Fliegende Jäger auf dem Campus

Jäger Wolfgang Teichert mit seinem Bussard Henri. Foto: Martin Nefzger

Wenn Wolfgang Teichert auf die Jagd geht, ist einer stets dabei: sein treuer Begleiter Henri. Der rund 50 Zentimeter große Wüstenbussard ersetzt für Teichert das Gewehr, bei der sogenannten stillen Jagd fängt der Vogel die Beute. Und das auch am Campus der TU, denn hier sind Teichert und Henri für die Bekämpfung der sich zu stark vermehrenden Kaninchen zuständig.

Fast bewegungslos stehen drei Männer um einen kleinen Hügel voller Büsche und Gestrüpp auf dem Feld hinter dem Studentendorf, direkt am Campus Nord der TU. Aus der Ferne sind vorbeifahrende Autos und die Stimmen der vielen Menschen zu hören, die sich wie jeden Samstag auf dem Flohmarkt an der Universität tummeln. Doch Wolfgang Teichert, Ludwig Rampsel und Frederik Kowatsch bleiben ruhig. Sie sind auf der Jagd, suchen auf den freien Flächen der Universität nach Kaninchen. Mit ihrer grün-braunen Kluft, den Ledertaschen und dicken Stiefeln erfüllen die drei das Jäger-Klischee.

Doch im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen tragen sie keine Gewehre bei sich. Jeder von ihnen hat einen dicken, abgewetzten Lederhandschuh über den Arm gezogen. Darauf thronen drei Wüstenbussarde. Diese ersetzen bei der Jagd die Waffen. Die schwarz-braun-weiß gefiederten Vögel blicken hochkonzentriert auf die Erhöhung zwischen ihnen. Ihre Muskeln sind angespannt, sie sind jederzeit zum Abflug bereit.

Kaninchenjagd am Campus

Teichert ist dafür zuständig, die Kaninchenpopulation auf dem Gelände der TU und der FH in Schach zu halten. Er und seine Jagdfreunde, die ihn gelegentlich auch auf dem Campus begleiten, haben sich bewusst für die Jagd mit den zirka 50 Zentimeter großen Vögeln entschieden. „Wir jagen nicht mit Flinten, wir sind Gegner davon“, sagt Ludwig Rampsel. „Es kann ja vorkommen, dass ein Kaninchen nur angeschossen wird, dann in den Bau flieht und dort elendig stirbt. Das wollen wir nicht. Wenn der Vogel ein Kaninchen nicht erwischt hat, lassen wir es in Ruhe.“

Und genau das passiert an dem kleinen Hügel, an dem sich die drei Männer auf die Lauer gelegt haben. Ein Kaninchen huscht blitzschnell aus seinem Bau. Laut ruft einer der Männer „Kaninchen“, um seine Kollegen darauf aufmerksam zu machen. Doch bevor einer der Jäger seinen Greifvogel auch nur losschicken kann, ist es schon wieder in einem anderen Loch verschwunden.

Um die Kaninchen aus ihren Bauten zu treiben, hat jeder der Jäger ein Frettchen dabei. In den engen Kaninchentunneln suchen die kleinen Tiere nach Beute und jagen diese hinaus. Dann sind die Greifvögel an der Reihe. Diese fangen die Kaninchen, dann erlegt der Jäger sie mit einem Messer. „In der Natur erlegt der Vogel seine Beute selbst“, erklärt Teichert. „Aber das kann bis zu einer halben Stunde dauern. Und damit die Kaninchen keine unnötigen Schmerzen haben, muss der Jäger sie laut Tierschutzgesetz so schnell wie möglich erlösen.“ Doch an diesem Samstag will es einfach nicht klappen. Nach einiger Zeit geben die drei Männer ihre Stellung um den Hügel auf und machen sich über das struppige Gras auf den Weg zu den Gebäuden der Fachhochschule an der Emil-Figge-Straße, um dort nach Beute zu suchen.

