„Chemiker lesen gewöhnlich keine Bücher“

Carl Djerassi bekam die Ehrendoktorwürde der TU Dortmund. Foto: Sandra Finster

Carl Djerassi bekam die Ehrendoktorwürde der TU Dortmund. Fotos: Sandra Finster

Carl Djerassi wird dieses Jahr 86 und hat die Welt verändert – als Chemiker und Schriftsteller. Mit 27 Jahren entwickelte er die Antibabypille. Wenige Jahre später entdeckte Djerassi die Zusammensetzung von Kortison. Die London Times kürte ihn 1999 als einzigen noch lebenden Menschen zu den 30 wichtigsten Personen des zweiten Millenniums. Kürzlich hat Djerassi sein 22. Ehrendoktorat von der TU Dortmund erhalten, allerdings nicht für seine Leistungen in der Chemie, sondern für sein literarisches Werk.

pflichtlektüre online: Professor Djerassi, warum haben Sie beschlossen, sich von der Chemie ab- und der Literatur zuzuwenden?

Djerassi: Das war in den späten 80er Jahren, als ich 62 Jahre alt war. Damals habe ich eine sehr schwere Krebsoperation gehabt und nicht gewusst, wie lange ich überleben werde. Da habe ich mir gedacht, vielleicht sollte ich versuchen, noch ein anderes intellektuelles Leben zu führen. Ein anderer Grund war, dass ich zwei Jahre zuvor sehr verliebt in eine Frau war, mit der ich teilweise zusammengelebt habe. Dieser Beziehung zu der Professorin in Stanford war ich mir sehr sicher. Sie ist dann für ein Jahr nach Harvard gegangen. Eines Tages hat sie zugegeben, dass sie sich in einen anderen Mann verliebt hat. Das war sehr traumatisch und beleidigend. Wie konnte sie sich in jemand anderen verlieben, obwohl sie mich hatte? Ich wusste, dass der andere Mann literarisch orientiert war. Ich wollte mich revanchieren. Also habe ich angefangen, Gedichte und Romane über uns zu schreiben. Ich habe ihr das Manuskript geschickt und sie war total überrascht. Die erste Frage war, als wir uns getroffen haben: Was wirst du mit diesem Manuskript machen?

pflichtlektüre online: Was haben Sie geantwortet?

Djerassi: Das was jeder Chemiker sagen würde: Wenn etwas wert ist, daran zu arbeiten, dann ist es auch wert, es zu veröffentlichen. Sie hat gesagt: Du bist ja verrückt, du ziehst uns ja total aus. Danach haben wir angefangen, uns wieder zu treffen und ein paar Monate später haben wir unter der Bedingung geheiratet, dass ich dieses Buch niemals rausbringe. Das habe ich natürlich versprochen, habe aber nicht versprochen, es nicht auszuschlachten. Später habe ich es teilweise für ein Theaterstück verwendet.

pflichtlektüre online: Warum haben Sie sich entschieden, über Wissenschaft zu schreiben?

Djerassi: Meine Frau hat mir damals den Rat gegeben: Schreibe über Sachen, über die du etwas weißt und über welche die meisten anderen Schriftsteller nicht viel wissen.

Carl Djerassi im Interview mit pflichtlektüre-online.

Carl Djerassi im pflichtlektüre online-Interview.

pflichtlektüre online: Wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Neuorientierung reagiert?

Djerassi: Kommt drauf an, wer die waren. Chemiker lesen gewöhnlich keine Bücher. Sie lesen ununterbrochen, aber nur Fachliteratur. Ich würde sagen, mindestens die Hälfte meiner Kollegen hat überhaupt nicht gewusst, dass ich es getan habe. Obwohl ich die Namen vieler wirklicher Naturwissenschaftler rein gesteckt habe, auch von einigen meiner Kollegen. Ich glaube, die wissen das bis zu diesem Tag noch nicht. Diejenigen, die es gelesen haben, waren oft kritisch und haben gefragt, warum findest du es notwendig, schmutzige Laborkittel vor Publikum zu waschen? Was natürlich stimmt: Ich schreibe über graue Sachen, nicht über schwarz-weiße. Nicht nur über die schönen und guten Dinge, sagen wir die Kooperationen in der Forschung, sondern auch über brutale Konkurrenz. Nicht nur die positive Ambition, die Leute überzeugt, jahrzehntelang 80 Stunden die Woche zu arbeiten. Insbesondere, was es für junge Leute bedeutet, in die Naturwissenschaft zu gehen.

pflichtlektüre online: Sie schreiben auch über die Probleme von Wissenschaftlerinnen, Beruf und Familie miteinander zu vereinen. Warum?

