Violett ist das neue Rot

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Ende des Jahres wählt Spanien ein neues Parlament. Noch immer leidet das Land unter den Folgen der Wirtschaftskrise. Vor allem junge Spanier haben deshalb das Vertrauen in ihre Regierung verloren. Aber: Eine aufstrebende Partei versprüht Hoffnung – und wirbelt das Parteiensystem des Landes mächtig durcheinander. 

Seinen Entschluss fasste Alejandro im Mai vergangenen Jahres. Wochenlang hatte ein Gefühl vorher seine Gedanken beherrscht:  das Gefühlt, etwas ändern zu müssen. Etwas ändern zu können. So entschied er sich letztlich, sein Kreuz für Podemos zu setzen. Für neue, unverbrauchte Gesichter. Für die Idee einer politischen Revolution in Spanien: Podemos – „Wir können.“

Genau ein Jahr ist der Erfolg von Podemos bei den Europawahlen in Spanien jetzt her. Etwa acht Prozent aller Stimmen holte die bis dato in Europa noch recht unbekannte Linkspartei damals. Der wichtigste Kopf der Partei mit dem leuchtend violetten Logo war und ist der Politikwissenschaftler Pablo Iglesias Turrión. Der schmächtige 37-Jährige mit Pferdeschwanz und Rund-um-den-Mund-Bart steht wie kein anderer für das Profil der Partei: jung, provokant, emotional. Gegen Korruption und Ungerechtigkeit im Land und gegen das Spardiktat aus Brüssel. Doch vielleicht wichtiger als politische Inhalte: Podemos vermittelt vielen Spaniern ein Gefühl, das sie lange vermisst haben. „Für mich steht Podemos vor allem für die Hoffnung auf Veränderung“, sagt Alejandro Recio Sastre. Der junge Mann mit den pechschwarzen Haaren und dem genauso dunklen Vollbart nippt kurz an seinem Kaffee, schüttelt dann den Kopf: „Wie bisher kann es in Spanien auf jeden Fall nicht weitergehen.“

Die verlorene Generation

Alejandro Recio Sastre

Alejandro Recio Sastre: „So kann es in Spanien nicht weitergehen.“ Fotos: Ben Schröder

Alejandro ist 24 Jahre alt und damit Teil einer Generation, die wie keine andere in Europa unter den Folgen der Wirtschaftskrise leidet: Jeder zweite Spanier zwischen 15 und 24 Jahren hat keine Arbeit. Zum Vergleich: in Deutschland sind es etwa 7 Prozent in dieser Altersgruppe. Spanische und europäische Medien sprechen deshalb oft von einer generación perdida in Spanien, einer verlorene Generation – gut gebildet und doch ohne Perspektive für die Zukunft. Alejandro hat einen Bachelor- und Masterabschluss in Philosophie. Im Moment promoviert er. Danach würde er gerne als Dozent arbeiten. Die Berufsaussichten sind mehr als schlecht, sagt er selbst. Zu viele junge Spanier streben eine Stelle an einer Universität an, da die als sehr sicher und vergleichsweise gut bezahlt gelten. „Ich würde trotzdem nicht sagen, dass wir eine verlorene Generation sind. In Spanien gibt es viele junge Menschen mit wertvollen Ideen, die studiert oder eine Ausbildung abgeschlossen haben. Das Problem ist eher, dass wir den Politikern egal sind.“

Viele junge Spanier fühlen sich von der Regierung regelrecht um ihre Zukunft betrogen. Auch in Alejandros Heimatstadt Salamanca ist das spürbar. Die Stadt liegt etwa zwei Autostunden nordwestlich von Madrid und ist nicht nur für guten Schinken, sondern auch für ihre Universität bekannt – der ältesten in Spanien. Fast wöchentlich demonstrieren hier Studenten gegen die Reformen ihrer Regierung. So auch heute. Mit dabei ist auch Alejandro. Wenn es sie denn gibt, die generación perdida, dann ist sie heute hier. Die Masse brüllt, singt, tanzt – rhythmisch begleitet von Klatschen und Tröten. Aus der Menge ragen immer wieder Hände, die Smartphones hochhalten.  Wären da nicht die Botschaften auf den Plakaten, man könnte meinen, man sei auf einem Popkonzert. „Bildung für und mit uns gemacht“ steht da. Oder: „Nein zum 3+2.“

