3,2,1, Jugger!

Jugger ist besonders. Es ist nicht allein die Tatsache, dass das Spielgerät ein nachgebildeter Hundeschädel ist. Da wären noch die Spieler, die sich mit gepolsterten Schaumstoffstäben, -Schildern und -Ketten bekämpfen und Folgendes: Die Sportart basiert auf einem australischen Endzeitfilm, in dem eine Gang durch die Dörfer zieht und eine brutale Version von Jugger spielt. Böse Zungen sprechen von einem Trash-Film. Doch Jugger ist weit weg von einer inszenierten Sportart, es ist in der Tat richtiger Sport.

Mann gegen Mann: Beim Juggern wird sich nichts geschenkt. Foto: Emmanuel Schneider

Mann gegen Mann: Beim Juggern wird sich nichts geschenkt. Foto: Emmanuel Schneider / Teaserfoto: Thomas Jaszok

Das offizielle Trikot der Bochumer Jugger. Foto: Emmanuel Schneider

Das offizielle Trikot der Bochumer Jugger. Foto: Emmanuel Schneider

Nach und nach trudeln die Bochumer Jugger ein. Die meisten tragen ihr eigenes schwarz-rotes „Juggerhaufen Bochum“-Trikot. Auf den Trikot-Rückseiten prangen Spitznamen wie „Jumper“, sie lassen zwei actionreiche Trainingsstunden erwarten.

Jugger ist ein außergewöhnlicher Sport. Auf den ersten Blick martialisch und sonderbar. Wer die Scheu verliert und beim Training zuschaut, sieht dass mehr dahintersteckt: hartes Training, ein differenziertes Regelwerk, Strategie und Geschick.

Thomas Jaszok, Spitzname TJay,  ist der Spielertrainer des Juggerhaufens. Er hebt die Stimme: „Auf geht’s!“ Das Training hat begonnen.

Acht Jugger folgen ihm trabend und drehen ihre Runden in der Turnhalle. „Das Training unterscheidet sich eigentlich nicht wirklich von einem Fußball- oder Basketballtraining“, erklärt TJay.

Wichtiger Trainingsbestandteil: Sprungkraft Foto: Emmanuel Schneider

Wichtiger Trainingsbestandteil: Sprungkraft Foto: Emmanuel Schneider

Der Spielertrainer integriert viele verschiedene Sprungübungen im Aufwärmprogramm. Nach Mattenspringen und Kastenspringen folgen Bocksprünge in luftiger Höhe. Der erste Schweiß fließt.

Den Bochumer Juggerverein gibt es seit Januar 2010. Bei einem Besuch bei einer Freundin in Jena hatte TJay die Sportart kennengelernt und kurzerhand in Bochum einen eigenen Ableger gegründet. „Wir waren zuerst vier Kumpels und haben uns dann eine Halle gesucht, Kumpels eingeladen und unsere  Internetseite online gestellt. So wurden wir dann immer mehr“, erzählt er. Inzwischen hat der Juggerhaufen 25 Mitglieder, nach Geschlecht wird dabei nicht getrennt. „Die Mädels schlagen sich genauso gut wie die Männer“, sagt TJay.

Diesesmal sind jedoch bevorzugt junge männliche Jugger anwesend. „Auf geht’s an die Pompfen“, sagt TJay laut. Die Pompfen sind die gepolsterten Waffen, die dem Jugger den Flair eines Gladiatorenkampfes verleihen. Alle acht schnappen sich einen der verschiedenen Pompfen. Ehe man sich versieht, geht es los: Überall heißt es Kampf – Mann gegen Mann. Die Pompfen klatschen dumpf gegeneinander und machen ihrem lautmalerischen Namen alle Ehre.

Thomas Jaszok ist seit 2010 Spieltertrainer des Vereins und nebenbei auch Taekwando-Trainer. Foto:Emmanuel Schneider

Thomas Jaszok ist seit 2010 Spieltertrainer des Vereins und nebenbei auch Taekwando-Trainer. Foto:Emmanuel Schneider

1998 gab es die erste offizielle Jugger-Meisterschaft in Deutschland. Mittlerweile wird in 14 von 16 Bundesländern hochoffiziell gejuggert. Als Jugger-Hochburg gilt Berlin.

Seit 2003 gibt es sogar eine eigene Jugger-League. Die Mannschaften spielen auf mehreren Turnieren den Ligasieger aus. So weit sind die Bochum Jugger-Jungs noch nicht. „Es ist schon mal ein Ziel bei so einem Turnier teilzunehmen, aber momentan spielen wir einfach, weil es Spaß macht“, sagt TJay. Die ersten Turniere waren zufriedenstellend: „Wir sind nicht Erster, aber auch nicht Letzter geworden.“

Der Bochumer Juggerhaufen bei einem Turnier in Duisburg. Foto: Thomas Jaszok

Der Bochumer Juggerhaufen bei einem Turnier in Duisburg. Foto: Thomas Jaszok

Nun kommt es zum Höhepunkt des Trainings. Es wird gejuggert. TJay teilt zwei Mannschaften ein, die sich an den Grundlinien gegenüberstehen. Es gibt noch den ein oder anderen Spruch in Richtung der Teammitglieder, dann haben die beiden Zeitnehmer an der Seite das Sagen: „3,2,1, Jugger!“, schreit einer. Das ist das Zeichen für beide Teams. Nun gilt es, schnellstmöglich den Jugg zu erobern und zu punkten. Es geht hin und her. Kommandos peitschen durch die Turnhallen-Luft. Ein Spielzug folgt dem anderen. Besonders unter den Läufern geht es hart zur Sache. Die beiden Läufer geben vollen Köprereinsatz, um den jeweils anderen nicht punkten zu lassen. TJay relativiert: „Wir hatten noch keine großen Verletzungen, nicht juggerbedingt. Es ist auch nicht gefährlicher als Rugby oder Football.“

Nach der Jugger-Einheit fließt noch mehr Schweiß, vielen sieht man die Anstrengung an. Richard Daseking, 20, atmet durch und sagt: „Ich bin richtig geschafft, man glaubt es nicht, es ist richtiger Sport.“

Beim Abschlussdehnen ist der Weg von der Rand- zur Mainstreamsportart kurz: „Heute spielt noch der BVB“, schallt es aus der Ecke. Genug gejuggert.

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