… der allerletzte Tag

Von Anna Doernemann

Was wäre, wenn die Menschheit wirklich vor dem Aus stünde? Wenn Meteorologen, Geologen, Wissenschaftler aus aller Welt und Angela Merkel es ganz offiziell machten: Mit der Menschheit ist es morgen vorbei! Wirbelstürme, Tsunamis, extreme Wetterumschwünge rückten der Menschheit zu Leibe. Mach’s gut, Homo Sapiens! Wie würde ich dann meinen letzten Tag nutzen? Welche Vorkehrungen würde ich treffen, um zu versuchen, meine Existenz doch noch irgendwie zu sichern?

Mit einem Brief möchte Anna die Nachwelt informieren. Foto: Anna Doernemann

Mit einem Brief die Nachwelt informieren - das steht bei Anna ganz oben auf der To-Do-Liste. Fotos: Stefan Dierkes

Ich werde nicht gerne überrascht und schon gar nicht vom Untergang der Welt. Deswegen möchte ich, so gut es geht, vorbereitet sein. Gut, dass ich für jeden Notfall eine To-Do-Liste bereit habe. Ich wühle also kurz in meiner Schublade: „Last-minute-Geschenke-für-Freunde-Liste“, „Was-tun-wenn -ich-von-Aliens-entführt-werde-Liste“… Ah, da habe ich sie. Meine ganz persönliche „Was-ich-noch-vor-dem-Weltuntergang-tun-muss-Liste“. Zuallererst: einen Brief an die Nachwelt schreiben.

„Liebe Nachwelt! Ich heiße Anna und wollte, für den Fall, dass ich den morgigen Tag nicht überleben werde, Abschied nehmen und euch ein bisschen was von der Welt erzählen, wie ich sie erlebt habe…“. Ich kaue an meinem Kugelschreiber herum. Wie geht es jetzt weiter? Wie beschreibe ich „die Welt, wie ich sie erlebt habe“?

Toll, Anna! Das hast du wieder gut hinbekommen. Aber es ist  eine wirklich große Aufgabe, an die gesamte Nachwelt einen Brief zu schreiben! Eine starke Aussage sollte er haben, Pathos, eine Botschaft, Weisheit! Am Besten so geschrieben, dass er später in Museen als Fundstück ausgestellt wird. Das wäre es doch. Ein Brief von mir in einem Museum! Falls es dann noch Museen gibt und gesetzt den Fall, dass auch jemand meinen Brief findet.

Dosenfutter als Überlebensgarant

Mission "Futter for survival of the fittest“ abgeschlossen. Foto: Anna Doernemann

Mission "Futter for survival of the fittest“ abgeschlossen.

Ich mache besser später mit dem Brief weiter. Erst einmal sollte ich mich mit Nahrungsmitteln eindecken. Ich schwinge mich aufs Rad und fahre zum nächsten Supermarkt. Hätte ich mal mehr Taschen mitgenommen. Zu befürchten ist wohl, dass der Transport von Konserven und zig Rollen Toilettenpapier mit meinem Fahrrad nicht sonderlich gut funktionieren wird. Dann hole ich jetzt besser einen Einkaufswagen und rein in den Supermarkt.

Reihe für Reihe taste ich mich vor. Was brauche ich alles zum Überleben? Ich habe mal gelesen, dass man sich nur von Bananen ernähren kann und damit über Wochen überlebt. Ein Dutzend von ihnen packe ich also in den Einkaufswagen. Aber die verderben ja auch schnell. Jede Menge Konserven müssen her. Ravioli! Das ist doch was. Dann noch Kartoffeln, Gemüse, Suppen und andere konservierte Mahlzeiten in den Korb. Eine Mitarbeiterin guckt mich schon ganz argwöhnisch an, weil ich fast das komplette Regal mit den Konserven leer kaufe. Ich bezahle auch dafür! Keine Angst.

Mit vollgeladenem Wagen mache ich mich zur Kasse auf. Wie lang wird wohl erst der Kassenzettel? Sprechen wir darüber besser nicht. Nach gut zwei Stunden wäre die Mission „Futter for survival of the fittest“ abgeschlossen. Den Einkaufswagen habe ich einfach mit zu meinem Wohnheim geschoben und dann nach und nach die Einkäufe in meine Wohnung gehievt. Wie gut, dass es Aufzüge gibt.

Für den Fall der Fälle

Ich checke wieder meine „Was-ich-noch-vor-dem-Weltuntergang-tun-muss-Liste“. Abschiedsbrief ist noch in Arbeit, für das leibliche Überleben ist gesorgt. Nächster Punkt auf der Liste: Versicherung gegen den Weltuntergang abschließen. Ich setze mich ans Telefon und kontaktiere Versicherungen meines Vertrauens. Aber irgendwie scheint keiner der Mitarbeiter so wirklich zu verstehen, was ich von ihm möchte: „Eine Lebensversicherung, meinen Sie?“ Ich antworte zum gefühlten hundertsten Mal, mit bereits leicht genervter Stimme „Nein, KEINE Lebensversicherung, sondern eine Versicherung gegen einen eventuellen Weltuntergang“. Kein Wort mehr vom anderen Ende.

Unhöflich nenne ich so etwas. Ist es denn in Zeiten von Naturkatastrophen, Klimawandel, Kriegen und Dokusoaps mit Harald Glööcker und Lothar Matthäus so unrealistisch, dass die Welt untergehen könnte? Man wird ja wohl noch fragen dürfen. Dann muss das Internet eben helfen.