Ein paar Mal im Jahr brechen die drei gemeinsam zur Jagd auf, sonst ist Wolfgang Teichert allein unterwegs. Häufig auf dem Campus. Aber auch in Parks und auf Friedhöfen ist er anzutreffen. An öffentlichen Orten bietet sich die sogenannte „lautlose Jagd“ besonders an, da sie Passanten nicht aufschreckt. An Schusswaffen wäre hier nicht zu denken, die sind auch an der Universität tabu. Trotzdem müssen die Kaninchen bekämpft werden, denn sie richten teils große Schäden an. „Es ist nicht nur der Verbiss an den Pflanzen, sondern vor allem die Graberei“, sagt Teichert. „Die Gebäude hier sind ja alle unterirdisch verbunden. Und wenn die sich da an den Versorgungsschächten zu schaffen machen, gibt‘s Probleme.“

Zuschauer bei der Jagd

Oft werden Wolfgang Teichert und sein Bussard Henri bei ihrer Arbeit von Schaulustigen begleitet. Passanten bleiben stehen und beobachten das Geschehen aus der Ferne. Manche trauen sich auch näher heran, fragen die Männer nach den Vögeln und der Jagd. Gestört fühlen sich Teichert und seine Kollegen davon nicht. Sie haben sich an die Zuschauer gewöhnt. Auch an diesem Samstag werden die drei Männer interessiert beobachtet. Davon unbeeindruckt lässt Teichert auf dem Weg zur Fachhochschule seinen Vogel los. Der fliegt einige Meter davon und setzt sich auf einen Baum. Von oben überblickt Henri alles. Er ist bereit loszuschlagen, sollte Beute auftauchen. Um diese aufzuscheuchen, schlagen die drei Männer mit Stöcken auf die Büsche am Wegrand ein. „Bei den Kaninchen ist es wie bei uns Menschen“, sagt Rampsel, während er sich an einem kniehohen Strauch zu schaffen macht. „Manche sind richtige Schisser und rennen sofort los, wenn man sie erschreckt. Andere sind ganz abgebrüht und bleiben einfach sitzen.“

Ludwig Raspel und sein Wüstenbussard

An der Fachhochschule angekommen, entdeckt Teichert einen vielversprechenden Platz. Dickes Gestrüpp bedeckt den Boden, dazwischen wachsen vereinzelt größere Büsche. „Wollen wir hier frettieren?“, fragt er seine Kollegen. Sie sind einverstanden. Teichert holt Mukkel, sein weißes Frettchen, aus der Tasche und setzt es auf den Boden. Es macht sich sofort an die Arbeit und sucht in den Bauten nach Kaninchen. Wenige Minuten später steckt Mukkel auf der anderen Seite der Büsche seinen Kopf ins Freie. Gefunden hat er nichts.

Tote Kücken als Trost

So läuft es an diesem Tag noch viele Male. Die Männer durchsuchen das Gebüsch, frettieren immer wieder. Einige Male zeigen sich sogar Kaninchen, doch sie sind immer zu schnell im nächsten Bau verschwunden. „Das ist an manchen Tagen so“, sagt Teichert. „Die Jagd mit dem Vogel ist nicht so erfolgreich wie mit der Waffe, aber du gefährdest auch keinen.“ Dennoch erlege er mehr als 150 Kaninchen pro Jahr – und das nur am Campus. Doch an diesem Tag bleiben die Männer erfolglos. Mit der Zeit werden die Bussarde immer unruhiger. „Wenn Henri vier oder fünf Mal geflogen ist und nichts erwischt hat, wird er stinkig“, erzählt Teichert. Dann lässt er sich nicht einmal mehr durch die toten Küken zufriedenstellen, die ihm sein Besitzer ab und zu gibt. Zwar zerfleischt er sie genüsslich, doch ein echter Jagderfolg wäre ihm lieber – und den anderen Beteiligten auch.