Der Hintergrund: Der spanische Bildungsministers José Ignacio Wert plant eine Reform der Regelstudienzeit für Bachelor- und Masterabschlüsse an spanischen Universitäten, die oft als „3+2-Reform“ bezeichnet wird. Der Bachelor soll künftig nicht mehr vier, sondern nur noch drei Jahre dauern. Wert möchte so die Familien der Studierenden entlasten. Die finanzieren jedes Studienjahr ihrer Kinder meist aus eigener Tasche, oft durch Kredite. Eigentlich also eine plausible Reform. Der Minister möchte aber gleichzeitig die Regelstudienzeit für Masterabschlüsse um ein Jahr auf zwei Jahre verlängern. In der Summe also drei Jahre Bachelor plus zwei Jahre Master. Das Problem: Ein Master ist teuer in Spanien. Im Durchschnitt kosten die Studiengebühren für ein Jahr etwa 4000 Euro. Für ein Jahr Bachelor fällt nur etwa halb so viel an. Familien, deren Kinder beide Abschlüsse anstreben, müssen durch die Reform also tiefer in die Tasche greifen. „Ein Master ist in Spanien Pflicht, sonst hat man auf dem Arbeitsmarkt gar keine Chance. Statt uns und unseren Familien zu helfen, macht unsere Regierung so alles nur schlimmer“, sagt Alejandro.                        

Vertrauen in die traditionellen Parteien sinkt

Immer mehr Wähler verlieren das Vertrauen in die beiden großen Volksparteien des Landes. Die konservative Partido Popular (PP) um Ministerpräsident Rajoy und die sozialistische Partido Socialista Obrero Español (PSOE) regieren das Land seit Anfang der 80er-Jahre mehr oder weniger im Wechsel. Bei den vergangenen Parlamentswahlen im Jahr 2011 hatte PP noch etwa 45 Prozent aller Stimmen bekommen. Aktuelle Prognosen sehen die konservative Partei für die wichtigen Parlamentswahlen Ende des Jahres mittlerweile bei nur noch etwa 25 Prozent. „Viele junge Spanier geben den traditionellen Parteien PP und PSOE die Schuld für ihre Misere“, sagt Pilar González Montero, die in Salamanca Gesellschaftskunde unterrichtet. „Podemos wiederum hat genau verstanden, was vor allem junge Menschen bewegt und sich politisch für sie positioniert. Und die jungen Menschen glauben an Podemos, glauben, dass die Partei ihre Probleme lösen kann.“      

Graffiti in Salamanca

Graffiti in Salamanca: „Griechenland hat schon gesagt: ‚Es reicht‘. Wann tun wir das?“

Der aktuellen Regierung trauen viele Spanier das offenbar nicht mehr zu. Dabei erholt sich das Land wirtschaftlich: Ministerpräsident Rajoy hatte Ende Februar im Parlament verkündet, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde in diesem Jahr um 2,4 Prozentpunkte wachsen. Das sind 0,4 Prozentpunkte mehr als von den Analysten bisher angenommen. Schon im vergangenen Jahr hatte das spanische BIP die Wachstumsprognosen übertroffen. Auch von Bundeskanzlerin Angela Merkel gab es deshalb immer wieder Lob für die Reformbemühungen der Spanier. „Wir haben die schlimmsten Momente der Krise überwunden“, verkündete Rajoy am Rednerpult stolz. Im Jahr 2015 werde es eine halbe Millionen neue Arbeitsplätze geben.                        

Parlamentswahlen Ende des Jahres                                                       

Ohnehin versäumt Rajoy momentan keine Gelegenheit, auf die Fortschritte im Land aufmerksam zu machen. Klar, der Wahlkampf läuft in Spanien längst auf Hochtouren. Pablo Iglesias hat die Parlamentswahlen Ende des Jahres zum Kampf des Volkes gegen das alte Machtduopol von PP und PSOE erklärt, gegen la casta, die Kaste, wie Iglesias die beiden großen Parteien nur nennt.              

Podemos erinnert in politischer Ausrichtung und Stil stark an die griechische Linkspartei Syriza. Mit Alexis Tsipras führt die ein Mann, der wie Iglesias keinen Wert auf Krawatte legt und sich gezielt als David gegen die Großen und Mächtigen stilisiert. Auf europäischem Parkett ist er damit schon öfter angeeckt, die Zukunft Griechenlands in der EU steht auf der Kippe. Ministerpräsident Rajoy warnte deshalb kürzlich in einem TV-Interview: „Das Einzige, was Podemos bringt, ist Instabilität, fehlender Fortschritt  und Verlust von Wohlstand.“ Auch Pilar González Montero bezweifelt, dass Podemos bereit ist, das Land künftig zu führen: „Ich kann mir Pablo Iglesias nicht als Präsident meines Landes vorstellen. Er ist noch sehr jung, hat noch keinerlei Regierungserfahrung. Er kann noch gar nicht wissen, was es heißt, ein Land zu regieren.“ Vielleicht bekommt Podemos ohnehin keine Chance, es zu versuchen. Zwar sprechen alle Meinungsumfragen für die Partei als stärkste politische Kraft nach der Wahl. Beobachter vermuten aber, dass PP und PSOE  eine Regierungsbeteiligung von Podemos mit aller Macht verhindern werden.

