Wenn die Regierung WhatsApp sperrt

Sehr viele Brasilianer nutzen Whatsapp. So auch Leonardo. Foto: Leonardo Rosa Nunes

24 Stunden ohne WhatsApp – wie soll das gehen? Das fragten sich am vergangenen Montag Hunderttausende junge Brasilianer. Denn am 2. Mai wurde die App schon zum zweiten Mal für einen ganzen Tag gesperrt. 

Leonardo Rosa Nunes ist Brasilianer. Der 21-Jährige lebt mit seiner Familie in einer kleinen Stadt nördlich von Porto Alegre. Täglich fährt er rund eine Stunde mit dem Bus nach São Leopoldo. Dort arbeitet er von Montag bis Freitag bei einem Software-Hersteller, zwei Tage die Woche hat er am späten Nachmittag Kurse an seiner Universität. Jede Nacht geht es für ihn mit dem Bus zurück in seinen Heimatort. „Eine eigene Wohnung könnte ich mir nicht leisten“, erzählt er. Ein weit verbreitetes Problem in Südamerika. Wer gute Bildung will, muss viel zahlen. Gerade junge Menschen aus ländlicheren Gebieten, wo die Eltern meist im landwirtschaftlichen Bereich arbeiten und wenig verdienen, müssen deswegen lange Wege zur nächstgrößeren Stadt auf sich nehmen.

Leonardo mit seinem Handy. Er nutzt es täglich auf der langen Fahrt zur Arbeit. Foto: Leonardo Rosa Nunes

Leonardo mit seinem Handy. Er nutzt es täglich auf der langen Fahrt zur Arbeit.

Für Leonardo ist Organisation alles. Sein Tagesablauf ist strikt durchgeplant. Eine regelmäßige Kommunikation mit Arbeitskollegen und Kommilitonen ist für ihn wichtig. „Ich bin eigentlich immer bei der Arbeit. Aber manchmal muss ich Gruppenaufgaben für die Uni machen. Dann schreiben wir viel über WhatsApp“, sagt er.

WhatsApp. Wie hier in Deutschland ist WhatsApp in den letzten Jahren zum Haupt-Kommunikationsmittel in Brasilien geworden. SMS benutze mittlerweile niemand mehr, erzählt Leonardo. Vor einigen Jahre habe man noch viel Emails geschrieben, aber auch diese Zeiten sind vorbei – der Vorteil der Real-Time-Kommunikation sei zu groß.

Dass am vergangenen Montag, dem 2. Mai, WhatsApp vorübergehend in Brasilien blockiert wurde, war deswegen für Leonardo alles andere als positiv. Morgens um 11 kam die Benachrichtigung seitens der Regierung, dass WhatsApp ab 14 Uhr für drei Tage gesperrt werden würde. Drei Stunden hatte Leonardo, um all seinen Freunden und seinen Eltern Bescheid zu geben. Doch er war vorbereitet. Denn schon im Dezember 2015 wurde WhatsApp für einen Tag gesperrt. Der Grund war damals schon der selbe: Die brasilianische Regierung will auf auf Facebook, das Unternehmen, zu dem WhatsApp gehört, Druck ausüben. Sie verlangt, dass das WhatsApp Chat-Verläufe für Ermittlungszwecke in Strafverfolgungsprozessen herausgibt. WhatsApp sagt: Wir speichern die Verläufe nicht.

Die fünf größten Mobilfunkanbieter im Land sperrten am Montag also den Kurznachrichtendienst. Facebooks Reaktion: Eine Push-Benachrichtigung, die aufs Smartphone gesendet wurden.

"WhatsApp ist vorübergehend außer Betrieb. In der Zwischenzeit kannst du den Messenger benutzen", steht hier auf portugiesisch.  Foto: Leonardo Rosa Nunes

„WhatsApp ist vorübergehend außer Betrieb. In der Zwischenzeit kannst du den Messenger benutzen“, steht hier auf portugiesisch.

„Den Messenger nutzen hier nicht so viele Leute“, erzählt Leonardo. Er hatte bereits im Dezember die WhatsApp-Alternative „Telegram“ auf seinem Handy installiert. So konnte er trotz WhatsApp-Blockade mit seinen Freunden und seinen Arbeitskollegen kommunizieren. Für andere Nutzer war die Sperrung hingegen schlimmer. „Hier in Brasilien gibt es viele Einzelhändler, die ihre Produkte über WhatsApp verkaufen“, erklärt er. Seine Mutter ist beispielsweise in einer WhatsApp-Gruppe, in der eine Frau importierte Kleidung verkauft. Sobald sie neue Angebote hat, schreibt sie in die Gruppe und schließt ihre Verkäufe ab. 

Bereits am Dienstag wurde die Sperrung von WhatsApp dann kurzfristig aufgehoben. Ein brasilianisches Gericht gab dem Einspruch des Facebook-Tochterunternehmens statt. Leonardo war erleichtert, denn auch wenn er eine Alternative zu WhatsApp hat – das ständige Wechseln zwischen den Anbietern nervt ihn. Kurz nach der Auflösung der Blockade kam dann auch schon die nächste Benachrichtigung auf sein Handy:

"WhatsApp ist wieder da! WhatsApp ist in Brasilien nun aktiv. Sie können wieder mit Freunden und Familie kommunizieren. Danke für Ihre Unterstützung", benachrichtigt Facebook seine User. Foto: Leonardo Rosa Nunes

„WhatsApp ist wieder da! WhatsApp ist in Brasilien nun aktiv. Sie können wieder mit Freunden und Familie kommunizieren. Danke für Ihre Unterstützung“, benachrichtigt Facebook seine User.

Im April hat WhatsApp seinen Dienst außerdem auf Ende-Zu-Ende-Verschlüsselung umgestellt. Das sollte der offizielle Beweis sein, dass keine Nachrichten mitgelesen werden können. Die aktuelle Blockade kann sich nur auf Daten bezogen haben, die vor der Verschlüsselung gespeichert wurden. Die brasilianische Regierung muss also  bald andere Argumente finden, wenn sie an Nutzer-Daten kommen will.

24 Stunden war WhatsApp in Brasilien nicht verfügbar. Hierzulande regen sich einige schon auf, wenn der Kurznachrichtendienst mehrere Minuten lang Serverprobleme hat und Nachrichten nicht versendet werden. Wie unsere Studierenden an der TU damit umgehen würden, wenn WhatsApp außer Betrieb wäre, haben wir mal nachgefragt:

Teaserbild: Lukas Hansen/Beitragsbilder: Leonardo Rosa Nunes

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