Studentenverbindungen im Ruhrgebiet

Zwei ausgestopfte Füchse wachen über den großen Saal. Von einer Vitrine aus überblicken sie den Raum. Dunkle und schwere Möbel stehen vor holzvertäfelten Wänden, in einer der Ecken ist die deutsche Flagge gehisst. An den Wänden hängen Fotos in schmalen schwarzen Bilderrahmen in Reih‘ und Glied. Es sind Portraits, die Gesichter auf ihnen sind allesamt männlich und tragen eine Mütze und ein Band um die Brust. Einige der Bilder sind schwarz-weiß und vergilbt, andere sehen modern aus.

Im Verbindungshaus der Ubia Brunsviga leben sechs der Mitglieder dauerhaft in Studentenzimmern. Bad und Küche wird geteilt.

Im Verbindungshaus der Ubia Brunsviga leben sechs der Mitglieder dauerhaft in Studentenzimmern. Bad und Küche werden geteilt. Fotos und Teaserbild: Teresa Bechtold

Bei den Männern auf den Fotos handelt es sich um Mitglieder der Landsmannschaft Ubia Brunsviga, einer Bochumer Studentenverbindung. Ein paar Bilder stammen noch aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Die Verbindung wurde 1882 in Leipzig gegründet, bevor sie 1965 nach Bochum kam.

Dem Gemeinschaftsaal der Ubia Brunsviga sieht man seine lange Tradition nicht nur an, sie wird dort auch gelebt. Neben Versammlungen und Festen findet hier das regelmäßige Fechttraining statt, das seit der Gründung ein fester Bestandteil des Verbindungslebens ist. Jedes der Mitglieder verpflichtet sich, an sogenannten Mensuren teilzunehmen. Das sind Fechtpartien zwischen Mitgliedern verschiedener Verbindungen. „Bei den Wettkämpfen wird natürlich darauf geachtet, dass die Gegner in etwa auf dem selben Level sind“, sagt Tim K.

Der Literaturwisschenschaftsstudent hatte vor seinem Eintritt in die Verbindung vor zwei Jahren keinerlei Erfahrungen mit dem Sport. Auch mit Studentenverbindungen hatte er eigentlich nichts zu tun. Nachdem er für das Studium aus seiner Heimatstadt Leipzig nach Bochum gezogen war, lebte er zunächst zwei Jahre lang alleine. Als er in ein WG-Zimmer umziehen wollte, stieß er bei der Suche auf die Ubia Brunsviga.

Die vermieten in ihrem Verbindungshaus nämlich auch einige Zimmer an Nicht-Mitglieder. Er entschied sich dazu einzuziehen und wurde nach wenigen Wochen in dem Haus selbst Mitglied. „Einige Dinge fand ich zunächst seltsam. Das Fechten zum Beispiel“, sagt Tim. Ausschlaggebend für seinen Beitritt seien die Freundschaften gewesen, die er in der Verbindung geschlossen hat. „Es ist schön, ein Teil der Gemeinschaft zu sein“, sagt er.

Abgrenzung zu Burschenschaften

Anders als in den USA, wo Studentenverbindungen für Spaß, Parties und sorgenfreies Studentenleben stehen, haben Verbindungen in Deutschland ein eher angestaubtes Image. Das liegt unter anderem daran, dass sie oft mit Burschenschaften gleichgesetzt werden. Burschenschaften sind zwar auch Studentenverbindung, sind jedoch, im Gegensatz zu den anderen Verbindungen wie Landsmannschaften oder Corps, politisch.

Frederic S. trägt auch in seiner Freizeit oft die Bänder in den Farben seiner Verbindung um die Brust.

Frederic S. trägt auch in seiner Freizeit oft die Bänder in den Farben seiner Verbindung um die Brust.

Viele Burschenschaften fallen immer wieder durch rechte Tendenzen auf. Erst Ende Mai wurde auf dem Burschentag des Dachverbandes Deutsche Burschenschaften in Eisenach über einen „Arier-Nachweis“ für Mitglieder diskutiert. Der Vorschlag wurde schließlich abgelehnt, dennoch festigte er ein rassistisches Bild von Burschenschaften in der Öffentlichkeit.

Die Mitglieder der Ubia Brunsviga legen viel Wert darauf keine Burschenschaft zu sein.  „Bei uns spielt die politische Meinung keine Rolle.“, sagt Frederic S. Nur extreme Ansichten würden nicht toleriert werden. „Unser Dachverband, der Coburger Convent, grenzt sich deutlich von der Deutschen Burschenschaft ab“, so Frederic.

Der Maschinenbaustudent ist seit vier Jahren bei der Ubia Brunsviga. Er trägt auch in seiner Freizeit oft die Mütze und das Band, die ihn als Mitglied einer Verbindung kennzeichnen. Jede Verbindung hat ein bestimmtes Coleur. Das ist eine Farbkombination, die auf diesen Accessoires zur Schau gestellt wird. Die Farben der Ubia Brunsviga sind blau-weiß-schwarz. „Es kam schon vor, dass ich als Fascho beschimpft worden bin“, sagt Frederic. Auf solche Vorurteile reagiert er mit einer Einladung ins Verbindungshaus. „Wer uns näher kennenlernt merkt schnell, dass wir jegliche Meinungen tolerieren“, sagt er.