Die neuen Parteien in Spanien

Nicht nur Podemos, auch die konservative Partei Ciudadanos mischt in der spanischen Politik mittlerweile kräftig mit. Gegründet in der spanischen Region Katalonien, sehen aktuell Umfragen die Partei für die Parlamentswahlen Ende des Jahres bei knapp 14 Prozent. Mit Albert Riviera (35) führt die Partei ein sehr junger Politiker. Ciudadanos selbst siehst sich als Bürgerpartei in der Mitte des politischen Spektrums. Parteivorsitzender Riviera betonte zuletzt, dass Ciudadanos nach den Wahlen aber grundsätzlich für jede mögliche Koalition offen sei. 

Koalition nach deutschem Vorbild? 

Etwa durch eine coalición á la aleman, wie man in Spanien sagt, also einer Großen Koalition nach deutschem Vorbild. „Das ist auf jeden Fall ein großer Verdienst von Podemos“, sagt González Montero. „Die großen Parteien reden endlich miteinander und suchen Kompromisse.“ Schon jetzt haben es Pablo Iglesias und Co. also geschafft, die verkrustete Parteienstruktur im Land  zu durchbrechen und so die Demokratie zu beleben. Die ganz große politische Revolution Ende des Jahres ist möglich, die Hoffnung bei vielen Spaniern deshalb zurückgekehrt. Alejandro fällt die Entscheidung, wo er sein Kreuz setzt, diesmal nicht so schwer wie vor einem Jahr: „Neben das leuchtende Violett von Podemos.“

Teaserfoto: Vicente José Nadal Asensio / flickr.com

2 Comments

  • Ben Schröder sagt:

    TU Do,

    Guten Abend,

    vielen Dank für Ihren Kommentar.
    Sie haben Recht. Aktuelle Umfrage sehen Podemos klar hinter PP. Meine Aussage im Text („Aktuelle Umfragen sehen Podemos mittlerweile sogar vor PP“) stützte sich auf eine Umfrage, die im März in der spanischen Zeitung El País erschienen war und die Podemos knapp vor PP gesehen hatte. Andere Umfragen bestätigen das allerdings nicht. Deswegen habe ich die entsprechende Textstelle korrigiert.

    Vielen Dank für den Hinweis und die konstruktive Kritik.

    Ben Schröder

  • TU Do sagt:

    Woraus interpretieren Sie denn eigentlich, dass Podemos momentan als stärkste Partei gilt?
    Die wesentlichen demoskopischen Umfragen schreiben 12-23 % (oberer Wert ist im Vergleich zu anderen Instituten ein Ausreißer) für Podemos zu, wohingegen die Volkspartei bei 24,5-31,2 % liegt. Die Sozialisten linken in einem Intervall von 23-27 %. Die neue bürgerliche Protestpartei Ciudadanos liegt bei 10-13 %.
    Natürlich sind dies alles lediglich Umfragen.
    Allerdings wirkt obiger Artikel eher wie ein „Hochschreiben“ der Podemos-Gruppierung.
    Klar ist, dass sich viele Linke wohl eher von der PSOE abwenden und zu obiger Gruppierung wandern.
    Inwieweit dies bis Jahresende anhält, wer weiß.
    Allerdings ist die demoskopische Stimmung bei weitem nicht so wie in Griechenland, wo Syriza – zumindest bisher – als die führende Partei in der Stimmungslage der Wahlbev. fungiert.
    Mittelwertbezogen – sehr grob, schätze ich – schaut es derzeit so aus:
    PP: 27-28 %
    PSOE: 24 %
    Pod.: 19 %
    C: 12-13 %
    Die Sitzverteilung ist nach Wahlsystem natürlich auch noch anders, als das reine Verhältnis der Parteien zueinander erscheinen mag. Bei einem groben Verhältnis von Links (ca. 43 %) und Mitte-Rechts (ca. 39-41 %) kommt’s ja auch noch auf Kleinparteien an.
    In Spanien wirkt die Landschaft derzeit uneindeutiger als in Griechenland.
    Auch wenn in letzterem die Syriza-Partei vielleicht auch bald sehr deutlich abstürzt.
    Viel Wasser fließt derzeit bis dahin durch’s Mittelmeer…

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