Jura-Studium: Fernab von der Praxis?

Quelle: Ruhrunversität Bochum

 Bundesrichter Thomas Fischer hat schon vor längerer Zeit kräftig gegen das Jura-Studium ausgeteilt. Sein Vorwurf: Student*innen lernen kaum etwas vom Alltag im Gerichtssaal. Außerdem bemängelt er zu wenig Praxis und zu wenige Möglichkeiten der Spezialisierung. Rechtsexperten aus Dortmund und Bochum haben unterschiedliche Meinungen zu diesem Thema.

Jura-Student*innen träumen davon, dass sie sich nach einem langen Studium die schwarze Robe überstreifen und für Gerechtigkeit kämpfen können. Der Aufprall auf dem Boden der Tatsachen ist laut Bundesrichter Thomas Fischer dann aber oft ziemlich heftig. Ist der Traum von der Juristenkarriere also oft ein Alptraum ohne Happyend?

Jacob Jussen teilt Fischers Meinung nicht. Der Professor für Rechtswissenschaften der Ruhr-Universität Bochum unterscheidet eindeutig zwischen dem Jura-Studium und der praktischen Ausbildung im Referendariat. „Die konkrete praktische Ausbildung findet natürlich im Referendariat statt. Trotzdem ist auch das Jura-Studium eine wichtige Basis. Deshalb glaube ich, dass die Studenten insgesamt gut vorbereitet werden.“

So läuft die Jura-Ausbildung
  • Schritt 1: Studium der Rechtswissenschaft
  • Regelstudienzeit: meist neun bis zehn Semester (je nach Bundesland)
  • Zunächst Grundstudium mit Klausuren und juristischen Gutachten, wird mit Zwischenprüfung abgeschlossen
  • Zweite Phase des Studiums ist gekennzeichnet von „großen Übungen“, begleitet von Klausuren und weiteren anzufertigenden Gutachten auf höherem Niveau
  • Abschluss des Studiums ist „erstes Staatsexamen“, darauf bereiten sich die Student*innen meist nach acht oder neun Semestern ein Jahr lang vor und besuchen dabei ein Repetitorium
  • Nach Bestehen des ersten Staatsexamens folgt zweijähriges Referendariat
  • Abschluss der Ausbildung: Zweite juristische Staatsprüfung

Ein weiterer Vorwurf von Bundesrichter Fischer bezieht sich darauf, dass die Studierenden nicht ausreichend lernen, vor anderen Leuten zu sprechen – das sei aber wichtig für den Berufsalltag. Hier machen es sich die Kritiker*innen laut Professor Joussen allerdings zu einfach. „Natürlich ist es bedauerlich, dass Studenten erst im siebten oder achten Semester gezwungen sind, zu reden, aber es lässt sich von der Organisationsform fast nicht anders machen.“

Zudem gebe es für Studierende durchaus konkrete Angebote in dieser Richtung. Dabei handelt es sich um rhetorische Schulungen, so genannte „Moodcords“. Der Zulauf für solche Veranstaltungen nehme in letzter Zeit immer mehr zu. „Es gibt also Angebote, allerdings nicht in den großen Massenvorlesungen, das geht einfach nicht“, ergänzt Jussen.

Jura-Studium: Mehr als nur Pflichtvveranstaltungen

Anderer Meinung ist Matthias Wiese. Er ist Rechtsanwalt im Bereich Wirtschaftsrecht in Dortmund. Für ihn sind gerade diejenigen, die später einmal Rechtsanwalt*in werden wollen, durch das Jura-Studium stark im Nachteil. „Eine konkrete Vorbereitung auf den Anwaltsberuf gibt es nicht. Eigentlich ist das Ganze nach wie vor darauf angelegt, dass man irgendwann in den Richterdienst geht.“

Eine konkrete Vorbereitung auf den Anwaltsberuf gibt es nicht

Zum Jura-Studium gehört seiner Meinung nach mehr, als nur Pflichtveranstaltungen abzusitzen. Studierende müssten selber aktiv werden, sich selbst weiterbilden. „Es hat sich deutlich gebessert, denn es gibt Zusatzangebote, die es früher noch nicht gab. Aber es bleibt das Kernproblem, dass man an die konkreten Herausforderungen des Anwaltsberufes im Standardcurriculum nicht herangeführt wird.“

Zu wenig Eigeninitiative der Studierenden

Diese Eigeninitiative brächten aber nur sehr wenige Studenten auf – genau an diesem Punkt müsse man ansetzen, sagt Wiese. Für ihn gibt es dabei zwei Lösungsansätze. „Auf der einen Seite könnte man das Studium so gestalten, dass die konkreten praktischen Anforderungen des Anwalts-Berufes mehr ins Curriculum gebracht werden, dass es Pflichtveranstaltungen in dieser Richtung gibt. Der andere Weg ist, dass ich den Leuten als Universität klar mache, dass es nicht damit getan ist, sich am Pflichtprogramm abzuarbeiten.“

Auch für die Zeit im Referendariat hat Wiese konkrete Vorschläge. So ist er für die Möglichkeit, sich schon dann auf einen bestimmten Fachbereich zu spezialisieren. Dann könnten Themen gestrichen werden, die die Studierenden nicht interessieren, weil sie zum Beispiel Anwalt*in und nicht Richter*in werden wollen. Das ist bisher erst für die Zeit nach dem zweiten Staatsexamen vorgesehen.

In einer Sache sind sich der Jura-Professor und der Rechtsanwalt schließlich doch einig. Änderungen bei der Ausbildung zum Juristen wird es in naher Zukunft wohl eher nicht geben. Vom Staat und der Politik gäbe es eine zu große Unterstützung für das aktuelle System.

Beitragsbild:Ruhrunversität Bochum
Teaserbild: Flickr.com/Markus Spiske, raumrot.com

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