Frère: Melancholischer Post-Folk aus Bochum

Eine eigene Band, die seine selbst geschriebenen Songs spielt – das war Alexander Körners größter Wunsch. Mit der Band Frère hat sich dieser Traum erfüllt. Warum er sich auf den Juicy-Beats-Auftritt am Samstag (29.07.) besonders freut, hat der Musiker im Interview mit der pflichtlektüre erzählt. 

pflichtlektüre: Alexander, wie bist du zur Musik gekommen?

Alexander Körner: Ganz klassisch: Meine Eltern haben viel Musik gehört und bei uns im Wohnzimmer gab es eine riesige Plattensammlung. Da saß ich dann immer und habe meine Lieblingsplatten gehört. Auch schon immer so Seltsames wie Hannes Wader und Dead Kennedy. Als ich die Plattencover sah und die Bands da drauf, da dachte ich: ,Boa, das will ich auch irgendwann machen.‘ Dann habe ich angefangen Gitarre zu spielen. Da war ich leider nicht so gut drin. Dann habe ich zunächst sehr lange Bass gespielt. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es mir nicht reicht, nur in einer Band zu spielen. Ich wollte Lieder schreiben. Das habe ich dann irgendwann einfach angefangen und erste Konzerte gespielt. Das kam zwar erst relativ spontan, aber dann wurde es immer mehr.

Erinnerst du dich noch daran, was dich zu deinen ersten Songs inspiriert hat?

Ja klar, ich war fürchterlich verliebt und das wurde leider nicht so erwidert. Ich saß Zuhause und dachte mir: ,Was mache ich jetzt?‘ Und dann schrieb ich sowas, was man danach am besten niemals wieder jemandem zeigt.

Beruflich Musik machen: Bist du da von Anfang an selbstbewusst drangegangen oder hattest du Zweifel?

Ich glaube, man hat bei allem, was man machen will, erst Zweifel. Aber es war immer mein Wunsch und mein Traum, das beruflich zu machen. Das war mir schon sehr früh klar – und ich hatte Glück. Im Gegensatz zu meinen Musikerfreunden. Die sind zu ihren Eltern gegangen und haben gesagt: ,Mama, ich will keine Ausbildung, sondern Musik machen.‘ Da kam dann sowas wie ,Du bist doch bescheuert!‘ Ich hatte die Unterstützung meiner Eltern. Sie mochten, was ich tue und legten mir keine Steine in den Weg. Für mich war es daher weniger schwierig, weil ich niemanden zufriedenstellen musste und einfach machen konnte.

Retro mitten im Ruhrpott: Frère-Sänger Alexander lud uns zum Interview in seine Bochumer Wohnung ein. (Foto: Azuma Satter)

Wie bist du auf den Namen „Frère“ gekommen?

Früher war ich in einer Band und dort hatten wir alle Künstlernamen. Meiner war ,Alexander von Nazareth‘. Das war so ein bisschen over the top. Ich dachte dann, als ich alleine gespielt habe, ich nenne mich einfach ,von Nazareth‘. Es kamen dann die ersten Anfragen von Kirchen. Nach jedem Auftritt musste ich erklären, warum ich denn so heiße. Ich habe immer nur gesagt, dass ich einfach nur so heiße, weil ich jung und größenwahnsinnig bin und ich das lustig fand. Ich habe lange nach einem Namen gesucht, der nach etwas klingt. Der für eine Person geeignet ist, aber auch für eine Band. ,Bruder‘ heißt es ja letztendlich übersetzt. Ich habe eine Schwester, bin also ein Bruder.

Kurz und knapp: Das ist Frère

Name: Frère

Zu viert tourt Frère momentan durch Deutschland. (Foto: Philipp Niggemeier & Meike Willner)

Wer ist das?

Angefangen hat Alexander Körner 2011 als Solokünstler. Doch sein großer Wunsch war immer eine eigene Band, die seine selbst geschrieben Songs spielt. In der Besetzung mit Gitarrist und Bassist Alan Kassab, Jazz-Schlagzeuger Sebastian Grönheit und Produzent und Pianist Alessandro Marra kam die Band 2015 zusammen.

Wo kommen sie her?

Ihre Heimatstadt ist Bochum.

Welche Musik spielen sie?

Melancholisch, eindringlich und emotional – so mag man die selbst geschriebenen Songs von Frère beschreiben. Dabei orientiert sich Songwriter Alexander an modernen Künstlern wie Bon Iver und Nick Drake. 2014 erschien die EP „Ghost“ mit sechs Songs. Ihren Stil beschreiben sie als „Post-Folk“: akustische Instrumentals mit Einflüssen von Elektro und Synthies.

Wo treten sie auf?

Angefangen haben sie mit kleineren Auftritten bei Song-Slams, Jugendzentren und ähnlichen Veranstaltungen. Nachdem Gewinn eines Songcontests und der EP spielte Alexander häufiger in Clubs in ganz Deutschland. Mittlerweile spielt Frère auch als Vorgruppe und auf Festivals, wie dem Juicy Beats oder Feel Festival. Ein großer Wunsch der band wäre ein Auftritt auf dem Haldern Pop oder Melt-Festival. 

Gut zu wissen, dass …

… am 1. September 2017 das erste Album herauskommt.

Welche Aufgabe siehst du darin, Musiker zu sein?

