Hier werden Sie beraten

In ihrer Freizeit tauschen sie Kapuzenpulli und Sneakers gegen Anzug und Schlips. Die studentischen Unternehmensberater helfen Mittelständlern und sogar Dax-Konzernen bei der Weiterentwicklung.  Doch warum hören diese Unternehmen überhaupt auf junge Leute?

Sie sind zwar unerfahren. Dafür denken sie kreativ und finden individuelle Lösungen für Probleme. Sie unterstützen Unternehmen bei der Einführung eines neuen Systems oder erstellen eine Marketingkampagne. Und günstig sind sie auch noch – deshalb setzen mittlerweile nicht nur Mittelständler, sondern auch Dax-Konzerne auf studentische Unternehmensberatungen: So arbeiteten schon die Lufthansa, die Deutsche Bank und Daimler mit ihnen zusammen. Auch in Dortmund gibt es eine solche Beratung. Neben Studierenden der Wirtschaftswissenschaften arbeiten dort Mathematik-, Informatik- und Psychologie-Studierenden.

Lösungsansätze ohne Schubladendenken

Florian Erbach ist Vorsitzender der studentischen Unternehmensberatung VIA e.V. Der 23-Jährige arbeitet seit über einem Jahr dort und sagt: „Menschen, die schon 30 Jahre im Beruf sind, haben zwar viel Erfahrung in Projekten, aber nicht unbedingt das aktuellste Wissen.“ Studierende neigen weniger dazu, in Schubladen zu denken, sagt Erbach.

Außerdem: Für studentische Berater müssen die Betriebe deutlich weniger zahlen. Das ist auch einer der Hauptgründe, warum immer mehr Unternehmen mit ihnen zusammenarbeiten möchten. VIA verlangt für einen achtstündigen Beratertag einen Tagessatz zwischen 300 bis 350 Euro. Herkömmliche Beratungen hingegen berechnen für den gleichen Zeitaufwand etwa 1000 bis 3000 Euro. Für beide Seiten ergibt sich dadurch eine Win-Win-Situation: Kleine und mittelständische Unternehmen können sich kostengünstig beraten lassen – und die Studierenden gewinnen an Erfahrung.

Nur die besten werden genommen

Bei VIA kann sich generell jeder Studierende bewerben, unabhängig von Fachrichtung und Notendurchschnitt. Es gibt nur eine Voraussetzung: die Bereitschaft, viel Zeit neben dem Studium zu investieren. Nach der Bewerbung gilt es, sich zu beweisen. In einem Assessment-Center müssen 30 bis 40 ausgewählte Bewerber verschiedene Aufgaben lösen. Anhand eines intern erstellten Projekts testen die Vorsitzenden beispielsweise, wie gut die Anwärter Angebote schreiben und vorstellen können.

Die besten werden genommen. Das sind ungefähr 20 Personen pro Semester. Bevor die Arbeit beginnt, werden die zukünftigen Berater ausgebildet – unbezahlt. Ein Semester lang besuchen sie Seminare, verbessern dort ihre Rhetorik und ihr Qualitäts- und Projektmanagement zu verbessern. Außerdem müssen die Neulinge bei einem simulierten Projekt Angebote schreiben und vorstellen – wie in der späteren Arbeitswelt.

VIA-Vorstandsmitglieder Alexander Swade (links), Hannah Weifenbach und Florian Erbach arbeiten als studentische Unternehmensberater.

„Im ersten Semester geht es nicht ums Geldverdienen.“

Sebastian Otto war neben seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften Leiter des Projektakquise-Ressorts bei VIA, er betreute die zwanzig studentischen Berater seines Ressorts. Er sieht in der anfangs fehlenden Bezahlung keinen Nachteil: „Im ersten Semester geht es nicht ums Geldverdienen, sondern darum, dass die Studierenden einen ersten Eindruck vom Beruf bekommen. Wenn man nach dem Semester weitermacht, dann liegt einem auch etwas an VIA.“

Wenn ein Unternehmen eine Beratung bei VIA anfragt, ist der Ablauf immer gleich: Zu Beginn gibt es ein Gespräch, um zu klären, was der Auftraggeber erwartet. Anschließend verschickt der Vorstand eine Projektausschreibung, auf die sich jeder Berater von VIA bewerben kann. Dabei gibt es verschiedene Positionen innerhalb des Projekts: Projektmitglieder, Leiter und Controller. „Einen klassischen Arbeitstag gibt es bei uns nicht“, sagt Florian Erbach. Die einzelnen Projektteams arbeiten eigenverantwortlich und stimmen sich mit den Kunden ab. Wird im Unternehmen vor Ort gearbeitet oder von zuhause aus? Müssen die Berater Interviews oder Umfragen durchführen? Jede Projektgruppe gründet eine eigene Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) und darf somit Geld verdienen.

