Gestatten: Dr. Frankenstein

Foto: flickr/Insomnia cured Here

2017 könnte die erste Kopftransplantation in der Geschichte der Menschheit stattfinden. Eine Revolution in der Medizin. Bisher klingt das für viele aber erst einmal nach Frankensteins Monster. Foto: flickr/Insomnia cured Here

Der Mediziner Dr. Sergio Canavero will 2017 die erste Kopftransplantation der Geschichte durchführen. Die Gesellschaft steht Canaveros Vorhaben eher skeptisch gegenüber und das, obwohl die Entwicklung der Menschheit rast.

Und zwar in jeder Hinsicht. Die Prozessorleistung der Raumfähre Apollo 11, die in den sechziger Jahren drei Menschen zum Mond und wieder zurückgebracht hat, wird heute von jedem handelsüblichen Smartphone in den Schatten gestellt. Wir werden immer schneller, kommen immer weiter, höher und tiefer. Diese Entwicklung birgt nicht nur Vorteile. Ein heute ganz alltägliches Musikvideo wäre aus Sicht der 50er Jahre die reinste Pornographie. Die mediale Schmerzgrenze für Gewalt, Ekel oder Angst wird scheinbar wöchentlich nach unten korrigiert um wieder anzuecken, zu provozieren, einen Reiz auszulösen. Kurz gesagt: Tabus werden immer seltener. Trotzdem gibt es sie noch. Themen die uns grübeln lassen und bei denen wir Probleme haben sie intuitiv in das Schwarz-Weiße Muster von Richtig oder Falsch einzuordnen.

Die medizinischen Probleme sind weitgehend gelöst.Dr. Sergio Canavero

Der Italiener Dr. Sergio Canavero hat jetzt ein solches Thema angerissen. Er will 2017 einen menschlichen Kopf auf einen Spenderkörper transplantieren. Im stark unterkühlten Zustand soll der Kopf eines körperlich unheilbar erkrankten Mannes mit dem Spenderkörper verbunden werden. Zu diesem Zweck werden Kopf und Körper zum Zeitpunkt der Operation stark unterkühlt. Anschließend wird der Kopf chirurgisch abgetrennt und selbst in kleinste Gefäße Röhrchen eingeführt, um sie leichter mit den Gefäßen des Spenderkörpers verbinden zu können. Der medizinisch heikelste Teil der Operation ist die Verbindung des Rückenmarkes. Laut Canavero soll der Kopf nach der Operation in der Lage sein den Körper zu bewegen. Um das zu gewährleisten, muss das Rückenmark von Kopf und Spenderkörper verbunden werden. An dieser Stelle steigen die meisten Mediziner aus. Sie halten eine solche Verbindung für unmöglich. Canavero glaubt allerdings einen Weg gefunden zu haben. Polyethylenglycol, kurz PEG, heisst die Chemikalie die die Zellen von Kopf und Körper miteinander verbinden soll. Sie bringt das Fett in den der beiden Körperteilen dazu sich zu lösen und ermöglicht somit eine Verschmelzung. Oft genung angewendet sollen auch Muskeln und kleinste Blutgefäße miteinander verbunden werden. An Hunden und Ratten wurde dieser Vorgang schon erfolgreich getestet. Zum Schluss soll der Patient in ein vierwöchiges künstliches Koma versetzt werden, um Verletzungen durch unbewusste Bewegungen des Kopfes zu vermeiden. Während dieser Zeit sollen eingepflanzte Elektroden durch schwache Stromimpulse das Wachstum der Nervenverbindungen stimulieren.

Die größte Hürde: die Immunabwehr

Vergleichbare Operationen wurden bisher nur an Tieren durchgeführt und waren auch nur bedingt erfolgreich.  1954 schuf der Russe Vladimir Demikov einen Hund mit zwei Köpfen, allerdings überlebte das Tier nur wenige Tage. 1970 transplantierte ein Team aus Ohio den Kopf eines Affen auf einen anderen Körper. Da sie das Rückenmark nicht verbinden konnten, war der Affe allerdings bewegungsunfähig und musste künstlich beatmet werden. Die medizinische Elite lehnt das Vorhaben Canaveros größtenteils ab. Ihr Hauptargument besteht in der Immunabwehr des Körpers, dem klassischen „abstoßen“ des fremden Organes. Ihr fielen auch die Versuchstiere irgendwann zum Opfer. Canavero beabsichtigt, diesen Vorgang mit modernen Medikamenten unter Kontrolle zu halten. Allerdings müssten diese Medikamente ein Leben lang eingenommen werden, was ein Nierenversagen oder Krebs zur Folge haben könnte. 