Naja, tendenziell unterhalte ich. Ich spiele irgendwo und habe die Hoffnung, dass die Leute, die mir zu hören, eine gute Zeit haben. Ich finde es schon wichtig, dass man als Künstler eine Haltung hat. Die muss natürlich nicht in jedem Lied vorkommen und ich muss keinen Zeigefinger hochzeigen. Aber ich finde es schon wichtig, was zu sagen zu haben. Und wenn ich etwas erzählen möchte, mache ich das auch. Auch bei einem Konzert. Ich mag das auch bei anderen Künstlern, wenn die tatsächlich etwas erzählen und nicht die typischen Anheizer-Ansagen machen.

Deine Musik ich ja eher ruhig und melancholisch – warum schreibst du keine fröhlichen Songs?

Also ich glaube, dass melancholische Songs durchaus Glücksgefühle hervorrufen können. So ist es bei mir zumindest immer. Ich mag es, wenn man Musik hört und sie entschleunigend wirkt, man nachdenklich wird oder einfach mal über nichts nachdenkt. Das hat für mich mit dieser Musik immer bestens funktioniert. Ich bin auch der Meinung, ich habe bereits das eine oder andere fröhliche Lied geschrieben. Aber das liegt halt im Auge des Betrachters. Ich werde von sehr fröhlichen Liedern manchmal ein bisschen sauer.

Warum?

Gute Frage!

Vielleicht, weil es manchmal eher oberflächlich fröhlich wirkt?

Ja, das auf jeden Fall. Und weil ich es oft nicht glauben kann, dass Menschen so unglaublich gut drauf und fürchterlich fröhlich sind. Ich vermute da meist etwas dahinter, was sehr dunkel ist. Daher wirkt es für mich manchmal aufgesetzt.

Wie würdest du persönlich eure Musik beschreiben – was macht Frère aus?

Früher, als ich noch alleine auf der Bühne stand, waren es Folklieder mit meiner Gitarre. Aber dadurch, dass die Band sehr experimentell, versiert und technisch auf einem unglaublich hohen Niveau spielt, nennen wir das jetzt selber eher Post-Folk. Es ist schwer, sich selbst einzuschätzen. Aber ich würde sagen, es ist Musik, die eine Weile braucht. Bei der man sich zum Zuhören wirklich Zeit nehmen muss, aber in der man dann auch versinken kann. Das ist es auch, was wir bei den Leuten auslösen wollen.

Du spielst am Wochenende (29.07.) auf dem Juicy Beats – was sind deine Erwartungen?

Erstmal finde ich es ganz schön, dass wir als kleine Band eine ganze Stunde lang spielen dürfen. Normalerweise spielt man bei solchen Festivals eine halbe Stunde oder so. Das ist toll! Ich finde auch, es ist eine Wertschätzung für uns, als Band aus NRW, beim größten Festival hier spielen zu dürfen. Ansonsten habe ich keine Erwartungen und hoffe, dass es ein schöner Tag wird.

Warst du auch schon mal als Besucher da?

Ja! Ich war schon zweimal dort. Einmal, weil ich selbst ein Festival in meiner Heimatstadt Oer-Erkenschwick organisiert hatte. Das Juicy Beats durfte Werbung bei uns machen und wir bekamen Gästelistenplätze. Aber wir wurden vergessen. Deswegen saß ich drei Stunden vor dem Festivalgelände und habe gewartet reinzukommen. War aber auch sehr nett. Und dann kam ich aufs Festival und es war eine gute Party. Schade, dass es schon immer um vier Uhr morgens vorbei ist.

Eine speziellere Frage: Vorm Auftritt oder nach dem Auftritt saufen?

Vorm Auftritt besser nicht – ich kann das zumindest nicht mehr. Nachher ist das Ende ja offen. Es ist aber immer schön, wenn man als Band zusammen auf einem Festival unterwegs ist und Spaß hat. Aber volltrunken auf eine Bühne zu gehen, ist jetzt nicht die beste Idee. Ich kann mich noch erinnern, wie ein anderer Songwriter mal zu mir meinte, er trinke auf keinen Fall etwas vorher. Sonst habe er nachher einen Blackout auf der Bühne. Ich meinte dann: ;Vielleicht trinkst du einfach mal ein Bier, dann wirst du lockerer.‘ Er hat dann nichts getrunken und hatte einen totalen Blackout auf der Bühne. Man muss das nicht alles so ernst nehmen. Aber man muss sich auch nicht, nur weil das Bier umsonst ist, einfach abschießen.

Das Juicy Beats ist ein Open-Air-Festival. Spielst du lieber draußen oder drinnen?

Das kommt drauf an. Es ist natürlich echt schön draußen, wenn es dunkel ist und das Wetter schön ist. Da gibt es nichts Vergleichbares. Wenn es den Leuten gefällt, hat das dann gleich etwas Verbindendes, obwohl man sich gerade erst kennengelernt hat. Es ist aber auch irre in einem vollen Club zu spielen. Wichtig ist mir, dass es dunkel ist. Dann ist mir auch egal, ob drinnen oder draußen.

Was sind deine persönlichen, musikalischen Ziele?

Ich würde das gerne so lange machen wie möglich. Das ist mein Ziel. Klar, sollte man sich Sachen vornehmen, aber man sollte es nicht übertreiben. Nachher ist man dann unglücklich. Ich bin sehr glücklich, dass alles so gekommen ist, wie es gekommen ist. Ich wollte unbedingt eine Band haben, die meine selbst geschriebenen Lieder spielt. Das ist ja mittlerweile so. Wir dürfen auf Festivals mit Bands spielen, die wir selber seit Jahren hören. Das ist schon mehr, als man eigentlich erwarten kann. Wir hoffen, dass das noch so lange wie möglich weitergeht.

von Azuma Satter und Jule Zentek

Beitragsbild: Frère Band / Inês Costa Monteiro