Coach: Einser-Abi ist keine Erfolgsgarantie

Erfolg im Berufsleben hat kaum etwas mit Schulnoten zu tun, sagt Stefan Frädrich. Der Motivationstrainer ist überzeugt: Wer in Studium und Job durchstarten will, muss sich Nischen suchen.

Stefan Frädrich ist Mediziner, Betriebswirt, Motivationstrainer und Bestsellerautor.

Multitalent: Stefan Frädrich ist Mediziner, Betriebswirt, Motivationstrainer und Bestsellerautor. Foto: privat

Sie haben Medizin in Ulm studiert. Was hat Sie damals motiviert?
Es hat mich schon immer interessiert, wie ein Körper funktioniert. Außerdem war es ein Stück weit ein Kindheitstraum. Ich wollte immer entweder Psychiater oder Gerichtsmediziner werden. By the way hat der Job auch ein gewisses Sozialprestige

Gab es in Ihrem Studienverlauf Probleme, denen Sie sich stellen mussten?
Na klar. Ich drohte bei einem wichtigen Schein durchzufallen, der die Voraussetzung für den Präparationskurs war. Zum ersten Mal in meinem Studium wurde es ernst und der Arsch ging mir auf Grundeis.

Was passierte?
Das Seminar wurde nur im Jahresturnus angeboten und so wäre ich automatisch um ein Jahr in meinem ganzen Studienverlauf zurückgeworfen worden. Darauf hatte ich natürlich keine Lust. Ich habe mich einfach an die Arbeit gemacht.

Heißt das, es gibt kein Patentrezept, wie man sich motivieren kann? Man muss sich einfach nur an die Arbeit machen?
Nicht ganz. Die Grundmotivation muss schon aus einem Selbst kommen. Denn: Wenn ich mich jetzt nicht motivieren kann, eine Hausarbeit zu schreiben, wie will ich mich dann später im Beruf motivieren? Die Frage muss lauten: Warum habe ich Probleme, mich für die Hausarbeit aufzuraffen? Meist ist es gar nicht die Hausarbeit selbst.

Sondern?
Vielleicht studiere ich das falsche Fach. Wenn ich ein Ziel verfolge, an dem ich Freude habe, habe ich weniger Motivationsprobleme. Ich muss also reflektieren: „Will ich das wirklich?“

Angenommen, ich studiere das richtige Fach. Aber ich muss eine Hausarbeit abgeben und kann mich nicht motivieren. Was tun?

Ran an die Hausarbeit: "Wichtig ist, alles dann zu erledigen, wenn es anfällt.", rät Experte Stefan Frädrich.

Ran an die Hausarbeit: "Wichtig ist, alles dann zu erledigen, wenn es anfällt", rät Experte Stefan Frädrich. Foto: Florian Hückelheim

Wichtig ist, sich die Prioritäten des Studiums klarzumachen und alles dann zu erledigen, wenn es anfällt. Wenn ich positiv an die Sache rangehe, spart das Ärger. Eine Hausarbeit kann ich als Herausforderung begreifen statt als Nervkram. Nicht von vorneherein sagen: „Darauf habe ich keine Lust!“ Eher: „Jetzt teste ich mal, was ich drauf habe.“ Wenn ich mich an die Arbeit gemacht habe, kommt die Motivation meist von allein. Das ist wie joggen. Am Anfang ist es oft schwer, aber mit der Zeit macht es Spaß.

Was mache ich bei Rückschlägen? Wie komme ich aus einem Leistungsloch raus?
Das ist auch eine Einstellungssache. Für mich ist eine Niederlage Feedback. Das heißt: Nicht ich als Mensch oder meine Leistungen sind schlecht, sondern ich habe die Aufgabe noch nicht zufriedenstellend gelöst. Also muss die Erkenntnis lauten, die ich zum Beispiel aus einer nicht bestandenen Klausur ziehe: „Was kann ich tun, damit es beim nächsten Mal besser wird?“

In der heutigen Leistungsgesellschaft habe ich allerdings oft das Gefühl, mir Niederlagen gar nicht mehr leisten zu können. Wie gehe ich mit diesem Druck um, ohne daran zu zerbrechen?

Ohne Fleiß kein Preis, das ist klar. Wer an seinen Stärken arbeitet, braucht sich um seine Schwächen keinen großen Kopf machen.

Ohne Fleiß kein Preis. Aber wer an seinen Stärken arbeitet, braucht sich um seine Schwächen keinen großen Kopf machen. Foto: Florian Hückelheim

Es stimmt nicht, dass man sich heute keine Niederlagen mehr leisten kann. Gerade in der Leistungsgesellschaft ist es wichtig, sich etwas zuzutrauen und auch Fehler zu riskieren. Alles Feedback, das einen besser machen kann. Ich kenne keinen wirklich Erfolgreichen, der nicht mal auf dem Allerwertesten gelandet ist. Und was die langfristige Leistungsfähigkeit betrifft, gibt es eine recht einfache Frage, die sich jeder stellen kann: „Was kannst du den ganzen Tag spielen, ohne dass es langweilig wird?“ Ich muss mir Nischen suchen. Meine Stärken müssen mir bewusst sein und ich muss an ihnen arbeiten. Schwächen kann ich dann zum Teil vernachlässigen. Ein Verkäufer, der sehr gut mit Menschen umgehen kann, aber eine Rechtschreibschwäche hat, ist trotzdem erfolgreich.

Nischen suchen und sich spezialisieren klingt ein Stück weit nach Sozialdarwinismus.
Nein, es ist einfach die Realität. Dass wir das oft nicht sehen wollen, ist auch ein gesellschaftliches Problem: In der Schule kriegen wir beigebracht, dass wir alle alles können müssen. Der Notendurchschnitt soll eine Art Startvoraussetzung fürs Leben widerspiegeln. Was für ein Quatsch! Lebenserfolg hat kaum mit Schulerfolg zu tun.

Sondern?
Im Leben wird erfolgreich, wer seine Stärken und Interessen kennt, sie konsequent verfolgt und dabei etwas leistet, was anderen Menschen Nutzen bringt! Dabei sind Fähigkeiten gefragt wie Mut, Kommunikationsfreude, Kreativität, praktisches Denken, Kooperationswille, Durchhaltevermögen, Bereitschaft zum lebenslangen Lernen und zu Perspektivwechseln. Wer das versteht, kommt weit. Wer damit ein Problem hat, stolpert trotz Einser-Abi. Es geht darum, mutig sein Ding zu machen, statt sich ängstlich in Systeme einzufügen, die in die falsche Richtung dampfen.

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