Bitte, noch eine Geschichte!

„Wie damals, wenn Mama auf der Bettkante saß und Gute-Nacht-Geschichten vorlas“, sagt jemand im Publikum. „Psst!“, drehen sich Sitznachbarn um und strafen den Vorlauten mit bösen Blicken. Über 100 Gäste sind der Einladung des WDR-Sprecherensembles gefolgt, am bundesweiten Vorlesetag den Freitagabend in der Dortmunder Stadtbibliothek zu verbringen. Bei Geschichten von Liebe, Freundschaft und Familie.

Verträumtes Publikum: Mehr als 100 Gäste in der Rotunde der Stadtbibliothek Dortmund. Foto: Alexander Greven . Foto: Alexander Greven

Verträumtes Publikum: Mehr als 100 Gäste in der Rotunde der Stadtbibliothek Dortmund. Teaserfoto und Foto: Alexander Greven

Manche sind gerade 16, viele Mitte 20, ein Großteil der Zuschauer ist über 40 Jahre alt. Ein paar haben sich schick gemacht, andere lümmeln sich im bequemen Pulli in ihren Stuhl. Viele schließen entspannt die Augen und einigen steht der Mund offen. Sie haben ganz vergessen, dass sie gerade nicht im eigenen Wohnzimmer sitzen. Sie lauschen.

Was alle Gäste an diesem Abend eint, ist die Liebe zum „laut gelesenen Wort“, so bringt es die WDR5-Moderatorin Stefanie Junker auf den Punkt. Sie hat die Zuhörer am Radio und ihre Gäste vor Ort durch die zweistündige Abschlussveranstaltung des sechsten WDR-Vorlesetages geführt.

Vorlesen im Gewächshaus

Stimmenakrobaten Foto: Alexander Greven

Stimmenakrobaten Marion Mainka und Markus Klauk auf der Bühne. Foto: Alexander Greven

Es war ein langer Tag: Die 21 Sprecher des WDR hatten tagsüber in ganz Nordrhein-Westfalen Einzug gehalten – jeder an einem anderen Ort, mit Team. Ob im Gewächshaus von Castrop-Rauxel, einer Skihütte in Neuss oder im Duisburger Spielcasino: „Wir haben Zuhörer dort besucht, wo sie es sich gewünscht haben“, sagt Uta Reitz aus der Regie. An diesen verschiedenen Orten wurde dann das vorgelesen, was die Zuhörer sich ausgesucht hatten. Macht in Zahlen: „200 eingesendete Wünsche, 6.000 zurückgelegte Kilometer und 2.300 Besucher.“ Doch der Vorlesetag ist bewusst keine Aktion für das große Rampenlicht, erklärt Reitz. Es sei im Gegenteil eher intim. „Wir haben zum Beispiel eine Studenten-WG besucht und in deren Küche beim gemeinsamen Mittagessen vorgelesen.“ Die Aktion beweist: Auf das gute alte Vorlesen können sich alle einigen. „Wir haben sie schon alle besucht, von der Heavy-Metal-Band über Rudertruppen bis zum Altenheim“, sagt Reitz.

Im gemütlichen Lesesessel auf der Bühne las Christina-Maria Greve "Alles inklusive" vor. Foto: Alexander GrevenFoto: Alexander Greven

Im gemütlichen Lesesessel auf der Bühne, las Christina-Maria Greve "Alles inklusive" vor. Foto: Alexander Greven

Abschluss in Dortmund

Am Abend schließlich ist Zeit für eine Bilanz; Treffpunkt aller Sprecher ist Dortmund. Von den 200 Wünschen ist noch eine Menge nicht vorgelesen worden, das soll aufgeholt werden. „Jetzt müssen alle nochmal ran“, sagt Regisseurin Reitz. 20 Uhr, die ersten Sprecher stehen auf der Bühne. Es soll ein Abend der Lacher werden.

Von kleinen Brüsten und blauen Kleidern

Die Passage aus Elke Heidenreichs „Erika“, die Markus Klauk und Marion Mainka zum Auftakt lesen, erweist sich unter den Gästen gleich als Senkrechtstarter. Sie erzählt von der Verzweiflung einer Protagonistin, die in den letzten Monaten kaum gelebt, in der Hektik ihrer Arbeitswelt und Trennung höchstens existiert hat. Das entpuppt sich als so komisch, dass das Publikum sein Lachen nur mit Mühe unterdrücken kann – schließlich wird gleichzeitig für das Radio aufgezeichnet. Spätestens, als Christina-Maria Greve Doris Dörries Buch „Alles inklusive“ liest, ist der Abend gesichert. In der Rolle des Teenagers Apple hält Greve einen Monolog über die Größe ihrer Brüste – und erntet tosenden Applaus.


„Beim Vorlesen gehe es um Betonung, Emotion und Interpretation, die der Sprecher mit in die Geschichte einbringe“, sagt Uta Reitz. „Das ist ganz anders, als wenn ich das Buch für mich allein lese.“ Tatsächlich: Der WDR-Vorleseabend glänzt mit dem Unterhaltungsfaktor einer Theaterkomödie – ohne Schauspiel, rein über die Stimmen. Das unterstreichen schließlich Meinhard Zanger und Katja Ruppenthal, die sich vor dem Mikrofon nach Loriots Klassiker „Szenen einer Ehe“ zwischen grünem und blauen Kleid nicht entscheiden können. Am Ende fühlen sich zwei Stunden Kurzgeschichten an, wie fünf Minuten – und man möchte ewig weiterlauschen.

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