Kontakt mit großen Unternehmen

Während manche Projekte nur zehn Stunden in Anspruch nehmen, erstrecken sich andere über Wochen oder sogar Monate. Erst vor kurzem umfasste ein Projekt 70 Arbeitstage. Bei diesem Auftrag der Postbank-Akademie ging es darum, dass die Prozesse an allen sechs Standorten unübersichtlich waren. Deshalb analysierte und visualisierte VIA diese Probleme, um sie schließlich so zu optimieren, dass die Prozesse an den verschiedenen Standorten einheitlich sind. Ein solcher Zeitaufwand ist aber auch das Limit. „Manche Aufträge überschreiten unseren Umfang. Dann müssen wir diese leider absagen“, sagt Florian Erbach.

Viele machen den Job, um erste Erfahrungen in der freien Wirtschaft zu sammeln. Manche wollen herausfinden, ob sie sich einen Beruf in der Branche vorstellen können. Andere hoffen durch die geknüpften Kontakte später einfacher eine Stelle in der Unternehmensberatung außerhalb der Universität zu finden. Sebastian Otto steht durch seine Arbeit im ständigen Kontakt mit großen deutschen Unternehmen wie Siemens, Thyssen-Krupp und dem ZDF. Auf Kongressen des Bundesverbands Deutscher Studentischer Unternehmensberatungen (BDSU) hat er studentische Berater aus ganz Deutschland kennengelernt.

Unternehmen suchen engagierte Studierende

Das Team von VIA ist Mitglied im BDSU, dem Dachverband, der 32 führende studentische Unternehmensberatungen mit etwa 2.200 Beratern aller Fachrichtungen vereint. Zu den Partnern gehören die verschiedensten Unternehmen: „Dax-Konzerne sind unsere größten Auftraggeber, hauptsächlich arbeiten die studentischen Berater aber mit Mittelständlern zusammen“, sagt Kevin Bosch, erster Vorsitzender des BDSU. Auch Start-Ups finden die Studierenden mit ihrer frischen Denkweise attraktiv und wenden sich an die Mitglieder des BDSU, so der 23-Jährige.

Kevin Bosch, erster Vorsitzender des BDSU. Foto: BDSU

Für einen Trend hält der erste Vorsitzende die studentischen Unternehmensberatungen längst nicht mehr: „Unsere Mitglieder sind ernstzunehmende Geschäftspartner für verschiedenste Unternehmen und sogar DAX-Konzerne. Die positiven Resonanzen nach gemeinsamen Projekten sind der Beweis dafür, dass man hier nicht mehr nur von einem Trend sprechen sollte – es ist mehr als das. Außerdem gibt es ein stetiges Interesse an Neugründungen von studentischen Unternehmensberatungen, welche der BDSU durch Fachwissen unterstützt. “

Der sehr günstige Preis der Studierenden dürfte ihr großer Vorteil gegenüber den herkömmlichen Beratungen sein. Außerdem bringt der Aufwand den Studierenden etwas für die Zukunft: „Sie arbeiten ehrenamtlich in einer studentischen Unternehmensberatung und schlagen dadurch freiwillig eine Brücke zwischen Theorie und Praxis. Sie investieren somit viel Freizeit abseits des Studiums in die persönliche und fachliche Weiterentwicklung – diese Überzeugung muss die Unternehmen da draußen doch ansprechen“, sagt Kevin Bosch. Indirekt würden viele Unternehmen die Studierenden auch beauftragen, um sie nach gemeinsamer und erfolgreicher Arbeit in der eigenen Firma zu übernehmen.

Projektgruppe entwickelte alkoholfreies Bier

Die Bitburger Braugruppe setzt ebenfalls auf dieses Konzept und hat mit dem BDSU zusammengearbeitet. Die Projektgruppe half der Brauerei dabei, ein alkoholfreies Bier zu entwickeln. Bitburger-Recruiting-Leiter Patrick Lenz hofft, von den jungen Beratern Neues zu lernen: „Die Studierenden selbst sind unsere Zielgruppe und kennen daher auch schon die Anforderungen der Kunden an unsere Produkte. Mit ihren unkonventionellen Prinzipien bringen sie viele neue Ideen mit.“

Nicht jeder ist so offen eingestellt wie Lenz: Florian Erbach von VIA erlebt durchaus auch mal Misstrauen. Schon des Öfteren traf er auf Mitarbeiter, die sich anfangs skeptisch zeigten und den Studierenden nicht genug zutrauten. Ein Bewertungsbogen, den die Unternehmer nach jedem Projekt ausfüllen, zeige aber: „Fast alle Kunden sind mit den Ergebnissen sehr zufrieden.“ Und das Wichtigste: Viele beauftragen die Unternehmensberatung nach Erbachs Angaben erneut.

Gruppenfoto der VIA: Pro Semester bewerben sich 30 bis 40 Studierende, um als Unternehmensberater zu arbeiten. 20 von ihnen werden ausgewählt. Vorher müssen sie in einem Assessment-Center beweisen, wie gut sie etwa Angebote schreiben können.

Grafik: Michelle Goddemeier erstellt mit mymaps

Text: Michelle Goddemeier und Dominik Reintjes 

Fotos: Dominik Reintjes,  Jan Moritz Behnken und BDSU

Beitragsbild: flickr.com/Flazingo Photos unter Verwendung der Creative Commons Lizenz

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