Duell am Donnerstag: Wählen ab 16 – Top oder Flop?

Seit Jahren ist die Absenkung des Wahlalters bei Landtagswahlen auf 16 Jahre Konfliktthema in der Politik. SPD und Grüne sind dafür, sie möchten die Jugend mitbestimmen lassen. Die CDU dagegen will, dass weiterhin erst volljährige Menschen die Verantwortung des Wählens bekommen sollten. Auch unsere Autorinnen Michelle Goddemeier und Lena Bujak sind unterschiedlicher Meinung.

„Auch 16-Jährige sollten wählen dürfen“,

findet Michelle Goddemeier. 

Wer behauptet, 16-Jährige seien schlichtweg noch nicht reif genug, um wählen zu gehen, der irrt sich. Wir befinden uns in einem Zeitalter, in dem Jugendliche viel schneller reifen als es vor Jahrzehnten der Fall war. Das haben auch einige Forscher herausgefunden. Die Pubertät setzt eher ein, die „Kinder“ werden früher erwachsen. Das wird auch von ihnen erwartet, bedenke man beispielsweise die G8-Schulreform. Diese Thematik sollte die Politik auch endlich beim Wahlrecht berücksichtigen.

Die Schule muss nachhelfen

Immer wieder wird die Politikverdrossenheit in Deutschland kritisiert. Also warum nicht auf den Nachwuchs setzen? Gerade in der Schule können die Lehrer ihre Schüler dazu motivieren, sich mit der Politik auseinandersetzen und ein Interesse dafür zu entwickeln. Klar, die Jugendlichen müssen auf die Wahlen vorbereitet werden und können nicht einfach planlos in die Wahlkabine geschickt werden. Aber mithilfe weniger Unterrichtsstunden könnten die 16-Jährigen demokratische Prinzipien kennenlernen und ihre politische Kompetenz steigern. Das sollte ohnehin ein Ziel der schulischen Laufbahn sein.

Oftmals fühlen sich Jugendliche von der Politik nicht ernst genommen und beschäftigen sich deshalb gar nicht erst mit den politischen Geschehnissen im Land. Ein Wahlrecht ab 16 Jahren würde der jüngeren Generation das Gefühl geben, dass ihre Meinung und Stimme zählt. Entscheidungen werden zum Teil für die Erwachsenen-Generation von morgen getroffen. Darum sollte genau diese Generation die Möglichkeit bekommen, sich mit ihren Interessen einzubringen.

Jugendliche wollen mitreden

16-Jährige interessieren sich gar nicht für Wahlen? Das Beispiel Österreich zeigt: das stimmt nicht. Bei der Wahl des österreichischen Nationalrats im Jahr 2008 betrug die Wahlbeteiligung der 16- bis 17-Jährigen 77%, das lag gerade mal 2% unter der Gesamtbeteiligung. In den Bundesländern Bremen, Brandenburg und Hamburg sieht es ähnlich aus, denn auch hier dürfen 16-Jährige bereits an Landtagswahlen teilnehmen. Wir sollten Jugendlichen einen Teil der Verantwortung geben und sie nicht unterschätzen.

Und genau diese potenzielle Wählergruppe könnte uns sogar aus der Krise der schwachen Wahlbeteiligung helfen. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung prognostiziert: Steigt die Erstwahlbeteiligung jetzt um ein Drittel, könnte das zu einem Wiederanstieg der der Gesamtwahlbeteiligung auf etwa 80% im Jahr 2049 führen. Zum Vergleich: Bei der Landtagswahl in NRW 2012 betrug die Wahlbeteiligung gerade mal 60%. Diese Berechnung basiert jedoch hauptsächlich auf Erfahrungswerten und demographischen Daten, andere Faktoren werden nicht berücksichtigt.

Jeder darf selbst entscheiden 

Wie immer gilt: Wahlrecht ist ein Recht, keine Pflicht. Wenn sich Jugendliche nicht bereit fühlen oder nicht wählen gehen wollen, dann müssen sie das auch nicht. Aber sie sind reif genug, dies selbst zu entscheiden. Wer sich mit der Politik der Parteien auseinander setzt und eine politische Meinung vertritt, der sollte wählen gehen dürfen – egal ob 40 oder 16 Jahre alt.

„Wahlen sind nichts für Kinder“, 

findet Lena Bujak.

