Ypsilon: Anfang 20, stark sehbehindert, Youtuberin

Ypsilon

„Da muss sie aber ihre Augen schon zumachen, wenn sie ausprobieren will, wie es ist, mit dem Blindenstock zu laufen“, sagt eine Dame mittleren Alters. Sie steht auf einem Bahnsteig am Kölner Hauptbahnhof und beobachtet eine junge Frau Anfang 20, die zielsicher mit ihrem Blindenstock die Treppen zu den Gleisen nach oben kommt. Was die Dame nicht weiß ist, dass bei der Studentin mit Blindenstock tatsächlich eine hochgradige Sehbehinderung vorliegt. Auf Youtube nennt sie sich „Ypsilon“ und dreht heute ein weiteres Video für ihren Channel.

Ypsilon kann noch Schemen und Farben erkennen. Um auch Gesichtszüge sehen zu können, benötigt sie optimale helle Lichtverhältnisse mit guten Kontrasten. Im Dunkeln ist sie blind. Seit Ende Mai diesen Jahres veröffentlicht sie einmal wöchentlich ein Video. Darin werden Situationen gezeigt, die sie mit ihrer Sehbehinderung tagtäglich zu bewältigen hat. Vom Kochen, über das Schminken bis hin zu Missverständnissen mit normalsehenden Menschen ist alles dabei. Ypsilon möchte mit ihren Videos vor allem informieren und aufklären.

Ich hatte ganz viele Alltagssituationen, in denen ich bemerkt habe, dass die meisten Menschen überhaupt keine Berührungspunkte mit dem Thema Sehbehinderung oder Blindheit haben. Dadurch habe ich das Bedürfnis bekommen, als Betroffene selbst an die Menschen heranzutreten, denn wer soll aufklären, wenn nicht die Betroffenen selbst?

Auf eine unverbindliche Art und Weise will sie möglichst viele Menschen erreichen. Da kommt Youtube gerade recht, denn dort entscheidet man selbst, was man sich anschauen möchte. Die Videos der 22-Jährigen sind eigentlich nie exakt durchgeplant. „Ich weiß im Vorfeld mein Thema und plane schon auch die ungefähre Location. Soll es im Freien sein, soll es in meiner Küche sein, wenn es ums Kochen geht. Ich habe schon eine Vorstellung, versuche die aber gar nicht so sehr im Vorfeld schon festzulegen, weil sich spontan immer noch so viel ändert, dass man eigentlich nur mit einer Enttäuschung rausgehen kann, wenn man zuvor alles durchgeplant hat“.

Dreh auf der Domplatte.

Dreh auf der Domplatte.

Noch weit vor der Begegnung mit der Dame am Gleis beginnt der Dreh vor einem Eingang des Kölner Hauptbahnhofs. Mit dabei ist auch Ypsilons gute Freundin Melanie, die normal sehen kann und das Filmen mit einem Smartphone übernehmen soll. „Ich bin zu Besuch bei ihr in Köln und sie hat mich spontan gefragt, ob ich filmen könnte. Ich habe mir dann gedacht: Warum nicht. Es klingt aufregend und ich schaue einfach mal rein in die Materie“, sagt Melanie und positioniert sich mit ein paar Metern Abstand vor ihrer Freundin für die ersten Aufnahmen. Manchmal filmt sich Ypsilon für ihre Videos auch selbst, aber häufig greift sie auf Hilfe von Freunden zurück.

Bitte nicht im Foto-Modus

„Und los“, sagt sie und die Kamera läuft. Ypsilon begrüßt ihre User locker und erklärt, dass das Thema heute alles rund um öffentliche Verkehrsmittel ist. Danach soll Melanie noch das Schild des Hauptbahnhofes filmen. „Ich kann jetzt aber nicht so nah ranzoomen, weil je näher ich zoome, desto mehr reagiert die Kamera auf kleinste Handbewegungen und dann wird das total verwackelt“, erklärt sie. „Das ist schon in Ordnung. Hauptsache es ist nicht so wie gestern, als wir schon mal Aufnahmen probiert haben und du versehentlich den Foto-Modus eingestellt hattest“, meint Ypsilon mit einem Augenzwinkern.

