Kommentar: Nach der Katastrophe in Duisburg

Zurzeit gibt es nur eine Frage: Wer hatte Schuld an der Katastrophe in Duisburg? Die Menschen wollen wissen, wer  zu verantworten hat, dass 20 Menschen im Gedränge sterben mussten, obwohl sie nur feiern wollten. Antworten gibt es noch nicht. Dafür Viele, die alles angeblich schon vorher wussten – vor allem Journalisten. Dabei haben sie vorher selbst unkritisch über die Loveparade berichtet.

Ein Kommentar von Jonathan Focke.

Duisburg trauert: Mahnwache im Todes-Tunnel an der Karl-Lehr-Straße. Foto: Jonathan Focke

Duisburg trauert: Mahnwache im Todes-Tunnel an der Karl-Lehr-Straße. Foto: Jonathan Focke

Auf den Straßen, im Bus, in der U-Bahn, an der Trinkhalle – in Duisburg gibt es seit vergangenem Wochenende nur noch ein Thema: die schreckliche Katastrophe auf der Loveparade, die 20 Menschen das Leben kostete, hunderte Menschen zum Teil schwer verletzte, tausende andere traumatisierte und die ganze Welt schockiert hat.

Wer in diesen Tagen durch Duisburg läuft, sieht sie noch überall, die Spuren einer Mega-Party, die der Arbeiterstadt am Rhein einen dicken Image-Gewinn einfahren sollte und ihr in Wirklichkeit die größte Katastrophe der Nachkriegszeit bescherte. Glasscherben, Flaschen, Plastikbecher liegen in den Rinnsteinen. Hunderte Menschen mit Blumen und Kerzen strömen zum Unglücksort an der Karl-Lehr-Straße, viele von ihnen weinen, können es noch immer nicht fassen. Kerzen und Blumen füllen den dunklen Tunnel. Und überall die Frage: Warum?

Vorberichterstattung: Journalisten haben Sicherheits-Thema verschlafen

"Nichts ist mehr, wie es einmal wahr" - die Loveparade wurde für Duisburg zur größten Katastrophe der Nachkriegszeit. Foto: Jonathan Focke

"Nichts ist mehr, wie es einmal wahr" - die Loveparade wurde für Duisburg zur größten Katastrophe der Nachkriegszeit. Foto: Jonathan Focke

Verfolgt man zurzeit Presse und Rundfunk, so scheint es, als hätten es alle irgendwie schon vorher gewusst. Als hätten Journalisten, Loveparade-Besucher und Experten eine solche Katastrophe kommen sehen. Bei Letzteren mag dies tatsächlich stimmen. Polizei und Feuerwehr haben die Verantwortlichen offensichtlich lange im Voraus gewarnt und auf Sicherheitsrisiken hingewiesen.

Aber die Sicherheitsbedenken gingen in der Vor-Loveparade-Euphorie unter. Welche Zeitung hat die Bedenken der Experten vor der Loveparade an präsenter Stelle veröffentlicht? Wer jetzt danach sucht, sucht lange. Warnungen vor dem viel zu kleinen Tunnel und den desaströsen Zugängen zum Festival-Gelände waren im Vorfeld in der bunten, von dem Event der Loveparade ergriffenen Medienwelt nicht zu finden. Denn die Berichterstattung war vor allem eines: Pro Loveparade.

Jetzt werfen viele der Stadt Duisburg vor, die Loveparade deswegen nicht abgesagt zu haben, um nicht als Spielverderber dazustehen. Zu Recht. Doch Rundfunk und Presse waren in dieser Hinsicht nicht besser. Sie wollten genauso wenig Spielverderber sein. Spielverderber eines Events, in das sie selbst durch umfangreiche Berichterstattung oder sogar Teilnahme (Bild.de und 1Live hatten eigene Floats) eingebunden waren. Im Großen und Ganzen haben die Medien kräftig Stimmung für das Event gemacht. Kritik? Scheinbar unerwünscht! Allenfalls, als es um die schwierige Finanzierung der Loveparade ging, wurde kritisch berichtet. Übersichtskarten des Festival-Geländes mit den eingezeichneten Tunnelzugängen wurden groß abgedruckt. Zur Sicherheit? Kein Kommentar. Viele, die jetzt so tun, als habe man schon vorher alles gewusst, sind die gleichen, die die Loveparade zuvor hochgeschrieben haben. Kaum einer hat das Sicherheitskonzept der Stadt hinterfragt.

Schwärmerei statt Kritik

Vorwürfe an OB Adolf Sauerland. Aber welche Mitverantwortung tragen die Medien? Foto: Jonathan Focke

Vorwürfe an OB Adolf Sauerland. Aber welche Mitverantwortung tragen die Medien? Foto: Jonathan Focke

Viele Journalisten waren offenbar von der Gigantomanie der Loveparade genauso geblendet wie die Verantwortlichen bei Stadt und Polizei. Kritik- und Kontrollfunktion von Rundfunk und Presse vor der Veranstaltung haben kläglich versagt. Ein großer Teil der nachträglichen Kritik und Verurteilung von Verantwortlichen wirkt scheinheilig. Es muss die Frage erlaubt sein, ob nicht auch die Medien eine Mitverantwortung für das tragen, was in Duisburg passiert ist. Ob sie durch mehr Kritik statt Schwärmerei die Öffentlichkeit für Sicherheitsfragen hätten sensibler machen können.