Der beste Vize aller Zeiten und Opa Claudio

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Nach Schlusspfiff stürmen die Werder-Fans am letzten Spieltag den Rasen des  Weserstadions.

Die Bundesliga-Saison 2015/2016 prägte vor allem der Niedergang von Traditionsvereinen wie dem VfB Stuttgart, Hannover 96 oder auch Werder Bremen. Der BVB spielte eine überragende Saison stand aber am Ende ohne Titel da. Mit dem Rücktritt von Lucien Favre ging zu Saisonbeginn bei Borussia Mönchengladbach eine Ära zu Ende. Über den deutschen Meister Bayern München spricht eigentlich keiner. Vielmehr elektrisierte Fußball-Deutschland ein hochdramatischer Abstiegskampf, bei dem es die größte Sensation der Saison gab. Der Fußball-Zwerg Darmstadt 98 schaffte völlig unerwartet den Klassenerhalt.

Eine märchenhafte Erfolgsgeschichte hatte Lucien Favre mit Borussia Mönchengladbach vier Jahre lang geschrieben. 2011 übernahm er die Fohlen auf einem Abstiegsplatz und schaffte noch den Klassenerhalt. Zuvor hieß es in vielen Medien, der nicht wirklich zugängliche und eigenbrötlerische Schweizer könne keinen Abstiegskampf. Von nun an ging es steil nach oben. Der Höhepunkt war die Qualifikation für die Champions League 2015.

Favre bis zum Schluss eigenwillig

Diese Saison begann für Gladbach dann aber mit fünf Niederlagen in Folge. Ziemlich überraschend reagierte Erfolgstrainer Favre darauf mit seinem Rücktritt. Das war für den ganzen Club ein Paukenschlag. Der eigentlich als Interimslösung gedachte André Schubert beeindruckte durch eine beachtliche Siegesserie und führte die Fohlenelf bis zum Saisonende auf den vierten Platz. Es winkt also wieder die Champions League. Interessant, aber leider nicht zu beantworten ist die Frage, was der alte Trainerfuchs Favre bei einem Verbleib am Niederrhein noch aus dem Hut gezaubert hätte.

Der beste zweite der Bundesligageschichte

Erdbebengleich war die Reaktion in Dortmund, als Jürgen Klopp nach sieben erfolgreichen Jahren im Mai 2015 den BVB verließ. Viele Kritiker stellten die Frage, ob die Mannschaft mit Nachfolger Thomas Tuchel wieder in die Erfolgsspur zurückfinden würde. Ein Jahr später kann man diese Frage ruhigen Gewissens mit einem lautstarken „ja“ beantworten. Dortmund etablierte sich hinter den von Beginn an dominierenden Bayern schnell als zweite Kraft und wurde am Ende mit 18 Punkten Vorsprung Vizemeister. Mit 82 Toren stellen die schwarz-gelben außerdem die beste offensive der Liga. Mit 78 Punkten war es eine der besten Spielzeiten der Vereinsgeschichte. Der beste zweite aller Zeiten, dass es nicht zum Titel reichte lag einzig und allein am übermächtigen Klassenprimus aus München. Auch trotz des schmerzhaften Verlusts ihres Kapitäns, Mats Hummels startet der BVB kommende Saison einen neuen Versuch, die großen Bayern zu ärgern.


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Im Stadion am Böllenfalltor scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

Darmstadt überrascht auch im Oberhaus

Nach dem sensationellen Aufstieg in die Bundesliga wurde Darmstadt 98 vor der neuen Saison direkt zum ersten  Abstiegskandidaten ernannt. Zu wenig Geld und dadurch auch zu schlechtes  Spielermaterial, um in der Bundesliga Fuß zu fassen, lautete der allgemeine Tenor. Trainer Dirk Schuster schaffte es jedoch, das bestmögliche aus seinem Team herauszuholen. Der Fußball der Darmstädter kann zwar wahrlich nicht als schön oder ansehnlich bezeichnet werden, aber er stellte sich als effektiv heraus. Mit viel Kampf und Leidenschaft holten die Hessen 38 Punkte und hatten damit schon einen Spieltag vor Schluss den Klassenerhalt geschafft.