„Meine Entscheidung ist endgültig“ - Valery Spridonov

Trotz aller Risiken und dem ungewissen Ausgang der Operation, hat Canavero mehrere Bewerbungen von todkranken Menschen erhalten, die an dem Experiment teilnehmen wollen. Den „Zuschlag“ erhielt der 30-Jährige Russe Valery Spiridonov. Spiridonov leidet an spinaler Muskelathrophie, einer unheilbaren Erkrankung die in den nächsten Jahren unweigerlich zu seinem Tod führen wird. In der Transplantation sieht Spiridonov seine letzte Chance auf ein längeres Leben. Neben einem weiteren Freiwilligen braucht Canavero noch die entsprechenden Mittel für eine solche Operation. Im Moment ist er in den USA auf „Spendentour“, um Investoren von seinem Vorhaben zu überzeugen. Er rechnet für die Operation mit Kosten von ungefähr 10 Millionen Euro. Ein 150-köpfiges Team aus Ärtzten und Krankenschwestern ist nötig, um die Operation durchzuführen. Neben den finanziellen Mitteln steht auch noch eine Erlaubnis des Landes aus, in dem Canavero die Operation durchführen will. Angefragt hat er bisher in den USA und Europa. Ob der die Erlaubnis bekommt ist schwer abzusehen. Momentan ist sein Vorhaben gerade in medizinischen Fachkreisen äußerst umstritten. Ein Medizinethiker aus New York bezeichnete das ganze Vorhaben als PR-Aktion des italienischen Chirurgen, der schlichtweg verrückt sei. Neben den medizinischen, meldeten die Kollegen auch ethische Bedenken an. Selbst wenn es medizinisch möglich ist, darf man einen menschlichen Kopf transplantieren? 

 

Ein Kommentar von Lukas Haag

Wer diese Operation verbieten will, ignoriert den medizinischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte. Das ist meine Meinung. Mit welcher Begründung hätte ich das Recht, Valery Spiridonov die Chance auf Leben zu verwehren? Mit unseren geltenden Gesetzen zur Organ- und Gewebetransplantation kann ein illegaler Missbrauch von Spendermaterial so gut wie ausgeschlossen werden. Wenn ich also davon ausgehe, dass alle Beteiligten freiwillig Teil des Experimentes sind, sehe ich keinen Grund, die Operation zu verbieten.

Die Bioethikerin Dr. Patricia Scripko ist eine der wenigen Mediziner, die sich zu dem Projekt äußerte. Ihrer Meinung nach könnte die Transplantation in verschiedenen kulturellen Kreisen als problematisch angesehen werden, da sich in der Vorstellung der Menschen die Seele eines Menschen nicht nur auf seinen Kopf beschränkt, sondern auch in seinem Körper „wohnt“. Diese Diskussion kennt man schon aus der Zeit vor der ersten Herztransplantation. Entsprechende medizinische Erkenntnisse beziehen sich auf das sogenannte „Bauchgehirn“, einem Geflecht aus Nervenzellen, in seiner Komplexität vergleichbar mit dem Rückenmark, das vor allem die Verdauung regelt. Moderne medizinische Studien vermuten in ihm die biologische Grundlage für unsere Intuition. Aber auch das reicht in meinen Augen nicht, um die Operation schon präventiv abzulehnen. Wir transplantieren zum jetzigen Zeitpunkt schon beinahe alles. Von Organen bis hin zu kompletten Gliedmassen.

Wie wird sich Spiridonov wohl fühlen, mit dem Körper eines anderen Menschen? Schwer zu sagen. Wie fühlen sich Brandopfer, die das komplette Gesicht eines Verstorbenen transplantiert bekommen? Welchen Einfluss hat die Tatsache, dass ein Fremder aus dem Spiegel zurückguckt auf die eigene Persönlichkeit? Und in diesem Fall geht es meistens nicht einmal um Leben oder Tod. Was das Schicksal Spiridonovs betrifft, prophezeit der Präsident der amerikanischen Vereinigung der Neurochirurgie, Hunt Batjer, etwas Schlimmeres als den Tod. Seiner Meinung nach könnte die Transplantation zu einer völlig neuen Art des Wahnsinns führen. Ich verstehe diese Bedenken und ich kann mir auch nicht vorstellen, in einer vergleichbaren Situation denselben Schritt zu gehen. Valery Spiridonov scheint die Risiken der Operation allerdings verstanden zu haben und will sie trotzdem wagen. Und ich maße weder mir, noch irgendeiner anderen Instanz das Recht an, diesen Willen einzuschränken, solange keine Dritten zu schaden kommen.

Ich frage mich in solchen Situationen häufig, was ich aus der Geschichte lernen kann. Wie denke ich über mittelalterliche Generationen, die Ärzte hinrichten ließen, weil sie heimlich Leichen obduzierten um so entscheidende Informationen über die Herkunft verschiedener Krankheiten zu erlangen? War diese Gesellschaft rückständig, oder schlichtweg dumm? Aus heutiger Sicht bestimmt. Sie war allerdings noch in einem ganz anderen Maße religiösen Werten verpflichtet als unsere moderne, aufgeklärte Gesellschaft. Ich bin kein Verfechter des Gedanken, alles zu tun, nur weil es möglich ist, aber ich weigere mich aufgrund eigener Bedenken oder Ansichten über das Leben eines Dritten zu richten. Sollte die Operation realisiert werden, gratuliere ich Spiridonov und Canavero zu ihrem Mut und wünsche ihnen für ihr Vorhaben nur das Beste.