In der virtuellen Realität

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Dicke Bücher belasten den Rücken, im Kino zahlt man für Überlänge drauf. Zeit ist Geld – im wahrsten Sinne. Wofür also die knappe Freizeit verwenden? Wir lesen, spielen und schauen für euch – nach zwei Stunden hören wir auf. Entweder, weil wir fertig sind oder weil die Zeit um ist. Heute hängen wir in der virtuellen Realität rum. Der Wecker ist gestellt, los geht’s:

Schnelldurchlauf

Mittendrin statt nur dabei: Mit einer Virtual-Reality-Brille werden Chatrooms, Google Streetview und Urlaubsfotos wieder zu einem Erlebnis. Eben noch vom Eiffelturm herunter geschaut, schon stehe ich vor den Pyramiden Ägyptens oder betrüge meine Ehefrau mit der Putzkraft. Warte, was? Oh ja, auch an Pornos mangelt es in der virtuellen Realität nicht.

Die Brille, die ich zwei Stunden lang teste, funktioniert über ein Samsung Handy. Ich brauche keine Joysticks oder Sensoren: Das Handy wird Vorne an die Brille gesteckt und los gehts. Die Navigation in der Brille erfolgt über meine Augen und ein kleines Touchfeld an der Seite. Was ich ansehe, wird fokussiert und per Klick auf die Brille ausgewählt. Durch das Menü scrolle ich über die Touchbedienung.

Mit VR-Bilder auf der Tanzfläche

Mit VR-Brille auf der virtuellen Tanzfläche.

Die meiste Zeit sitze ich auf einem drehbaren Schreibtischstuhl, damit ich mich nicht an der Wand stoße, wenn ich mich nach dem Meer oder dem DJ auf der virtuellen Party umdrehe. Als kleine Challenge habe ich mich auch daran versucht, mit der Brille frei im Raum zu stehen. Dazu zwei Worte: Doofe Idee.

Kurzweilig

Bilder, in denen man sich beim bloßen Ansehen schon verliert sind in der virtuellen Realität noch viel eindrucksvoller. Ich stehe am Strand, auf einer Sommerwiese bei sternenklarer Nacht oder sehe mir Graffitikunst in Seitenstraßen von New York an. Dazu ein bisschen Gedudel in den Ohren und mein Kopf schaltet ab. Entspannung pur.

Langatmig

Dieses verdammte Bedienfeld, daran muss man sich wirklich noch gewöhnen. Viermal versuche ich, bei Google Maps weiter Richtung TU Bibliothek zu laufen. Eigentlich muss ich dafür nur über das Bedienfeld seitlich an der Brille streichen, doch ich finde mich immer wieder näher am Parkplatz wieder als zuvor. Auch beim Versuch, die Adresse einzugeben, krieg ich die Krise: Auf einem Eingabefeld muss ich die Buchstaben ansehen und sie per Klick auf eine Taste an der Brille auswählen. Nackenverrenkungen sind da vorprogrammiert. Die Spracheingabe versagt natürlich völlig, denn aus „Dortmund University“ wird „Door moon you diversity“. Als es dann aber endlich klappt, erfreue ich mich daran, virtuell auf dem Campus zu stehen.

Momentaufnahme

Ein Blick in den schottischen See Loch Ness

Dank VR in einem fremden Körper: Was baumelt denn da unten?

Ich blicke an mir herunter, während eine blonde Frau sich dafür entschuldigt, den Staubsauger kaputt gemacht zu haben. Sie steht vor mir, völlig verzweifelt und beist sich auf die Unterlippe. Ich sitze auf einer Couch, trage ein weißes Hemd und eine schwarze Krawatte. Und ich habe eine riesige Beule in meiner Anzughose. Während die Blondine beginnt, sich als Entschuldigung für ihre Tollpatschigkeit auszuziehen, begreife ich, dass ich in diesem Porno wohl in die Rolle eines verheirateten Mannes geschlüpft bin. Trotz ihrer grottigen Schauspielkunst wirkt die Pornodarstellerin durch die Brille erschreckend echt. Ich sehe mir selbst zu, wie ich auf ihren nackten Hintern schlage, den Ehering noch am Finger. Herrje, ist mein Penis riesig! Den ganzen „Film“ über sitzt der Mann, den ich verkörpere auf der Couch, während die Blondine alle möglichen Körperöffnungen präsentiert. Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich schwören, in diesem Moment tatsächlich mit ihr in einem Raum zu sein. Eine Revolution für die Pornoindustrie. Dank Kamerafunktion können paranoide VR-Nutzer sogar regelmäßig checken, ob sie noch immer alleine im Zimmer sind.

Zeit um

..und ich bin kurz verwirrt, noch immer in der Studentenbude des Freundes zu hocken, von dem ich die Brille geliehen habe. War ich nicht eben noch vor dem Kolosseum in Rom? In den zwei Stunden habe ich allerhand Dinge erlebt: Ich habe wunderschöne Orte besucht, war in einer Gefängniszelle eingesperrt, habe mit einem anderen VR-Nutzer gequatscht und sogar in einem Porno mitgespielt. Ich bin durch einen Partysaal geschwebt, habe eine Museumsführung mitgemacht und auf einer verschneiten Hütte in den Bergen die Netflix-Playlist ausgecheckt. Ein kleiner Blick auf eine Technologie, die unfassbare Möglichkeiten bietet und schon jetzt so gut ist! Trotzdem bin ich nach zwei Stunden froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Ein bisschen verschickt sie einen eben doch, die virtuelle Realität.

Teaserbild: Jasmin Assadsolimani
Beitragsbilder: Marie-Louise Timcke