Ein Geflüchteter packt an

Projekt Ankommen (62) bearb pl  

Er kam mit dem Boot. Fast ein Jahr ist das her. Esmail, der vor zwei Wochen 21 Jahre alt geworden ist, erzählt das, als würde er über seinen letzten Einkauf sprechen. Wahrscheinlich hat er es schon hundertmal erzählt. In Flüchtlingscamps, bei Freunden, bei Wohnungsbesichtigungen. Seit einem halben Jahr lebt er in Dortmund – und hilft anderen Flüchtlingen dabei, hier anzukommen.

Wir fliehen aus Syrien nicht nur vor dem IS“, sagt Esmail in flüssigem Englisch. Seine Stimme hallt in der leeren Wohnung, in der er steht. Ein Mann aus Syrien soll hier einziehen, auf diese Quadratmeter, die keinen Boden haben. Esmail hilft bei der Organisation seines Umzugs. Er hat Alena Mörtl, eine der Gründerinnen des Projekts Ankommen, das Flüchtlingen in Dortmund Starthilfe gibt, in die Wohnung begleitet. Das Projekt Ankommen half ihm selbst vor etwa einem halben Jahr. Er wohnte bei einer Ehrenamtlichen und bekam Hilfe beim Umzug.

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Die Wohnung, in die der syrische Familienvater einziehen soll, ist leer.

„Die Stadt, aus der ich komme, gehört mittlerweile ISIS“, erzählt Esmail weiter. „Zwei meiner Cousins sind bei einem US-Bombenangriff gestorben.“ Sie haben sie in dem zertrümmerten Haus einfach nicht wiedergefunden. Esmails weiche Gesichtszüge werden ernst. Seine Geschichte ist eine von vielen, die Flüchtlinge seit Jahren nach Deutschland bringen. 

Der Krieg in Syrien

Es ist eine Geschichte, die ihren Beginn spätestens im völkerrechtswidrigen Irak-Krieg der USA hat und in einer von finanziellen Interessen geleiteten Politik der „westlichen“ Länder. Eine Geschichte von vielen, die den Krieg in Syrien nach Deutschland bringt, vor die Haustür, nach Dortmund. Und in diesem Fall: in eine leere Wohnung in der Nordstadt, in die ein Familienvater einziehen soll. Zunächst ohne seine Familie. Denn die ist noch in Syrien. Auch Esmails Mutter ist noch dort. „Ich vermisse meine Mama“, sagt er einmal und lacht dabei. Er ist Tausende von Kilometern von ihr entfernt. Er hält es aus.

Esmail und Alena Mörtl von Projekt Ankommen bei einem Beratungstermin. Esmail übersetzt, was die Frau aus Syrien gesagt hat.

Esmail und Alena Mörtl vom Projekt Ankommen bei einem Beratungstermin. Esmail übersetzt, was die Frau aus Syrien sagt.

In Dortmund hilft Esmail seit einiger Zeit bei der Organisation von Umzügen anderer Flüchtlinge mit, stellt Kontakte zu Hilfesuchenden her und dolmetscht bei Terminen wie diesem. „Meine Familie kommt in einem Monat“, sagt der Mann, der die Wohnung bekommen hat. Er spricht leise. Etwa 45 Quadratmeter sind es, zurzeit noch ohne Boden und Tapeten und ohne Möbel. Knapp 1200 Euro bekommen Flüchtlinge wie er vom Sozialamt, um die Wohnung einzurichten. Wenn der Vermieter ein Dokument unterschreibt, das die Wohnung als renovierungsbedürftig beschreibt, hilft die Stadt bei der Renovierung ebenfalls finanziell.

Zustand ist „normal“

Leider ist so ein Zustand der Wohnungen normal“, sagt Alena Mörtl. „Da kann man froh sein, wenn ein Boden drin ist.“ Und wenn man Hilfe beim Einzug bekommt – denn all die Organisation im Hintergrund ist nicht ohne. Esmail geht mit dem Mann durch die Räume, sie besprechen auf Arabisch, welche Möbel gebraucht werden, ob in das kleine Zimmer, in dem die Kinder wohnen sollen, besser ein Stockbett oder zwei kleine Betten kommen sollen. Im Wohnzimmer stehen bislang ein Sessel und ein Tisch. Seine Zigaretten drückt der junge Vater in einem leeren Teelicht aus. Und er schläft aktuell noch bei einer Dortmunder Familie. Ein Bett gibt es noch nicht.

Sein Zigaretten drückt der Mann in einem leeren Teelicht aus.

Seine Zigaretten drückt der Mann in einem leeren Teelicht aus.

So Organisationskram“, sagt Esmail später, „hat mir schon immer gelegen.“ Schon als Junge half er in Syrien seinem Vater bei der Verwaltung des familieneigenen Supermarktes. „Bei Umzügen schleppen kann ich aber nicht“, sagt er und lacht. Mit 19 fing er an BWL zu studieren. „Aber nur ein Semester“, sagt er. Denn dann begann seine Tortur: bei einer Demonstration gegen Assad schnappte ihn die Polizei, er kam ins Gefängnis. „Zehn Tage nur“, sagt Esmail. „Ich hatte Glück.“ Als er wieder draußen war, beschloss er zu fliehen.

Erste Station: Chemnitz

Über die Türkei und mit dem Boot nach Italien führte sein Weg nach Deutschland. Zuerst landete er in Chemnitz, im Osten der Republik. „Da habe ich keine schönen Erfahrungen gemacht“, erzählt Esmail. Andere, von denen er weiß, wurden dort auf der Straße angespuckt und beschimpft – oder Leute wechselten die Straßenseite. Ähnliche Erfahrungen machte auch er. „Die normale Bevölkerung“, erzählt Esmail über Chemnitz, „mag keine Nazis. Aber uns mag sie irgendwie auch nicht.“ Wer seine Freunde waren? Esmail lacht. „Die Antifa.“

Zu Besuch war er vor einem halben Jahr in Dortmund, es gefiel ihm. Er hatte schon Asyl bekommen und durfte deshalb ziehen, wohin er wollte. In Dortmund wohnte Esmail zunächst bei einer Mitarbeiterin des Projekts Ankommen, bevor er eine eigene Wohnung bekam. Wie viele andere, denen das Projekt Ankommen hilft, erzählt Alena Mörtl, habe Esmail aus Dankbarkeit seine eigene Hilfe angeboten. Morgens geht er zum Deutschkurs, nachmittags zum Praktikum zum Steuerberater, abends in ein spanisches Restaurant, um dort zu arbeiten. Er ist angekommen. Am Wochenende besucht er Menschen zu Hause. Leute, die das gleiche erlebt haben wie er. Und hilft ihnen dabei, dieses für sie neue Land zu verstehen.

Beitragsbilder: Hannah Schmidt

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