Der Kampf mit den Vorurteilen

Dominik S. von der katholischen Verbindung K.d.St.V. Angrivaria aus Dortmund geht mit seiner Mitgliedschaft nicht so offen um. „Ich wurde von einem Professor aus einem Seminar geschmissen, weil der mitbekommen hat, dass ich in einer Verbindung bin“, sagt er. Dominik studiert Germanistik auf Lehramt an der TU Dortmund. Er möchte weder mit vollem Namen genannt werden, noch bildlich im Artikel erscheinen. Zu groß ist die Angst vor Benachteiligungen aufgrund der Mitgliedschaft.

Auf einer Fotowand sind sämtliche Mitglieder der Ubia Brunsviga verewigt.

Einige der Bilder stammen noch aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg und wurden zufällig auf dem Flohmarkt wiederentdeckt.

Die Verbindungen haben stark mit ihrem Image in der Öffentlichkeit zu kämpfen. Das zeigt sich auch in teilweise rückläufigen Mitgliederzahlen. Überholt, rechts und trinkfest sind wohl die gängigsten Vorurteile gegen Studentenverbindungen. „Natürlich kommt es vor, dass auf unseren Versammlungen das ein oder andere Bier zu viel getrunken wird, so wie bei jedem anderen Stammtisch auch“, sagt Thomas Stullich. Auch Trinkspiele seien üblich. Es würde aber nie jemand zu etwas gezwungen, was er nicht möchte.

Stullich ist ein sogenannter „Alter Herr“ bei der Angrivaria. Der 48-Jährige trat der Verbindung zu Beginn seines Informatikstudiums in Dortmund bei. Heute unterstützt er die Angrivaria neben seinem Beruf in der Managementberatung weiter. „Wir sind ein Lebensbund. Wer einmal beigetreten ist, bleibt für den Rest seines Lebens dabei“, sagt Stullich. Die Aktivitas, das sind die Mitglieder die derzeit noch studieren, sollen von den Erfahrungen der Alten Herren profitieren. Jeder Fuchs – so werden die neuen Mitglieder einer Verbindung genannt – wählt ein älteres Mitglied als sogenannten Leitburschen aus. Der unterstützt ihn dann in allen Lebenslagen, ähnlich wie ein großer Bruder.

Als Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit tauschen sie Zipfel aus. Das sind kleine Metallplatten, auf denen die Namen der beiden eingraviert werden. Zipfel können auch zu besonderen Anlässen oder als Zeichen der Freundschaft ausgetauscht werden. Im Laufe eines Verbindungslebens sammeln sich so mehrere Zipfel an, die die Mitglieder an einem Zipfelbund immer bei sich tragen.

Besuch aus Japan

Die Angrivaria gehören zum Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen. Zu den berühmtesten Mitgliedern zählen Thomas Gottschalk, Christoph Metzelder oder der ehemalige Papst Benedikt XVI. Frauen dürfen wie bei fast allen Dachverbänden nicht beitreten. Vereinzelt existieren reine Frauenverbindungen oder auch gemischte, aber das ist eher die Ausnahme. Tim hätte nichts dagegen auch Frauen aufzunehmen. „Viele der jüngeren Mitglieder sind da grundsätzlich offen für“, sagt er. Gerade die älteren Herren würden aber noch stark an den Traditionen hängen. „Es ist gut möglich, dass Frauen irgendwann Mitglied werden dürfen. Das ist aber noch ein langer Prozess“, so Tim.

Stefan B., Michael Otto und Thomas Stullich (v.l.) haben allesamt in Dortmund studiert. (Foto: Teresa Bechtold)

Stefan B., Michael Otto und Thomas Stullich (von links) haben allesamt in Dortmund studiert.

Vor einigen Jahren freuten sich die Mitglieder der Angrivaria über Besuch aus Japan: Die Verbindung Edo-Rhenania Tokyo wurde von Germanistik Studenten in Tokio nach deutschem Vorbild gegründet. Die japanischen Studenten sind damals durch ganz Deutschland gereist und haben viele ihrer Partnerverbindungen besucht.

Grundsätzlich gilt: Wenn ein Mitglied aus einer fremden Verbindung im Verbindungshaus vorbeischaut, muss ihm Kost und Logis gewährt werden. Auf diese Weise reisen auch viele deutsche Verbindungsmitglieder durchs Land. Um die Suche nach der Unterkunft zu erleichtern, bedienen sich die Traditionsverbindungen ganz moderner Mittel. Der Weg zu den verschiedenen Verbindungshäusern wird von der Smartphone-App „Coleurbummel“ gewiesen.

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