Aus der Industrie: Imagequatsch 2.0

Die Industrie 4.0 soll Fertigungprozesse miteinander vernetzen. Quelle:     Daimler

Die Industrie 4.0 soll Fertigungsprozesse und Kunden miteinander vernetzen. Quelle: Daimler

In Unternehmen und an Universitäten wird das Thema Industrie 4.0 immer heißer diskutiert. Doch was soll das eigentlich heißen „Vierpunktnull“? Ein Kommentar.

Der richtige Name wirkt manchmal Wunder: Die deutsche Industrie gerät ins Wanken, weil die Japaner inzwischen mehr coole Spielereien als wir erfinden und die Chinesen unseren „Made in Germany“-Qualitätsmarkt mit billigem Schund überschwemmen. Eine neue Marke muss her, ein neues Image. Kurzum: eine neue Industrie. Aber wie nennen?„Industrie Reloaded“? „Neoindustrie“? Oder doch lieber „Industrie Royal Ts Xl nano light“?

Nein „Industrie Vierpunktnull“ haben die Namensschöpfer dieses Phänomen genannt. „4.0“ das ist es. Digital. Elektronisch. Gut. Der Zusatz „.0“ ist wichtig. Sie suggeriert einen langen Evolutionsprozess der verschiedenen Versionen des betreffenden Subjekts. Aber auch eine gewisse Abgeschlossenheit. Lang entwickelt und endlich fertig.

Dabei ergibt „4.0“ überhaupt keinen Sinn, weil die drei Industrien vorher, deren Abgrenzung so manchem Schelm zusätzlich als reichlich konstruiert erscheinen mag, gar nicht mit 3.1, 3.2 etc. voneinander getrennt wurden. Das Anhängen der „.0“ ist also absolut überflüssig. Sie bietet gegenüber der einfachen „4“ keinerlei Informationsgehalt. Aber natürlich ist so was vollkommen egal, wenn dadurch Namen zehnmal so hip klingen. Beziehungsweise: 10.0-mal natürlich.

Und worum soll’s in dieser neuen Industrie gehen? „Vernetzung“ sagt der Infokasten unten. Heutzutage muss ja alles vernetzt sein. Selbst der Fernseher darf nicht mehr nur über die Fernbedienung, sondern muss auch über das Smartphone bedienbar sein. Warum? Naja, weil… weil es eben geht.

Wir sehen, es ergibt sich ein Muster: Vernetzung UND Dezimalstellen, das sind zwei Sachen die in den Coolness-Charts der Bevölkerung gerade ganz weit oben stehen.

Einfach alles .0

Das Tolle an dem neuen Image ist, dass die Anwendungsmöglichkeiten so vielfältig sind. Welche aus der Mode gekommenen Sachen ließen sich nicht durch ein einfaches Anhängen der coolen „.0“ und reichlichem Anpreisen der neuen „Vernetzung“ aus der Versenkung heben? Wie wäre es wenn sich die FDP jetzt FDP 5.0 nennen würde? Mit so einem Update schafft die Partei es mit ihren Zielen zur Digitalisierung vielleicht sogar mal wieder, die 5-Prozent-Hürde in den Bundestag nehmen.

Die Latzhose 6.0 würde die Modewelt im Sturm erobern. Statt zwei hat die dann gleich sechs Hosenträger, damit man sich auch mit den Hosen seiner Freunde vernetzen kann. Auch auf dem Campus darf das freshe Zahlenanhängsel nicht fehlen. Da wäre zum Beispiel die Unicard 8.0, die auch gleich mit dem eigenen Instagram-Account verknüpft ist und beim Bezahlvorgang automatisch hoch lädt, was man sich heute wieder für einen hipstermäßigen Nudel-Rucola-Salat in der Food Fakultät gekauft hat.

Und wenn der selbst von Studenten im zweistelligen Semesterbereich vergessene Teil der Uni in Südcampus 9.0 umbenannt wird, ist da vielleicht endlich mal wieder jemand unterwegs. Vorausgesetzt er ist genügend vernetzt. Mit H-Bahn, S-Bahn, Straßenbahn, Taxi, Flugzeug, X-Wing und Zeitmaschine.

Der Haken ist, dass das Ganze leider nur so lange gut geht, wie die „.0“-Namen auch hip sind. Danach landen die Latzhosen auf dem Müll und auf dem Südcampus ist auch kein Schwein mehr unterwegs. Aber bis dahin haben sich die Kreativen in der Industrie bestimmt was Neues einfallen lassen: „Industrie 42“, „log(4) Industrie“ oder „Industrie 4!“. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt.

 

Zum Hintergrund:

Bei der „Industrie 4.0 handelt es sich um eine Forschungsagenda, die im Jahr 2013 von der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften vorgestellt wurde. Die Bundesregierung setzt diese Forschungen um. Ziel der Industrie 4.0 soll eine hohe Individualisierung von Produkten in flexibleren Serienfertigungen sein. Kunden sollen direkt mit Unternehmen vernetzt werden, um so aktiv am Wertschöpfungsprozess teilzunehmen. Bisher sind 120 Millionen Euro des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und 80 Millionen Euro des Wirtschaftsministeriums in das Projekt geflossen.

Quelle: BMBF

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