Mysterium Dortmunder U

Das Dortmunder U gibt Rätsel auf.

Das Dortmunder U gibt Rätsel auf.

Meine erste Begegung mit dem Buchstaben U liegt lange zurück. In der ersten Klasse gab es einen Handpuppenbär namens Umi. Der sah ein bisschen aus wie ein übergewichtiges Känguru, nur, dass er seinen Beutel hinten hatte. Unsere Lehrerin hat den Umi hochgehalten und gesagt: „Das ist das U.“ Ich hätte nicht gedacht, dass mir den Satz nochmal jemand sagen würde. Nach mehr oder weniger langer Übung weiß man irgendwann, was ein U ist. Aber als ich nach Dortmund zog, tauchte der Satz „Das ist das U“ plötzlich wieder auf. Und zwar in merkwürdiger Häufung und mysteröser Bedeutung.

„Warst du schon beim U?“ „Das U ist immer noch nicht fertig.“ „Nächstes Jahr wird das U eröffnet.“ Ich gewöhnte mir erst mal an, wissend zu nicken. „Ah, ah ja.“ Ist klar. Woanders eröffnet man Kirchen und Museen, in Dortmund ein U. Aber ich wollte keinen Zweifel an diesem Plan äußern. Vielleicht hatte sich ja jemand viele Gedanken gemacht. Und vielleicht war es eine super Idee, in einer Stadt ein U aufzustellen. Ich meine, in Köln steht ein riesiges Eis auf einem Hochhaus, das macht auch nicht wirklich Sinn. Aber warum beschäftigte das U alle so? Ich hakte unauffälig nach: „Ja, also das U ist ja (hüstel) eine echt interessante Sache. Aber was ist daran so besonders?“ Gut formuliert, absolut unauffällig.

Ein Buchstabe: Das Wahrzeichen von Dortmund.

Ein Buchstabe: Das Wahrzeichen von Dortmund.

Die achselzuckende Antwort: „Das U ist das Wahrzeichen von Dortmund.“ Okay, das machte Sinn. Das gibt es ja: New York hat das NY, Los Angeles hat das LA, Dortmund hat eben das U. DortmUnd. Na ja. Die Antwort war noch nicht befriedigend. Und ich hatte nach wie vor keine Ahnung, was das U eigentlich war und wozu es dienen sollte. Es ist auch nicht so, als ob es mich brennend und permanent beschäftigt hätte. Aber hin und wieder kehrten meine Gedanken dahin zurück. Wenn man in einer neuen Stadt wohnt, will man ja wenigstens so tun, als wüsste man, was abgeht. Wenn jetzt irgendeiner meiner Freunde zu Besuch käme und wissen wollte, wo das U ist, stände ich dumm da. Ich müsste wahrscheinlich sagen: Zwischen T und V. Peinlich, peinlich.

Ehrlich gesagt, ich wusste auch nicht viele Dinge, für die ein U stehen konnte. Am ehesten U-Bahn-Haltestellen. Davon gibt es in Dortmund eine Menge, das hatte ich schon bemerkt. Vor allem diese große in der Innenstadt, mit dem protzigen Turm. Ich verstand nicht, wie man so viel Geld für eine Haltestelle ausgeben konnte, wenn gleichzeitig Projekte wie das U immer teurer wurden. Drei Millionen teurer als geplant, das hatte ich gehört. Und immer noch nicht fertig. Irgendwann, als es wenigstens so halbwegs fertig war, beschlossen wir, mit der Pflichtlektüre eine Geschichte zum U zu machen. Ich klickte mich durch die Google-Bilder. Und plötzlich traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag: Das auf den Bildern war der große U-Bahn-Turm. Der Turm war das U! Und offenbar war es gar keine Haltestelle. Sondern, sagt Wikipedia, das ehemalige Gebäude der Unions-Brauerei, das jetzt zu einer Art Ausstellungshaus umfunktioniert wurde.

Eine merkwürdige U-Bahn-Haltestelle.

Eine merkwürdige U-Bahn-Haltestelle.

Hätte ich das gewusst. Heute weiß ich es. Manchmal, wenn ich am U vorbeikomme, versuche ich, dieses Wissen unauffällig anzubringen. Ich sage dann sowas wie: „Hier an dem U können wir uns orientieren. Da haben sie übrigens jetzt die ersten Ausstellungen drin.“ Dabei habe ich etwas Schönes festgestellt: Es gibt Leute, denen geht es genauso wie mir. Letztens kam ich mit einer Freundin am U vorbei. Sie war völlig erstaunt: „Das ist das U? Ich dachte immer, das wäre eine U-Bahn-Haltestelle.“ Ich habe herzlich gelacht. Eine U-Bahn-Haltestelle.

Vor ein paar Wochen wollte ich das U auch besichtigen. Aber ich konnte nicht rein, weil noch Bauarbeiter drin waren. Jetzt sind viele Bauarbeiter weg, aber ich war immer noch nicht drin. Das wird noch dauern. Aber irgendwann würde ich gern mal vorbeikommen. Dann würde ich den dicken Umi mitnehmen, ihn an seinem Kängurubeutel hochhalten und voller Stolz sagen: „Das ist das U.“