Anschließend will Ypsilon in ihrem Video die weißen tastbaren Streifen zeigen, die für Blinde und Sehbehinderte am Bahnhof zur Orientierung dienen. „Am besten wäre es glaube ich, wenn du am Streifen stehst, ich wieder auf dich zukomme, an dir vorbeilaufe und du dann mit der Kamera noch ein Stück hinterher gehst“, überlegt sie in Richtung ihrer Begleitung. Nach mehreren dieser Aufnahmen ist die junge Studentin nicht zufrieden. Es laufen zu viele Leute durchs Bild. Es ist allerdings schwierig, an einem Freitagnachmittag an einem der größten Hauptbahnhöfe Deutschlands einen Platz zu finden, wo sich wenige Menschen aufhalten. Nach weiteren Filmversuchen auf der anderen Seite des Bahnhofs entscheidet sich Ypsilon, es dabei zu belassen und sich eine entsprechende Sequenz später zusammen zu schneiden.

Als die Studentin der Erziehungswissenschaften beschloss, sich als Youtuberin zu versuchen, hatte sie nicht all zu hohe Erwartungen.

Mein Wunsch war natürlich, dass es gut ankommt und ich auch mehrere Videos machen kann. Ich habe mir das aber ganz offen gehalten, weil ich ja nicht wusste, wie das Ganze wird und sich entwickelt.

So entstand zunächst ein Video, in dem erklärt wurde, was der Blindenstock ist und wie er aussieht. „Da gab es auch schon oft Missverständnisse und deshalb dachte ich mir, ich versuche erst einmal das aufzuklären, was mir am wichtigsten ist“.

Positive Kritik bestärkt sie - negative

Positive Kritik bestärkt sie – negative nimmt sie sich nicht so sehr zu Herzen.

Inzwischen hat dieses Video rund 700 Aufrufe. „Für mein Verständnis ist dieses erste Video gut angekommen und dann habe ich weitergemacht.“ Auf ihre Videos erfolgen auch regelmäßig Rückmeldungen aus verschiedensten Richtungen. Bisher gab es vor allem positives Feedback. Und wenn dann doch einmal etwas Negatives kommt, sieht das die Protagonistin gelassen. „Mir war schon klar, dass es nicht jedermanns Sache ist, aber ich habe mir von Anfang an vorgenommen, mir die Kritik nicht so sehr zu Herzen zu nehmen. Es gibt immer Menschen, denen etwas nicht gefällt.“ Vielmehr wird Ypsilon durch die positive Kritik bestärkt.

Aus meinem persönlichen Umfeld waren glaube ich viele erst überrascht, dass ich überhaupt so etwas mache. Es ist ja schon ein Tabuthema, das gilt für Behinderungen im Allgemeinen.

Viele waren vor allem von ihrer Offenheit in diesem Thema überrascht und unterstützen das Projekt. Auch Personen, die Ypsilon nicht persönlich kennt. „Das freut mich natürlich sehr, weil ich Leute erreichen möchte, die mit der Sehbehinderung keine Berührungspunkte haben.“

„Dann sind wir jetzt hier am Bahnhof fertig und machen weiter mit dem Ein- und Aussteigen bei der U-Bahn“, sagt die Youtuberin nach einer Sequenz, bei der sie Treppen zu einem Gleis mit ihrem Stock nach oben und unten gegangen ist. Auf dem Weg zur U-Bahn wird noch eine Aufnahme von ihr auf einer Rolltreppe eingestreut. Zielsicher läuft sie mit ihrem Blindenstock auf die Treppe zu, Melanie neben ihr. Schon auf der Rolltreppe angekommen, stoppen die beiden plötzlich. „Oh, die funktioniert gar nicht“, stellt Ypsilon unter Gelächter fest. „Na gut, dann lassen wir das weg. Wir hatten heute ja schon genug Treppen“.

Ypsilon im Bahnhof.

Ypsilon im Bahnhof.