Und tatsächlich – mehrere, höchst seriös erscheinende Websites – bieten Versicherungen gegen den Weltuntergang an. Deckungssumme: eine Million US-Dollar. Auszahlung sogar schon 48 Stunden nach dem Weltuntergang und ein T-Shirt bekomme ich gleich mit dazu: „Ich überlebte den Weltuntergang 2012“ heißt es darauf. Weiter wirbt die Website mit dem vertrauensvollen Satz „Können Sie es sich leisten, diese Versicherung nicht zu haben?“ Also ich gehe lieber kein Risiko ein. Denn wie sagt man im Volksmund: unverhofft kommt oft! 48 Euro kostet der ganze Spaß. Bleibt nur zu hoffen, dass das Versicherungsunternehmen den Weltuntergang überlebt und mir im Fall der Fälle meine Millionen auszahlen kann.

Mit Noah um die Wette schippern

Noahs Arche als Rettung vor dem Weltuntergang? Foto: Anna Doernemann

Noahs Arche als Rettung vor dem Weltuntergang?

Zwei Punkte kann ich bereits abhaken. Ein gutes Gefühl ist das. Der nächste Punkt wird wohl der schwierigste sein: Einen Platz auf der Arche kriegen. Schließlich beinhaltet mein Weltuntergangsszenario auch eine große Flut, die mit der biblischen durchaus mithalten könnte. Wie komme ich an einen Platz? Wieder nutze ich das gute World Wide Web. Eine Versicherung konnte ich so bereits finden. Bei der Arche ist die Trefferquote da schon geringer. Nämlich gleich null. Ich finde zwar ein Survival-Angebot, das einen Platz auf der Arche beinhaltet, aber das ist natürlich schon abgelaufen. Das Angebot wäre so gut gewesen. Sogar eine Apfel-Flatrate gab es dazu! Muss also doch was an der Theorie dran sein, dass man mit Zufuhr von Obst überleben kann….

Na gut, dann baue ich mir eben selbst eine Arche! So schwer kann das nicht sein. Ein paar Holzbretter, ein paar Nägel. Ich mache mich auf zum Baumarkt. Ähnlich wie im Supermarkt gucken mich die Mitarbeiter mehr als verwirrt an. „Sie wollen eine Arche bauen? Eine Arche wie Noah?“, fragt der Mitarbeiter und starrt mich mit in Falten gelegter Stirn an.

Offensichtlich kommen nicht viele Kunden in den Baumarkt und bitten um Instruktionen für den Bau einer Arche. Schlussendlich verlasse ich den Baumarkt mit einer Rettungsweste unter dem Arm. Dann muss ich im Notfall eben gut schwimmen. Das Seepferdchen hab ich ja!

Ein Brief für die Nachwelt

Liebe Nachwelt, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man sich auf den Weltuntergang vorbereitet. Aber meine Liste habe ich so gut wie abgearbeitet. Den Punkt „Waffen besorgen“ finde ich dann doch sehr schwer abzuhaken. In Gedanken spiele ich durch, wie ich in einem Schützenverein einbreche oder ich gucke mal bei Amazon? Aber selbst der Morning-Express-Versand bringt mir in dem Fall nichts mehr. Muss ich wohl auf Schusswaffen verzichten. Und falls ich doch von wilden Tieren oder verzweifelten Menschen angegriffen werden sollte, tut’s wohl auch ein Küchenmesser. Oder ich benutze einfach meine Fäuste.

Jetzt sitze ich in meinem Wohnheim-Zimmerchen und schaue mir meine Errungenschaften an: Jede Menge Essen, die Rechnung der Versicherung, eine Rettungsweste, mein Küchenmesser und der angefangene Brief. Ein bisschen armselig scheint mir meine Ausbeute doch zu sein. Ich habe nichts Aufregendes oder Verrücktes gemacht; stattdessen habe ich Toilettenpapier und Konserven gekauft und mich mit Versicherungskaufleuten gestritten. Aber es ist glücklicherweise auch nur ein rein fiktives Szenario, auf das ich mich vorbereitet habe. Den Brief möchte ich dennoch zu Ende schreiben, um meine Liste auch wirklich vollständig abgearbeitet zu haben:

Vorräte sind ein Muss, um für das Ende der Welt gewappnet zu sein. Foto: Anna Doernemann

Vorräte für und bis zum Ende der Welt.

„Liebe Nachwelt, ich heiße Anna und habe mir vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn morgen die Welt unterginge. Keine schöne Vorstellung war das und reichlich unvorbereitet kam ich mir trotz To-Do-Liste auch vor. Wenn ihr also in der Zukunft vor so einem Dilemma stehen solltet, bereitet euch besser vor! Aber wirklich: Wie bereitet man sich richtig oder besser auf so eine Ausnahmesituation vor? Da wird jeder seine eigenen Ideen und Maßnahmen im Kopf haben. Ich würde meinen letzten Tag wohl mit den Menschen verbringen, die mir am wichtigsten sind: Meine Katzen, Oma und die Crew vom Traumschiff. Nein, mal im Ernst. Was würdest du tun, liebe Nachwelt?“

Fertig. Ich lege den Stift beiseite und überfliege den Brief noch einmal. Ich für meinen Teil jedenfalls habe für heute genug vom Weltuntergang. Und sollte das Ende der Welt wirklich einmal nahen, habe ich zumindest genug Klopapier im Haus.