David Lynch – Dunkle Brillanz

Zugegeben, ich bin kein großer Kunst-Conaisseur. Als ich allerdings von der Ausstellung „David Lynch – Dark Splendor“ erfuhr, musste ich Dortmund verlassen, um seiner Kunst zu fröhnen. Dass der Meister des wohligen Gruselns ein genialer Regisseur ist, machte die Sache für mich doppelt interessant, denn zusätzlich sollten im Max-Ernst Museum zu Brühl seine vier Kurzfilme und „Eraserhead“ -Lynchs Debütwerk- aufgeführt werden. Eine einmalige Chance für mich, da die Videothek meines Vertrauens bei allem argwöhnt, was die Grenze zu Anspruch tangiert: „Wie heißt der? Lünch? Ne ham wa nich. Aber wollste nich den neuen Rambo mitnehmen? Tofter Streifen, Kollege!“ Also: Kultur!

"Emily Scream #1", Fotografie von David Lynch, 2008

"Emily Scream #1", Fotografie von David Lynch, 2008

Die Ausstellung ist kleiner als erwartet, lädt aber durch eine Rauminstallation nach einer Zeichnung des Künstlers sogleich zum Erforschen ein. Sie zeigt einen unwirklichen Raum mit einem Sofa im Vordergrund. Je weiter diese Szenerie gen Hintergrund betreten wird, desto kleiner und enger wird der Raum. Zudem werden diffuse Soundcollagen vom Band abgespielt, die in der trichterförmigen Beschaffenheit des Kunstwerks ein polterndes Echo ergeben. Ein Besucher murmelt: „Gleich hinter der nächsten Ecke wartet bestimmt jemand mit dem Messer“. Die Soundschnipsel, die den kompletten Ausstellungsraum mit ihrer Cacophonie in eine bizarre Atmosphäre des ständigen Unbehagens tauchen, lassen sich vom Besucher an Klangstationen auslösen. So entsteht eine immer neue Kombination aus Rauschen oder dumpfen Pochen.

Absurditäten, Erotik, subtiler Horror, und dann wieder schöner Realismus - Die Vielfältigkeit der Werke Lynchs.

Absurditäten, Erotik, subtiler Horror, und dann wieder schöner Realismus - Die Vielfältigkeit der Werke Lynchs.

Lynch spielt auf der gesamten Klaviatur des Kunsthandwerks. Neben der eindrucksvollen Rauminstallation sind vor allem viele Gemälde und Fotografien des Amerikaners aus Missoula zu sehen. Über 150 Stücke, teils extra angefertigt, hält die Ausstellung bereit. Teils wird der Besucher gar erschlagen von Gewalt und Dimension der Exponate. Manche füllen eine ganze Ausstellungswand. Eins davon zeigt eine übergroßen, surreale Männergestalt bewaffnet mit Pistole und Messer. In der Ferne lässt sich eine Frau mit zu einer Fratze verzerrtem Gesicht erkennen. Titel: Pete goes to his girlfriend´s house. Beängstigend zwar, allerdings – es ist paradox – huscht einem ein Schmunzeln über die Lippen.

Der Regisseur als Künstler. Das Max-Ernst-Museum in Brühl zeigt 150 Kunstwerke von David Lynch.

Der Regisseur als Künstler. Das Max-Ernst-Museum in Brühl zeigt 150 Kunstwerke von David Lynch.

Besonders erwähnenswert sind Fotografien aus der Serie „Industrial Motives“ mit Industriebrachen, oder teils alten, völlig verwahrlosten Maschinen. Erneut: Ein eisiger Schauer des Unbehagens. Ich frage mich, ob sich das Werk gut über meinem Schreibtisch als zukünftiger Chefredakteur machen würde. Ex-Kanzler Schröder hängte sich schließlich Georg Baselitz Gemälde eines abstürzenden Adlers ins Kanzleramt. Da dürfte mein persönliches Lynch-Lieblingswerk sogar weit weniger befremdlich wirken. In der nächsten Ecke der Ausstellung wartet die Verstörung: Aus der Serie „Distorted Nudes“ erstreckt sich eine Serie von eben…tja Nacktfotografien. Nun erschließt sich mir auch die Warnung an der Kasse, dass einige Werke das Moralempfinden mancher Besucher berühren könnten. Beim Anblick eines Bildes, das zwei sich penetrierende Frauen zeigt, von denen eine nur noch zwei blutende Armstümpfe hat, muss ich schlucken. Entdecke gleichzeitig aber den Voyeur in mir und schaue mir die volle Serie an. Ach deswegen befindet sich dieser Schaffenszyklus wohl im hinteren Teil des Museums, denke ich mir, als ich ins angeschlossene Kino rüberschlendere.

Ein Selbstporträt, aus dem Besitz des Künstlers.

Ein Selbstporträt, aus dem Besitz des Künstlers.

Leider habe ich den Start von „Eraserhead“ gerade verpasst, so dass es mir schwer fällt, dem Film zu folgen. Interessant zu erwähnen ist allerdings, das Lynch den Film schuf, als er in einem seiner Bilder begann Bewegungen zu entdecken. Die über 30 Jahre lässt sich der Schwarz-Weiß-Film nicht anmerken. Er erzählt eine fantastische Geschichte aus Düsternis und Traumwelt: Ein Ehepaar versucht Schlaf zu finden, doch andauernd schreit das Baby. Bei näherem Betrachten ist dieses völlig entstellt, hat weder Arme noch Beine und hält den jungen Vater Henry auf Trab. Die Szenerie wird oft durch Träume Henry´s unterbrochen. So versucht er unter anderem Kontakt mit einer blonden Tänzerin aufzunehmen, die scheinbar hinter seinem Heizkörper lebt. Als dies misslingt, fällt ihm der Kopf von den Schultern. Damit allerdings nicht genug, denn der Film endet in einem furiosen Finale, welches nicht weniger verstörend wirkt und viele Deutungsmöglichkeiten bietet. So wie es David Lynch immer dem Betrachter überlässt, was er in seinen Werken sieht.

Ort: Comesstraße 42 / Max-Ernst-Allee 1, 50321 Brühl
Zeit: Die Ausstellung läuft noch bis zum 21. März; Di-So von 11 bis 18 Uhr sowie jeden ersten Donnerstag im Monat von 11 bis 21 Uhr
Geld: für Studierende 3 Euro
Hinweis: Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sollten die Ausstellung nur in Begleitung Erwachsener besichtigen.