Die erste Liebe, die coolsten Partys, der Stress in der Oberstufe: All diese Dinge bringen einen 16-jährigen Verstand tagtäglich zum Kochen. Mitten im tiefsten Sumpf der Pubertät gilt das Interesse wohl allem – bloß nicht den Landtagswahlen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Besser, man legt keinem Teenie in dem Alter vertrauensvoll Stift und Wahlzettel in die Hand! In vielen Jugendlichen brodeln mit 16 schlichtweg die Hormone, für einige ist dieses Jahr gar der Höhepunkt der Pubertät. Kein guter Zeitpunkt also, politische Zurechnungsfähigkeit zu erwarten. 

Mangel an politischer Bildung

Ich will nicht sagen, dass Jugendliche sich nicht für Politik interessieren. Im Gegenteil: Mit 13 Jahren bin ich einer parteilichen Jugendgruppe beigetreten und habe dort viele interessierte Kinder kennen gelernt. Da wollte ich aber auch noch nichts von Jungs und Disconächten wissen. Da hatte ich noch Zeit, mir abends mit meinen Eltern die Nachrichten anzuschauen. Da – ganz ohne Stimmrecht – war es noch egal, ob ich leicht zu beeinflussen bin. 

16-Jährige sind überlastet: sowohl emotional, durch Schwärmereien oder Zoff im Freundeskreis, als auch schulisch durch G8 und Co. Und: Sie haben so gut wie keinerlei Entscheidungsgrundlage. Die Schule? Im Politikunterricht spricht man über politische Systeme, nicht aber über die aktuellen Parteiprogramme. Die Eltern? Färben einen in den meisten Fällen mit der eigenen politischen Einstellung. Die Medien? Welcher Jugendliche kann bei der Informationsflut im Netz schon unterscheiden, was davon objektiv ist und was nicht. Und die Parteien selbst? Bestechen ihre Wähler mit Geschenken, anstatt ihre bibeldicken Wahlprogramme teenagerfreundlich runter zu brechen. 

Merkwürdige Prioritäten

Ich wundere mich jedoch nicht nur über diesen bildungspolitischen Griff ins Klo, sondern viel mehr über die Denkweise jener Befürworter des herabgesetzten Wahlrechts. Mit 16 wird mir nicht zugetraut ein Auto zu fahren, doch mich hinter’s Steuer der politischen Zukunft des Landes zu setzen, ist okay? Mir wird in dem Alter nicht genügend Menschenverstand zugesprochen, um für all meine Schandtaten die volle Strafe zu bekommen, doch niemand stellt meine Intelligenz in Frage, wenn es darum geht, fuchsige Politiker zu durchschauen?

Wenn man den 16-Jährigen schon mehr Verantwortung schenken – oder aufdrücken? – will, dann muss man auch alle Altersgrenzen heruntersetzen, die Hand in Hand mit intellektueller Reife gehen. Das Wahlrecht von der Volljährigkeit loszureißen ist der falsche Ansatz. Dadurch wirkt das Wählen nicht wichtiger, ganz im Gegenteil: Was die Jugendlichen tun dürfen bevor sie die volle Reife erlangen, wird schnell unattraktiv. 

Kein Interesse am Stimmrecht

Wer aber kann besser beurteilen, ob eine Wahlberechtigung ab 16 Jahren sinnvoll ist, als die 16-Jährigen selbst? Auf dem Schulhof ist Politik unter den Elftklässlern nie Thema gewesen – das zeigen auch zahlreiche repräsentative Umfragen. Aus einer Studie des Deutschen Kinderhilfswerks lässt sich sogar herauslesen, dass 16 das denkbar schlechteste Alter ist, jungen Leuten politische Mündigkeit zu verleihen. Dort heißt es: „Das Interesse an politischer Mitbestimmung steigt bis zum Alter von 15 Jahren, danach gibt es einen Bruch.“

Ein solch offensichtliches Desinteresse kann wohl kaum ignoriert werden. Heißt es nicht so schön: Wer nicht will, der hat schon noch zwei Jahre Zeit?

das-duell-feederFoto: stockxchng/bizior, S. Hofschlaeger/pixelio.de, Montage: Brinkmann/Schweigmann 

Teaserbild: flickr.com/Dennis Skley unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz

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