Der Fokus aus dem Stock

Bei der U-Bahn angekommen ist das Vorgehen schnell klar. „Ich steige einfach ganz normal ein und du filmst hinter mir. Der Fokus liegt wieder auf dem Stock“, erklärt Ypsilon ihrer Freundin. Leichter gesagt, als getan. Wieder sind zu viele Leute im Weg und die ersten Aufnahmen sind eher unbrauchbar. Beim Ausstieg dann derselbe Plan. Zunächst sieht alles gut aus, doch dann stellt Melanie mit einem Blick auf das Smartphone fest: „Das müssen wir auch noch mal machen, ich hab‘ versehentlich im Hochformat gefilmt.“

Im zweiten Anlauf klappt alles reibungslos. Inzwischen sind die Youtuberin und ihre Kamerafrau an der U-Bahn-Station „Rudolphsplatz“ angekommen. Hier sucht Ypsilon nach einem ampelähnlichen Druckknopf, der ihr die nächsten Bahnen ansagt. An einer Bushaltestelle findet sie schließlich das gesuchte Objekt. Also kann auch hier noch einmal ohne Probleme gefilmt werden.

An derselben Stelle möchte sich die Studentin jetzt auch von ihren Usern verabschieden und das Video beenden. Inzwischen sind allerdings drei Stunden seit dem Start des Drehs vergangen, es ist heiß und die Konzentration schwindet spürbar. Mehrfach verhaspelt sich Ypsilon und es will einfach nichts mehr gelingen. „Ich brauche dringend eine Pause“, stellt sie schließlich fest.

Rhein Kulisse für die letzte Szene

Eine Stunde später ist der Kopf schon wieder deutlich freier. Frisch gestärkt wird die letzte Szene mit dem Rhein als Kulisse gedreht. Danach ist Ypsilons Arbeit vorerst getan. In den nächsten Tagen muss das Video dann noch geschnitten werden. Das erledigt Ypsilon eigenständig mit ihrem Smartphone. Als Hilfsmittel dienen ihr eine Vergrößerungssoftware und ein Sprachprogramm, das ihr den Inhalt des Bildschirms vorließt.

Das Fazit zu diesem Dreh fällt eher gemischt aus. Vor allem am Schluss war es aufgrund der hohen Temperaturen sehr anstrengend. Mit einer gewissen Aufregung war der Dreh aber dennoch verbunden.

Ich wusste im Vorfeld nicht, was mich erwartet, weil man das bei Drehs in der Öffentlichkeit gar nicht kalkulieren kann. Es war vielleicht am ein oder anderen Punkt auch unorganisiert, aber das ist bei mir einfach so.

Melanie - für den Dreh Ypsilons Kamerafrau.

Melanie – für den Dreh Ypsilons Kamerafrau.

Ihre Freundin Melanie hat vor allem viele neue Erfahrungen gesammelt. „Es war aufregend und interessant. Mal zu sehen, was alles hinter so einem Dreh steckt. Es ist doch wesentlich mehr Arbeit, als man dann nachher in einem fertigen Video sehen kann“. Vor diesem Tag hat sie sich noch nicht wirklich mit Kameraperspektiven und ähnlichem auseinandergesetzt. Manchmal ist sie dabei dann doch an ihre Grenzen gestoßen. „Stufen rückwärts runter zu laufen, dabei zu filmen und die Kamera ruhig halten, das war dann schon etwas zu viel. Im großen und Ganzen war es aber eine positive Erfahrung.“

Melanie ist ein großer Fan von Ypsilons Videos. „Die Videos sind manchmal so witzig, dass man einfach nur da sitzt und sich kaputtlacht. Auf der anderen Seite stecken auch viele Infos drin.“ Trotz einer langen Freundschaft findet Melanie in den Videos auch noch Dinge, die sie selbst nicht wusste. Insgesamt ist sie begeistert und sehr stolz auf ihre Freundin.

Als Youtuberin sogar beruflich durchzustarten, kann sich Ypsilon nicht vorstellen. Für sie ist es ein kleines Projekt, dass zugegebenermaßen momentan immer größer wird. So lange es Spaß macht und eine Nachfrage besteht, will sie weitermachen.

Ich denke schon, dass mir irgendwann vielleicht auch die Ideen ausgehen werden. Es ist deshalb auch um so wichtiger, dass interessierte Leute sich trauen und ihre Fragen an mich richten.

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