… in den Religionen

Vielleicht verpufft der Erdball einfach – so als wäre dieser Ort des Alls schon immer zappenduster und leblos gewesen. Die Betonbauten fallen zusammen, Putz und Kunst rieseln ins Universum und der Winzling Mensch ist auf einen Schlag Geschichte. Doch seit der Mensch ist, strickt er sich Netze. Ist doch klug – eine Lebensversicherung, die über das Ende hinausgeht. Die Weltreligionen pinseln große Szenarien mit schaurigen Figuren. Kommt es dann hart auf hart, wiegt sich der Glaubende in seinem religiösen Netz und schaukelt hoffentlich gelassen gen Paradies.

Im Hinduismus ist Kali die Göttin des Todes und der Erneuerung. Foto: Nataraja/GNU

Im Hinduismus ist Kali die Göttin des Todes und der Erneuerung. Foto: Nataraja/GNU

Kali trägt eine Kette aus Schädeln. Fein säuberlich sind sie hintereinander aufgereiht wie eine Girlande, nur nicht so bunt. Ihre rechte Hand reißt einen abgeschlagenen Kopf in die Luft, ihr linker Arm umklammert eine silbern-schillernde Sichel. Wahnsinnig streckt Kali ihre lange Zunge heraus. Auf der gekräuselten Stirn prangt ein drittes Auge.

Mit der Sichel kappt Kali alle Stricke, die den Menschen an der Erlösung hindern. Ihre Seelen wandern von Körper zu Körper und laden bei jeder Wiedergeburt einen Teil ihrer Sünden ab.

Gerade schlagen die Menschen sich durch das Kali Yuga, das schlimmste aller Weltalter. Vier hat der Hinduismus in Petto, eins fürchterlicher als das andere. Bis obenhin beladen mit schlechtem Karma wandern die menschlichen Seelen durch die Zeitalter und schlüpfen immer wieder in neue Körper. Wenn der Hinduist aus dem Kreislauf der Wiedergeburten tritt, erfährt er das höchste Glück im Nirwana – denn sein Geist kommt endlich zur Ruhe.

Modrige Werte

Das letzte Zeitalter – in dem die Dummheit wie Unkraut aus dem Boden schießt und die Menschen modrige Werte hochalten – endet in einem kosmischen Feuer. Glühende Sonnen verbrennen die Erde und trocknen die Meere aus. Doch im Hinduismus bleibt es nicht dunkel, aus der Nacht erwächst eine neue Welt, die die vier Zeitalter von Neuem durchschreitet. Der Hinduismus malt Kreise, keine Linien. Kein Grund also zur Panik.

Juden, Christen und Muslime denken dagegen geradeaus, am Beginn und Ende der Welt gibt es nichts mehr zu rütteln. Trotzdem sind da durchaus Nuancen, wie die Religionen das Weltende konkret auslegen.

Wer auf die jüdische Geschichte zurückblickt, versteht, wieso das Judentum daran glaubt, dass Gott das Volk Israel – also alle Juden – wieder vereint. Der Sklavendienst im alten Ägypten, die babylonische Gefangenschaft oder der Holocaust – all die barbarischen Gräueltaten der Geschichte zerstreuten die Juden gewaltsam in die Fremde. Zwischen dem Jetzt und der kommenden Zeit – dem  Sieg der Juden über ihre Feinde – klafft also ein breiter Graben.

Ungläubige kommen in den Feuersee

Das Weltende ist gleichzeitig der Tag Jahwes. Dahin blickt der Glaubende im Judentum – er bereitet sich auf das Endgericht vor und befolgt den Tanach, die hebräische Bibel. In seinem Kopf flackert der Leitsatz: „Erfülle ich meinen Part, erfüllt Gott ihn auch und mein Name steht mit im Buch des Lebens.“ Und wer dort nicht gelistet ist, fliegt in den Feuersee. An einen Weltuntergang durch Terror, Kriege und Naturkatastrophen glauben die Juden nicht.

Was im Judentum klar konturiert ist, verschwimmt im Christentum wieder: Unser irdisches Leben und das zukünftige verlaufen wie nasse Konturen. Das Reich Gottes wirkt auf beiden Ebenen, in der Welt des menschlichen Begreifens und darüber hinaus. Der Mensch ist schon im Hier und Jetzt gefordert und soll sich nicht im stillen Kämmerlein auf das Endgericht vorbereiten. Er soll die Ethik Jesu im Alltag umsetzen, sich sozial engagieren und selbstbestimmt handeln. Doch dass die Schöpfung der Welt ein Ziel erfährt, liegt einzig und allein in der Hand Gottes. Und wie immer wartet das Happy End: Jesus kehrt am Ende der Zeit zurück und macht dem Antichristen den Gar aus. Wenn die Erde bebt und austrocknet, Politik und Werte zusammenbrechen und Seuchen das Leben ausrotten, reibt sich das Jüngste Gericht langsam die Hände.

Daddschal leitet das Weltende ein

Die Muslime warten nicht auf Jesus, sondern auf Mahdi. Und auch auf diesen Mann ist Verlass. Bevor er auf die Erde kommt und die Menschen befreit, ist das Leben auf der Welt schon lange eine feuchtfröhliche Party. Daddschal – ein dickes Ungeheuer mit einem Auge und sabberndem Schlund – predigt von der Lust als höchstes Gut und täuscht die Muslime. Alkohol, Glücksspiel und Sex steigen auf zu den drei großen Dreh- und Angelpunkten des Lebens. Es ist auch Daddschal, der das Weltende einleitet. Geleitet von Allah beendet Mahdi diese Orgie und führt die Muslime in das goldene Zeitalter. Alles ist gut, der Glaube gedeiht wieder. Doch der Höhepunkt ist die Rückkehr Jesu, mit ihm gehen die Ungläubigen. Alle drei Religionen verbindet also der Glaube an eine Auswahl, die die Spreu vom Weizen trennt.

Weltuntergang verschoben

Ginge es nach den Zeugen Jehovas, wäre die Welt schon einige Male im Tiefschwarz des Universums untergegangen: 1914, 1925, 1975 … Aber es blieb jedes Mal alles beim Alten, die Erde überlebte jedes dieser Jahre. Deshalb rudert ihr Sprecher in Dortmund, Michael Krenzer, jetzt zurück: „Mittlerweile sehen wir die Voraussagen kritisch. Etwas, das man sich wünscht, versucht man oft herbeizuzwingen.“ Die Zeugen Jehovas glauben an eine Endschlacht, die nur sie überleben. Gott schaltet und waltet und neben ihm splittert die Menschheit in zwei Gruppen.

Die Zeugen Jehovas haben in der Johannes-Apokalypse gelesen: „Und ich hörte die Zahl derer, die versiegelt wurden: hundertvierundvierzigtausend, die versiegelt waren aus allen Stämmen Israels“(Apc 7,4)/ „Und ich sah, und siehe, das Lamm stand auf dem Berg Zion und mit ihm hundertvierundvierzigtausend, die hatten seinen Namen und den Namen seines Vaters geschrieben auf ihrer Stirn“ (Apc 14,1). Deshalb regieren genau 144.000 Zeugen mit Christus im paradiesisch-grünen Königreich und der Rest von ihnen vertreibt sich ewig unten auf der gereinigten Erde seine Zeit.

Letztendlich ist der Glaube doch gut, solange er den Menschen nicht einschnürt und andere Blickwinkel aushält. Vielleicht stirbt mit unserem Tod auch unsere Seele. Ohne Tara und Klimbim, ganz bescheiden. Solange bis die Hybris des Menschen die letzte Kugel versenkt.

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