Djerassi: Ich glaube, das ist das größte Problem der jetzigen Gesellschaft. Wenn Frauen im Studentinnenalter Kinder haben wollen, werden sie sagen: Nicht heute, ich habe noch Zeit. Wenn sie später auf den Gebieten, auf denen sie arbeiten, erfolgreich sind, wird es immer schwieriger. Immer mehr gut ausgebildete Frauen verschieben den Kinderwunsch. Viele Männer haben dann auch noch Angst vor Frauen, die zu selbstständig sind.

pflichtlektüre online: In diesem Zusammenhang geht es in Ihren Büchern auch um Reproduktionsbiologie. Wie sehen Sie die Zukunft künstlicher Befruchtung und ähnlicher Methoden?

Djerassi: Ich glaube, dass künstliche Befruchtung immer mehr gebraucht werden wird, aus einem einfachen Grund: die durchschnittliche deutsche Familie hat 1,4 Kinder. Alle 24 Stunden gibt es ungefähr 100 Millionen Sexakte in der Welt, die ungefähr eine Millionen Befruchtungen zur Folge haben, davon sind 50 Prozent, also eine halbe Millionunerwartet. Die Hälfte der unerwarteten Befruchtungen ist ungewünscht. Das sind alle 24 Stunden 250.000 unerwünschte Befruchtungen, die zu 50.000 Abtreibungen führen. Das wird sich ändern. Wenn man ein gewünschtes Kind hat, ist das in der Regel auch ein geliebtes Kind. Das wird die neue Familie zusammen bringen. Die Rolle des Vaters wird dann eine wichtigere, aber nicht wegen der Gene, sondern seines Benehmens den Kindern gegenüber. Die Frauen können den idealen genetischen Vater als Samenspender nehmen, zur richtigen Zeit auch, und sich dann einen richtigen Vater aussuchen. Das ist natürlich ein Extrem. Aber auch bei Paaren kann die Frau in jungen Jahren ihre Eizellen einfrieren lassen – und wenn sie dann erst mit 43 ein Kind haben will, kann sie ihr eigenes junges Ei verwenden.

Djerassi behandelt in seinen Büchern auch den Konkurrenzdruck in der Wissenschaft.

Djerassi behandelt in seinen Büchern auch den Konkurrenzdruck in der Wissenschaft.

pflichtlektüre online: Was würden Sie uns heute aus Ihrer Lebenserfahrung zur Planung unseres Studiums raten?

Djerassi: Die Ausbildung an den Universitäten ist total monogamisch, das heißt, wir konzentrieren uns immer nur auf ein Gebiet. Die Ausbildung am Anfang soll polygamisch sein. Natürlich ist klar, dass diese dann nicht so tief sein kann. Von diesem Standpunkt aus, ist die amerikanische Universitätsausbildung viel besser, weil wir das sogenannte Liberatscurriculum haben. Bei uns zahlt man 40.000 Dollar im Jahr, um auf eine der großen Universitäten zu gehen, und trotzdem spezialisieren sich die Studenten nicht sofort. Die ganze Ausbildung muss breiter gefächert sein. Aber ich spreche über meinen Wunsch, nicht über die Realität. Ich würde das Fernsehen für eine gewisse Zeit verbieten oder total kontrollieren.

pflichtlektüre online: Warum denn das?

Djerassi: Ich glaube, dass es ein fantastisches Medium in vielen Beziehungen ist. Aber die Zeit, welche die Leute damit verbringen – ich spreche von teilweise sechs Stunden am Tag – macht die Leute nicht nur dicker, sondern lässt ihnen auch keine Zeit mehr für das Lesen.

Interview: Michelle Röttger
Fotos: Sandra Finster

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