Ein paar unnötige Nebengeräusche verursachte Sandro Wagner, Stürmer der Hessen. In einem Bild-Interview sprach er davon, dass Fußballprofis in Deutschland „eher zu wenig“ Geld verdienen. Eine gewagte These, wenn man bedenkt, welch kometenhaften Aufstieg der Fußball in den letzten zehn Jahren zu verzeichnen hatte. Es fließen immer mehr Gelder in den Sport mit dem runden Leder, Ablösesummen steigen auf kaum vorstellbare Höhen und auch die Spieler profitieren mit traumhaften Gehältern in sieben- oder sogar achtstelliger Höhe. Da ist es nicht verwunderlich, dass Wagner seinen Abschied aus Darmstadt verkündet hat. Vielleicht bekommt er ja woanders die in seinen Augen angemessene Bezahlung. Nicht, dass er noch am Hungertuch nagen muss.

Dramatischer Abstiegskampf und Opa Claudio

Wer Spannung in der Bundesliga suchte, der schaute am Ende der Saison vor allem auf den Abstiegskampf. Zwei Spieltage vor Schluss hatten acht Vereine den Klassenerhalt theoretisch noch nicht in der Tasche. Einzig Hannover 96 stand bereits früh als erster Absteiger fest. Am letzten Spieltag kämpften dann mit Eintracht Frankfurt (36 Punkte), Werder Bremen (35 Punkte) und dem VfB Stuttgart (33 Punkte) noch drei Traditionsvereine um den Ligaverbleib.

Am Ende mussten die Stuttgarter den bitteren Gang in die zweite Liga antreten. Bereits seit dem Gewinn des Meistertitels 2007 geht es bei den Schwaben stetig bergab. 2009 erhielt der VfB noch über 30 Millionen für den Verkauf von Torjäger Mario Gomez, dieses Geld wurde allerdings nicht effektiv in neue Spieler investiert. In dieser Saison wirkte der Kader wieder einmal nicht gut zusammengestellt. Dennoch hatten die Schwaben acht Spieltage vor Schluss acht Punkte Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz. In der Schlussphase der Saison kam dann aber nur noch ein einziger Zähler hinzu. Die Folge ist der verdiente Abstieg.

Den Kopf noch einmal aus der Schlinge gezogen haben im Gegensatz dazu die Bremer. Drei Spieltage vor Schluss lagen sie noch mit 31 Punkten auf dem Relegationsplatz 16. Dann kam der 6:2 Kantersieg gegen Stuttgart im ersten Montagsspiel seit gut 15 Jahren. Insgesamt holte Werder sieben Zähler aus den letzten drei Spielen, zum Schluss auch noch einen 1:0 Erfolg im direkten Duell mit Frankfurt. Als in der 88. Spielminute der nicht mehr erwartete Siegtreffer für die Bremer fiel, brach im Weserstadion ein Jubelsturm los. Frankfurt war dagegen am Boden.

Großen Anteil am Bremer Klassenerhalt  hat der Oldie im Team. Claudio Pizarro wurde im September bereits zum dritten Mal an die Weser geholt. Der fast 38-jährige dankte es den verantwortlichen mit 14 Treffern. Pizarro war damit der erfolgreichste Bremer Torschütze. Fast logisch, dass „Pizza“ noch ein Jahr weitermachen darf.

Fader Beigeschmack im Relegationsduell

In der Relegation wurde nicht nur auf dem Rasen ausgeteilt. Eintracht Frankfurt konnte den Abstieg mit einem 1:0 im Rückspiel beim 1. FC Nürnberg noch einmal abwenden. Dieser Erfolg kam  jedoch nicht zu Stande, weil Frankfurt eine starke Leistung bot. Mit destruktiven Mauerfußball zeigt die Franken, warum sie lieber noch ein Jahr im Unterhaus bleiben sollten. Ein unnötiger Nebenkriegsschauplatz waren Nürnberger Aussagen zur Tumor-Erkrankung von Frankfurts Marko Russ. „Ich glaube wenn einer wirklich schwer krank ist, dann kann er heute kein Fußball spielen“, sagte Nürnbergs Kapitän Schäfer. Für noch mehr mediale Kritik sorgte die Aussage von Nürnbergs Coach René Weiler: „Ich finde, der Fußball darf auch nicht hinhalten für irgendwelche  Inszenierungen“. Diese Statements standen mehr im medialen Fokus als die beiden mageren Partien. Die beiden Vereine werden sicherlich kein Freundschaftsspiel für die Sommerpause verabreden.

Fotos: Philipp Nicolay