Eine Nacht mit Hemnes

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Dicke Bücher belasten den Rücken, im Kino zahlt man für Überlänge drauf. Zeit ist Geld – im wahrsten Sinne. Wofür also die knappe Freizeit verwenden? Wir lesen, spielen und schauen für euch – nach zwei Stunden hören wir auf. Entweder, weil wir fertig sind oder weil die Zeit um ist. Heute packen wir richtig an: Und zwar die Acht-Schubladen-Kommode Hemnes eines schwedischen Möbelherstellers. Der Wecker ist gestellt, los geht’s:

Schnelldurchlauf

Drei riesige Pakete. 160cm mal 50cm mal 10cm. 20 Kilo pro Brocken. Beim Öffnen: Holz. Ohne Ende Kiefernholz. Nach Tannenbaum riechendes Kiefernholz. Und fünf riesige Pakete voller Schrauben. Willkommen im Urstadium der schwedischen Hemnes-Kommode mit acht Schubladen.

Von dem Möbelstück angefixt war ich schon vor drei Jahren, als ich noch in einer WG wohnte. Riesengroß und wunderschön stand diese dunkelblaue Kommode in dem Zimmer meiner Mitbewohnerin. Und wie viel Platz darin war! Manchmal schlich ich mich heimlich in ihr Zimmer, nur um diese königliche 199-Euro-Kommode anzugucken … Seit April gibt es das Stück nicht mehr in der Farbe, dafür aber in „weiß gebeizt“. Und jetzt kleingeschnitten und  gestapelt in meinem Schlafzimmer.

Das Zusammenbauen war ein Akt, der erste Blick in die für Ikea erstaunlich große und umfangreiche Anleitung ein Schreck, und die einzelnen Bauteile kaum voneinander zu unterscheiden. Nach zwei Stunden war ich zwar nicht fertig – aber berauscht von einem Haufen Erfolgserlebnisse.

Foto-1

Die halbe Kommode. Äußerst wackelig.

Kurzweilig

Die Konstrukteure dieser Kommode haben die Anleitung für die Schubladen wohl mit einer ganz besonderen Absicht ganz ans Ende des Plans gesetzt: nicht weil die zusammengebauten acht Schubladen sicherlich unheimlich viel Platz wegnehmen würden, nein, sondern weil sie nach der Knochenarbeit vorher leichter von der Hand gehen als alles andere. Nach der dritten Schublade weiß man es auswendig: Bemaltes Teil nach unten, zwei Schrauben in die äußeren Löcher, jeweils zwei Holzstifte in die inneren Löcher der Seitenteile, draufstecken, festschrauben, Boden reinschieben, Rückwand drauf, alles auf die Seite drehen und – hämmern. Ein Wahnsinnsgefühl. Nicht schrauben und konstruieren und rätseln müssen, welches der zweihundert exakt gleich aussehenden Holzteile mit der schematischen Zeichnung auf der aktuellen Bedienungsanleitungs-Seite denn nun gemeint ist – sondern einfach die weißen Plastikstifte nehmen und beherzt in die vorgebohrten Löcher reinschlagen.

Langatmig

Das Schleppen. Das Auspacken. Das Anordnen der fünfhundert Holzteile in meinem kleinen Schlafzimmer. Der unfassbar viele und Platz raubende und nervige und sperrige Pappmüll. Ungelogen: Den Pappmüll nachher zu zerkleinern und zu entsorgen hat mich bestimmt genauso viel Zeit gekostet, wie die ganze Kommode vorher aufzubauen.

Und das Entziffern und Entschlüsseln der Bauanleitung. Die Zeit muss man sich bei dieser Kommode tatsächlich nehmen: Brille auf, alles beiseite, nur die Anleitung und ich. Wie viele Löcher sind da abgebildet? Sind die nebeneinander oder schräg untereinander? Aus welcher Perspektive ist das gezeichnet? Ist das da eine Rille im Brett oder ein Druckfehler?

Das Schwierigste war das Mittelkreuz der Kommode: die Seitenwände stehen, mit Schienen und allem, ein paar 1,60 Meter lange und sehr schmale Leisten sind schon draufgesteckt, und das ganze Gestell steht gefährlich wackelig mitten im Raum. Dann die Königsaufgabe: Drei übrig gebliebene unterschiedlich lange Leisten mit Schienen miteinander verbinden. Bei mir hat sich alles verzogen. Es passte zunächst trotzdem. Als ich es dann geschafft hatte, die massive 160cm mal 50cm große Holzplatte auf das Holzgerippe zu legen – und zwar so, dass alle Löcher und Schrauben exakt aufeinander passten –, war doch wieder alles schief. Die Platte saß, ja, aber dafür bog sich eine der langen Holzleisten am unteren Teil der Kommode gefährlich. Kurze Pause. Gucken. Überlegen. Alles einmal umdrehen. Nachdenken, ob ich eine Säge hole und das überstehende und alles verbiegende Holzteil einfach verkürze. Anleitung raus. Denken. In die Kommode kriechen. Es dauerte zwanzig Minuten, bis ich herausgefunden hatte, dass ich die Schienen im Mittelkreuz genau falsch herum angebracht hatte.

Momentaufnahme

Das erste Bild in der Bauanleitung: ein unglücklich dreinblickendes Strichmännchen, das sich mit einem großen Bauteil in den Händen offenbar erfolglos abmüht. Es ist durchgestrichen. Daneben: zwei lächelnde Strichmännchen, die zusammen arbeiten. Ein erster Rückschlag. Nach nur fünf Minuten. Ich identifizierte mich mit dem durchgestrichenen, traurigen Strichmännchen. Das entmutigt. Erste Reaktion: „Na toll.“ Plötzlich kamen mir die drei geöffneten, teils unter mein Bett geschobenen Pappkisten vor wie eine schier nicht allein zu bewältigende Aufgabe. Danke, Ikea, für diese wirkungsvollen Bilder. Jetzt noch alleine weiterzumachen erfordert auch mentale Stärke. Also Musik an. Schraubenzieher raus. Und schnell umblättern.

Zeit um

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Endlich fertig! Und vor Stolz fast geplatzt über dieses Ergebnis.

Von oben hämmert eine wütende Nachbarin auf ihren Fußboden. Ich war so vertieft, dass ich völlig die Zeit vergessen hatte. Und auch wie unfassbar müde ich eigentlich war. Und dass ich nichts zu Abend gegessen hatte. Plötzlich merke ich, dass meine Knie total wehtun, vom ständigen Sitzen und Herumrutschen auf dem harten Fußboden, dass ich Muskelkater in den Armen habe, und dass ich – meine Strümpfe voller Flusen – vorher hätte saugen sollen. Mein Werkzeug liegt im ganzen Zimmer verstreut (das beste Weihnachtsgeschenk, das ich mir vor einem Jahr hatte wünschen können: ein Werkzeugkasten), aus meinem Handy scheppert Freejazz vom Chris Speed Trio auf WDR3, es riecht nach Tannenbaum, und die Kommode – Respekt! – sieht schon aus wie eine Kommode! Berauscht von dieser Erkenntnis setze ich mich ehrfürchtig auf den Hintern. Zeit zu schlafen.

Fotos: Hannah Schmidt

2 Comments

  • Katharina Bachmann sagt:

    Ähm…habt ihr auch so zwei Bretter mit na Auskerbung über?

  • Katja sagt:

    Hi hannah 🙂 ich habe gerade das gleiche vor mit …was ein Akt ! Und warum sind nicht alle Bretter nummeriert? Bei mir halten die Schrauben nicht, die die Mittelwand mit den langen SeitenBrettern verbinden 🙂 ahhh

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