Gegen G20 und gegen Gewalt

Gewalt überschattet den G20-Gipfel in Hamburg. Vermummte ziehen durch die Stadt, Autos brennen. Die friedlichen Demonstranten rücken immer mehr in den Hintergrund. Zu ihnen zählt sich auch Till Strucksberg von der Dortmunder Attac Gruppe. Seit 2002 engagiert sich der 74-Jährige, am Samstag (08. Juli 2017) ist er mit seiner Gruppe in Hamburg.

Herr Strucksberg, nach dem eskalierten Protestmarsch von gestern (06. Juli 2017): Mit welchen Gefühlen fahren Sie nach Hamburg?

Wut, vor allen Dingen. Die Geschehnisse sind für mich ein Ansporn, noch mal verstärkt zu einem friedlichen Protest aufzurufen. Solche Ausschreitungen, die von einigen bei der Demonstration gestern Abend begangen wurden, sind nicht in unserem Sinne. Wir wollen einen friedlichen Protest, um unsere Anliegen durchzubringen. Man muss das allerdings auch immer im Verhältnis sehen, ich habe von 9000 friedlichen Demonstranten gestern Abend gehört. Diejenigen, die gewaltbereit sind und Straftaten begehen, sind da in der Unterzahl.

Wie haben Sie die Stimmung gestern Abend erlebt?

Die Welcome to Hell-Demonstration in Hamburg gerät außer Kontrolle. Foto: Thorsten Schröder lizenziert nach CC-Lizenz

Furchtbar, ich habe im Fernsehen mit verfolgt, wie die Polizei mit Gebrüll auf die Demonstranten eingestürmt ist. Es gab einen schwarzen Block, aber der Polizeieinsatz war unverhältnismäßig. Für mich wurde teilweise der Eindruck erweckt, dass es am Ende nur darum ging, die Demonstration aufzulösen. Das ist eines demokratischen Rechtsstaates nicht würdig gewesen. Die gewalttätigen Demonstranten müssen von den friedlichen abgesondert werden, gar keine Frage. Diese Leute sollte man auch nicht mit demonstrieren lassen. Für unseren Protestmarsch gibt es eine Übereinkunft, dass wir solche Demonstranten grundsätzlich ausschließen. 

Kommen Sie mit der politischen Botschaft überhaupt durch, wenn hauptsächlich Ausschreitungen im Fokus stehen?

Wir rechnen insgesamt mit 80.000-100.000 Demonstranten auf dem morgigen Protestmarsch. Unser Ziel ist es über diese Bevölkerungsmasse Aufmerksamkeit zu generieren. So wollen wir die Menschen für unser Anliegen und unseren Protest gewinnen. Vielleicht gelingt es uns auch so die Politiker zu beeinflussen, diese Hoffnung ist bei mir allerdings eher nicht so groß.                                                                             

Als Mitglied der Attac-Gruppe lehnen sie das G20-Gipfeltreffen ab. Warum?

Für mich stellt sich die Frage, warum findet das Ganze nicht im Rahmen der Vereinten Nationen statt. Bei den G20-Staaten sitzen auch Staaten mit am Tisch, die gar nicht zu den 20 wirtschaftsstärksten gehören. Außerdem wird dort Politik für Menschen gemacht, die keine Stimme bei dem Gipfel haben.

Ist das Gipfeltreffen nicht auch zu befürworten?

Ein solcher Gipfel trägt zur Verdummung der Bevölkerung bei. Es wird viel heiße Luft gemacht und am Ende kommt kein konkretes Ergebnis zustande. Auch die Tatsache das Deutschland das Thema Afrika auf die Agenda bringt, ist für mich zu wenig. Es gibt zum Beispiel den sogenannten Marshall-Plan für Afrika. Das Geld fließt dabei an die Großkonzerne und kommt nicht bei den kleinen Leuten an. Durch Monokulturen werden dort bereits bestehende Arbeitsplätze zerstört. Das ist für mich das Gegenteil von Freihandel. Darüber wird zu wenig gesprochen.

Aber zählt nicht das Argument, dass gerade in weltpolitisch schwierigen Zeiten ein solcher Gipfel dazu beiträgt, dass die Regierungschefs ins Gespräch kommen?

Till Strucksberg möchte friedlich gegen den G20-Gipfel demonstrieren. Foto: Thorben Langwald/Janina Röttger

Bis jetzt ist noch nicht viel Positives bei solchen Gipfeln herumgekommen. Der Rahmen ist für mich einfach nicht der Richtige. 

Beim G20-Gipfel soll es um das Thema Klimaschutz, aber auch Freihandel gehen. Sie sagen, dass Sie die bisherige Form von Globalisierung in der Wirtschaft ablehnen. Was meinen Sie damit?

In ihrer jetzigen Form nutzt die Globalisierung nur den Konzernen. Denken wir nur mal an das jetzt geschlossene Freihandelsabkommen Jefta (Anm. d. Red: Das Abkommen mit Japan ist in den Grundzügen beschlossen). Wir haben so sehr gegen CETA und TTIP gekämpft und wollten Transparenz. Bei Jefta sind all die Schweinereien wieder passiert. Die Verhandlungen fanden unbemerkt von der Öffentlichkeit statt. Schiedsgerichte spielen wieder eine Rolle und die Konzerne sind die großen Profiteure.

Was erhoffen Sie sich für die Demonstration morgen?

Ich erhoffe mir, dass die Polizei die Demonstranten schützt und den Marsch friedlich begleitet. Außerdem wünsche ich mir, dass sich viele Menschen mit unserer politischen Botschaft solidarisch zeigen. Der Protest soll fröhlich und bunt werden. 

Was ist Attac?
Grenzenlose Solidarität statt G20
 

Beitrags- und Titelbild: Thorben Langwald/Janina Röttger