Scoobay lizensiert nach Creative Commons

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