Zukunftsforschung ohne Kristallkugel und Kaffeesatz

Zukunftsforschung – der Name klingt ein wenig nach wissenschaftlicher Wahrsagerei. Dr. Horst Christian Vollmar, Zukunftsforscher an der Universität Witten-Herdecke, verneint dies aber vehement: „Bei der Zukunftsforschung geht es nicht um Vorhersagen.“ Vielmehr sollen mögliche Handlungsoptionen entwickelt werden.

Gesundheit, Familie, Beruf: Wo geht´s im Alter hin? Foto: Egon Häbich / pixelio.de.

Gesundheit, Familie, Beruf: Wo geht´s im Alter hin? Foto: Egon Häbich / pixelio.de.

„Wissenschaftliche Zukunftsforschung stellt eine Möglichkeit dar, sich zukünftige Optionen bewusst zu machen. Das heißt, es geht nicht um eine Vorhersage, sondern darum, sich auf mögliche Entwicklungen vorzubereiten.“ Entsprechend braucht Vollmar für seine Arbeit auch weder Kristallkugel noch Kaffeesatz – seine Szenarien basieren, nach dem Zukunftsforscher John Naisbitt, auf dem „Verstehen der Gegenwart.“

Das Szenario ist eines der wichtigsten Werkzeuge der Zukunftsforschung. Erstellt wird es anhand der so genannten 6-Schritt-Methode. Dr. Horst Christian Vollmar erklärt: „Zuerst muss man dabei klären: Was will ich eigentlich wissen?“ Aus dieser Leitfrage – etwa „Wie leben demente Ex-Studenten des Jahres 2010 im Jahre 2050?“ – leitet man dann die so genannten Einflussfelder ab. Das sind große Bereiche wie Politik, Wirtschaft oder Forschung, die Untereinheiten, so genannte Deskriptoren, beinhalten.

Dr. Horst Christian Vollmar, Zukunftsforscher an der Universität Witten-Herdecke. Foto: privat.

Dr. Horst Christian Vollmar, Zukunftsforscher an der Universität Witten-Herdecke. Foto: privat.

Deskriptoren sind für Zukunftsforscher einzelne Aspekte innerhalb eines Feldes, etwa die Entwicklung neuer Medikamente im Themenfeld „Forschung“. Deskriptoren können in verschiedenen Ausprägungen vorliegen: Werden Impfstoffe oder Medikamente entwickelt, haben diese Nebenwirkungen, wirken die Medikamente nur bei bestimmten Menschen?

Nachdem alle relevanten Ausprägungen aufgelistet sind, werden sie einer Konsistenzanalyse unterzogen. Das heißt: Die Beziehungen der Ausprägungen untereinander werden untersucht. In unserem Beispiel bedeutet dies etwa: Die Entwicklung eines wirkungsvollen Medikaments gegen Demenz würde sich auf die Zahl der pflegebedürftigen Menschen auswirken.
Abschließend werden verschiedene Szenarien am Computer errechnet.

Auf den ersten Blick erscheint die Szenario-Erstellung kompliziert; in der Anwendung ist das Verfahren aber einfacher. Grafik: Lukas Schürmann

Auf den ersten Blick erscheint die Szenario-Erstellung kompliziert; in der Anwendung ist das Verfahren aber einfacher. Grafik: Lukas Schürmann

Einer der wichtigsten Deskriptoren zur Frage „Wie leben Studenten von heute im Alter?“ ist die demographische Entwicklung. Seit rund 160 Jahren steht bereits fest: Wir werden immer älter. Weil gleichzeitig immer weniger Kinder geboren werden, wird die deutsche Bevölkerung statistisch immer älter. Im Jahr 2060 etwa wird nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts jeder Dritte mindestens 65 Jahre alt sein, gleichzeitig werden doppelt so viele 70-Jährige wie Neugeborene leben.

Mit dem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, pflegebedürftig zu werden. Foto: Maren Beßler / pixelio.de

Mit dem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, pflegebedürftig zu werden. Foto: Maren Beßler / pixelio.de

Damit hängt auch zusammen, dass immer weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter leben – müssen wir also die Rente mit 72 fürchten? Und: Wie geht es danach weiter? Werden immer mehr Menschen im Pflegebereich arbeiten müssen, um die große Zahl an Pflegebedürftigen zu betreuen?
Je nach dem, inwieweit andere Deskriptoren wie der medizinische Fortschritt oder die Entwicklung des Arbeitsmarktes in das Szenario aufgenommen werden, können die Auswirkungen des demographischen Wandels für alte Menschen mehr oder weniger dramatisch sein.

Zukunftsforscher Horst Christian Vollmar hat auf die obigen Fragen auch keine endgültigen Antworten. Er geht allerdings davon aus, dass die beschriebene demographische Entwicklung anhält. Zusätzlich weist er auf die so genannte „Krankheitskompressionshypothese“ hin; hinter diesem Wortungetüm verbirgt sich eine einfache Frage: Der Lebensabend eines Menschen ist häufig von Krankheit oder Pflegebedürftigkeit geprägt. Unter Wissenschaftlern ist nun umstritten, ob der medizinische Fortschritt zu einer Verkürzung dieser Phase führt. Im Extremfall heißt das: Ein Mensch lebt 90 Jahre lang, wird kurz vor seinem Tod einmal krank und stirbt. „Es wäre natürlich schön, wenn wir so etwas wie eine Krankheitskompression erreichen könnten,“ sagt der Wittener Zukunftsforscher. Letztlich bleibe es allerdings ein Idealbild.

Zu den ausschlaggebendsten Faktoren, die ein möglichst krankheitsfreies Leben ermöglichen, zählt Dr. Vollmar vor allem das persönliche Verhalten eines Menschen: „Wenn wir uns mehr bewegen würden, würden wir damit unsere Chancen erhöhen, fit alt zu werden.“ Studien hätten gezeigt, dass dies sowohl für Herz- und Kreislauf- wie auch für Demenzerkrankungen gelte.